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Galerie-Jubiläum : Mit allen Wassern der Kunst gewaschen

  • -Aktualisiert am

In München feiert Walter Storms sein vierzigjähriges Galeriejubiläum - mit einer Einzelausstellung von Tim Freiwald und wöchentlich wechselnden Installationen mit Arbeiten von Künstlern der Galerie.

          Tim Freiwald ist ungefähr so alt wie Walter Storms es war, als er 1977 seine Galerie in München eröffnete. Dass Storms jetzt zur Feier seines vierzigjährigen Jubiläums dem jungen Künstler eine Einzelausstellung widmet, statt einer seiner gestandenen Berühmtheiten, überrascht nur den, der nicht weiß, wie neugierig Storms auf junge Kunst ist, und der ihn nie, etwa in der Münchner Kunstakademie, die junge Basis erkunden sah. Wenn er seine Entdeckungen ins bestehende Programm einstreut, bedeutet das ein Statement des jung gebliebenen Siebzigjährigen: Auch wenn er etablierte Künstler wie Sean Scully in Deutschland exklusiv vertritt oder die Nachlässe von Günter Fruhtrunk und Raimund Girke bewahrt, behält er den Nachwuchs im Blick – vorausgesetzt, er trifft seinen Nerv, der vor allem auf nichtfigurative und konkrete Kunst reagiert. So geschehen bei Tim Freiwalds per Säge, Messer, Feuer und anderen Hilfsmitteln vorgenommenen Bildträger-Dekonstruktionen und anschließender Neubildung raumhaltiger, mehrfarbig bemalter und diverse Materialien kombinierender Wandobjekte.

          In den Nachbarräumen der weitläufigen Galerie aber wechseln derzeit wöchentlich bunt gemischte Installationen mit Arbeiten von Künstlern der Galerie aus vier Jahrzehnten. Da ist einiges geboten; an jedem Dienstag ein neuer Auftritt, und das über Monate. Spätestens in den frühen Achtzigern hatte sich der Name der Galerie bei Kunstinteressierten weit herumgesprochen. Wer erstmals die damalige Lokation betrat, staunte nicht schlecht: Überraschend klein waren die Räume, in denen Storms Großformatler wie Günther Uecker zeigte, den er schon als Schüler bewundert und besucht hat, oder Rupprecht Geiger, von dem er einmal sagte, er sei „dreißig Jahre lang Eckpfeiler meiner Galerietätigkeit“ gewesen.

          Er schmuggelte die Werke über die Grenze

          Sogar die mächtigen Eisenskulpturen von Giuseppe Spagnulo fanden irgendwie Platz; seine erste Arbeit vom italienischen Bildhauer stotterte Storms bereits als Student ab. Zum Kunstgeschichtsstudium war der gebürtige Rheinländer ein paar Jahre zuvor nach München gekommen, jetzt konnte er eine ehemalige Dachdeckerwerkstatt im Hinterhof einer Schwabinger Immobilie mieten, die der Witwe Ernst Wilhelm Nays und deren Schwester gehörte. Dann hieß es vormittags erst mal Lastwagen fahren, um die Brötchen zu verdienen, nachmittags dann die Galerie aufschließen. Mit der sprichwörtlichen Kommunikationsfreude seiner Heimatregion begabt, kannte Storms damals nicht nur bereits die halbe Stadt, sondern hatte auf Reisen vor allem in Osteuropa und in Italien auch Kontakte zu Künstlern geknüpft. Als Dynamiker, der er ist, organisierte er „nebenbei“ noch diverse Ausstellungen.

          Bereits zu den Olympischen Spielen von München 1972 holte Storms Künstler aus Prag – er schmuggelte die Werke, als Bühnendekoration für eine Rockband deklariert, über die Grenze – und dann nochmals 1983 im Auftrag des Kulturreferats. Stanislav Kolibal war dabei, vor allem Magdalena Jetelová, auf deren Entdeckung Storms stolz ist: Erstmals präsentierte er die Bildhauerin und Fotokünstlerin im Westen und begleitet seither ihre internationale Karriere. Das Letzte, woran es diesem Galeristen mangelt, ist Energie – und Passion für die Kunst: Das Lenbachhaus verdankt ihm die Gründung seines Freundeskreises, und die Münchner Galeristenkollegen lenkte er zwei Jahrzehnte lang als Vorsitzender der gemeinschaftlichen Initiative durch diverse Stürme. Der später in der Allianz aufgegangenen „Vereinten Landesversicherung“ baute Storms die beachtliche Fotosammlung auf; sie steht heute der Pinakothek der Moderne als Dauerleihgabe zur Verfügung.

          Als die Schwabinger Bleibe dann doch zu klein wurde, zog die Galerie über eine heute für Sonderveranstaltungen genutzte Interimsadresse im Jahr 2009 in das Kunstareal bei den Pinakotheken. Durch den Weggang der Galerie SprüthMagers war ein Domizil von Kunsthallengröße frei geworden, und Storms schlug zu: In der ehemaligen Garage aus den zwanziger Jahren, die einst achtzehn Autos sowie Büros beherbergen konnte, war nun auch Platz für die Gemäldekaliber von Sean Scully, und Gerhard Merz gesellte sich zu den Künstlern der Galerie. Gotthard Graubner kam und fand die Räume perfekt für seine großen Kissenbilder, doch die Eröffnung seiner museumsreifen Schau 2013 erlebte er nicht mehr. Und immer wieder ist auch Platz für die Jungen, wie jetzt für Tim Freiwald. (40 Jahre Walter Storms Galerie, bis zum 23. Mai; Tim Freiwald bis zum 8. April.)

          Quelle: F.A.Z.

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