In einem Café vor der Basler Messe zu sitzen ist zurzeit nicht empfehlenswert. Wo man sonst eine geruhsame Pause einlegte, zerschmettert Rattern das Trommelfell. Der Presslufthammerkrach ist für den Bauarbeiter mit den riesigen Kopfhörern noch am erträglichsten. Ältere Herren reihen sich etwas weiter brav am Bauzaun, hinter dem der Erweiterungsbau für das Messegelände entsteht.
Dort öffnet sich eine Weltuntergangsszenerie wie in „Independence Day“ von Roland Emmerich, im beschaulichen Basel eher selten: Sieben Bagger stehen in unvorstellbarem Betongewühl, ein Kran schwenkt die Abrissbirne auf den letzten Rest grauer Bröckelarchitektur, während sich auf der anderen Seite der Straße schon der elegante Herzog & de Meuron-Bau herausschält. Expansionsalarm in Zeiten der Euro-Krise. In diesem Lärm, aber doch geschützt von den Messehallenwänden, toben sich zurzeit wieder fast 300 Galerien aus 36 Ländern aus - auf der bedeutendsten Kunstmesse der Welt.
Gekommen sind zur 43. Art Basel alle, die wirklich wichtig sind im Betriebssystem der Kunst: Sammler, Museumsdirektoren, Kuratoren und die Ankaufskomissionen, wie die des Bundes aus Deutschland. Sie drängelten sich am ersten Tag; auch die „First-Choice-VIP“-Karten ersparten das Anstehen im Regen nicht. Die erwarteten Stars aber blieben aus: Einem Exfußballer, der auch gern Kunst ansieht (Günter Netzer), und einer Künstlerin, die Blümchenkleider mag (Tracey Emin), begegnete man so oft, als schickten sie Double durch die Reihen.
Im Vergleich zur Bauwut draußen wirkt der beliebte Bereich „Art Unlimited“, mit seinem alljährlichen Versprechen, grenzenlose Kunst zu zeigen, wie Bastelarbeit. Die natürlich ihren eigenen Charme entfalten kann - Damián Ortega macht unseren Alltagsraum transparent mit „Architecture without Architect“, indem er ein viergeschossiges Wohnhaus ohne Wände baut: Stühle, Bilder und Türen schweben, als wären die Wände durchsichtig. Hübsch anzuschauen. Die Art Basel präsentiert sich insgesamt kleinteilig und brav: Nina Beier hat für „Tragedy“ einen Perserteppich in einen Raum gelegt, in den man nur hineinschielen darf. Ein Lichtkegel im Zentrum deutet an, dass etwas imaginiert werden soll (2011, Laura Bartlett Gallery).
Wirkt sich da die Euro-Krise aus? Im Gegenteil. Der Basler Markt erzittert unter der Kaufkraft. Ein Galerist aber sagt trotzdem: „Die Messe müsste zwei Jahre pausieren, damit die Künstler zur Ruhe kommen können und anschließend mal wieder etwas richtig Überzeugendes zeigen.“ Denn nicht die Preise, sondern die Qualität leidet sichtlich. Cosima von Bonin, deren immenser Output schon lange anhält, hat zuletzt mit einer schrägen, dichten Schau im Museum Ludwig überzeugt; ihr schon zwei Jahre alter „The Bonin/Oswald Empire’s Nothing“, aufgestellt von der Galerie Petzel aus New York, scheint jedoch merkwürdig verloren.
Überhaupt sind kaum neue Arbeiten zu sehen. Ugo Rondinone löst bei Presenhuber in einem mit Holz ausgelegten Raum Assoziationen an die neue Tierliebe der Kunstszene seit Beginn der Documenta 13 aus: Kleine Vögelskulpturen picken hier unter dem Titel „primitive“ ins Leere. Der Documenta-Künstler Walid Raad wiederum traut sich mit seiner schon 2011 auf der Frieze Art Fair in London gezeigten Arbeit zum 11. September „Cotton Under My Feet“ nach Basel, gehängt von Reynolds aus London. Neu arrangiert hat Alicia Kwade bei Johann König aus Berlin gebogene Utensilien im Kreis, „In Circles“ - ein Kreismuster aus Hölzern, Zaunteilen, Toren, Tapeziertisch, Holzpaletten. Die Kraft der Kunst führt dann aber doch noch einer vor: Robert Morris, in einem Durchgangszimmer verquirlen sich allerhand braun-schwarze Formen zum „Untitled (Scatter Piece)“. Die Installation ist von 1968/69, ausgelegt von Sprüth Magers aus Berlin.
Wie sieht es in den Haupthallen nach der schon schwächeren Ausgabe im vergangenen Jahr aus? Wirkt sich die Übernahme der Kunstmesse in Hongkong auf Basel aus? Sehen wir viele Documenta-Künstler? Mit diesen Fragen geht man durch die Gänge, doch ein anderes Thema drängt sich auf: Die Werke der Klassischen Moderne werden immer spärlicher, ihre Rolle verblasst auf der Messe zugunsten des Zeitgenössischen. Henze und Ketterer zeigen prominent Kirchners „Sängerin am Piano“ von 1930, das man nun bei den Kunsthändlern schon eine Weile wiedersieht; es hing 2010 auch in der Retrospektive im Städel.
Die ganz hohen Preise bringt derweil ein alter Bekannter: Den Händen eines Schweizer Sammlers entwunden hat Marlborough Fine Art das teuerste Werk der Messe: Mark Rothkos rotes „Untitled“-Gemälde von 1954. Das Bild, so erklärt Marlborough stolz, ist am dritten Tag für 78 Millionen Dollar vermittelt worden. Die Summe übersteigt damit knapp den Zuschlag für Rothkos „Orange, Red, Yellow“ von 1961, das bei Christie’s in New York im Mai für 77,5 Millionen Dollar zugeschlagen wurde; mit Aufgeld sind das allerdings 86,9 Millionen Dollar. Ein großformatiges abstraktes Richter-Gemälde „A.B. Courbet“ von 1986 ging bei der New Yorker Pace Gallery für 25 Millionen Dollar weg. Unvorstellbar. Daniel Blau aus München hat dreizehn frühe Zeichnungen von Warhol zwischen 20.000 und 60.000 Euro vermittelt.
Das 20. und 21. Jahrhundert stehen im Fokus der Art Basel. Die Stände sind vollgezimmert mit Bildern. Die Galerien folgen mittlerweile auch in Basel der Praxis, die sich seit der Finanzkrise durchgesetzt hat: möglichst viele Namen zu zeigen, um eben möglichst viele Geschmäcker anzusprechen. Den berührendsten Stand hat wieder Neugerriemschneider aus Berlin gewagt: Sharon Lockhart zeigt ein Video auf imposantem Screen, wie hineingebeamt in die Messeatmosphäre: Eine Frau tanzt dort einen präzisen, abstrakten Tanz in tiefer Konzentration. Es ist eine Choreographie von Noa Eshkol, eine Israelin, die 2007 verstarb und der Lockhardt hier ein Denkmal setzt. Auf Fotos sehen wir Modelle ihrer Tanztheorien: Bälle aus Stahl, in denen alle möglichen Bewegungen eines aufrechten Menschen nachgebildet sind. Das sind museale Überraschungen, die auch eine Kunstmesse bieten kann.
Und auch die parallel stattfindende Documenta 13 in Kassel scheint an vielen Stellen durch: Julie Mehretus „Siren“ bei Marian Goodman zum Beispiel, Pierre Huyghes „Apparaissance“ von 2012 bei Schipper aus Berlin, ein merkwürdiges Fellwesen, das den Kopf in den Boden steckt - ganz anders also als seine Frau mit Bienenstockkopf in Kassel. Überpräsent ist Jorinde Voigt, die ihre graphischen Notate mittlerweile ausfüllt mit farbigen Flächen, die wie Urkörper einwirken. Roman Ondáks konzentrierte Tischanordnung mit Hegel-Tüte und Foucault-Schachtel steht bei Johnen aus Berlin - auch er ist auf der Documenta vertreten. Das ist die Kunst der Seitenwege.
Die Zentren der Messe aber werden von der Jagd nach hohen Zahlen dominiert. Einen Eindruck vermittelt der Blick auf eine konzentrierte Auswahl der Verkäufe: Hauser & Wirth will Gustons „Orders“ von 1978 für sechs Millionen, Louise Bourgeois’ Skulptur „Arched Figure“ von 1993 für zwei Millionen und Paul McCarthys „White Snow and Prince on Horse“ für 1,8 Millionen Dollar vermittelt haben. Die Liste ist noch längst nicht abgearbeitet - auch nicht mit Ai Weiweis „Marble Toy Car“ für 200.000 Euro bei Lisson.
Zwirner hat fast seine gesamte Koje leerkaufen lassen: Judds 2,6-Millionen-Dollar-Wandkästen, Rauchs „Männer mit Flugzeugen“ für 850.000 Dollar und Naumans „Four Small Animals“ von 1989. Die Documenta-Künstler Francis Alys und Carol Bove bringen Zwirner noch einmal 120.000 und 75.000 Dollar. Sprüth Magers haben eine Collage von Sterling Ruby vermittelt für 95.000 Dollar. Grässlin zeigte sich zufrieden mit Verkäufen von Kippenberger, Herold, Förg und Zobernig. Kicken aus Berlin hatte Erfolg mit Rodschenko für 28.000 Euro, Brassaï für 11.000 Euro und Blumenfeld für 35.000 Euro.
Eigen + Art variiert das Spiel: Verkauft hat die Galerie zwei Bilder von Neo Rauch für je 720.000 Euro; so entstand Freiraum für Martin Eder, Tim Eitel und Stella Hamberg. Auch Aurel Scheibler ist überglücklich. Er hat Alice Neels Porträt „Elsie Rubin“ von 1960 für 500.000 Dollar an eine chinesische Sammlung verkauft. China? Was macht eigentlich der Austausch mit Asien, wo doch in Hongkong 2013 die erste Messe unter Basler Führung stattfinden wird? Die Galeristen am Stand von Chemould Prescott Road aus Bombay, immerhin als Juroren für die „Art Basel Hongkong“ 2013 benannt, blieben ziemlich allein und schauten ähnlich verwirrt auf den Trubel wie die Europäer noch vor wenigen Wochen auf der Art Hongkong. Umdenken also allenthalben. Stehenbleiben aber hieße zurückzufallen. Das ist seit jeher das Credo der Art Basel - es ist nun Qualität und Gefahr in einem.