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Messerundgang Kreditkartenzerstörung inklusive

14.10.2011 ·  Ein nervöser Cocktail aus Geld, Beziehung und Kunst: Die „Frieze Art Fair“ in London beginnt ängstlich und beweist dann Stärke.

Von Gina Thomas, London
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© Gió Marconi Ein ungleiches Paar zeigt Nathalie Djurberg in ihrem Film „Woods“ mit Musik von Hans Berg bei Marconi für 25.000 Euro

Die finanzkräftige Kunstschickeria ist im Schlangestehen nicht geübt. Aber der erlesene Kreis der „VVIPs“, dem am Tag vor der Öffnung der Londoner Frieze Art Fair für die üblichen Sterblichen drei Stunden Vorsprung gegenüber den bloßen VIPs gewährt wird, stellte sich ungeachtet aller Hiobsbotschaften aus dem Finanzsektor schon zeitig vor dem großen Zelt im Regent’s Park an, um ja den ersten Zugriff zu haben auf das Sortiment der 173 Galerien aus mehr als dreißig Ländern. In ihrem neunten Jahr wirkt die Messe für Gegenwartskunst solider und weniger frenetisch als zuvor. Das mag an der gedämpften Risikobereitschaft der Händler liegen, die in unsteten wirtschaftlichen Zeiten eher das Gefällige und Gestandene betonen, als sich mit Unerprobtem zu exponieren.

Es gibt zwar Anzeichen, dass nicht mehr so unbesonnen wie einst angeschafft wird, doch widerlegen die Rückmeldungen der Händler insbesondere am oberen Ende des Markts die Befürchtung, die Sammler hielten das Portemonnaie geschlossen. Am Anfang machte sich die ängstliche Anspannung bemerkbar. Sobald sich abzeichnete, dass die Geschäfte liefen, war ein kollektives Aufatmen zu spüren. Eine Galeristin, die innerhalb weniger Stunden bereits mehrere Werke verkauft hatte, meinte sogar mit vor Aufregung geröteten Wangen, es ginge alles zu gut, als sei es ihr unheimlich. Andere Händler berichteten kopfschüttelnd über ihre Erfolge.

Zwei Namen, die sich aufdrängen

In der Tat schien sich die Ballung des großen Geldes im Frieze-Zelt von der realen Welt mit ihren Krisen- und Untergangsszenarien abzuheben wie ein paralleles Universum, und einige, darunter auch Aussteller, die für einen Moment innehielten, mussten gestehen, dass sie sich eines gewissen Widerwillens nicht erwehren konnten. Nichts verkörpert den mit dem Zynismus des Markts gepaarten Überfluss so nachdrücklich wie die Luxus-Yacht, die für 65 Millionen Euro zu haben ist - mit einem Zertifikat des Konzeptkünstlers Christian Jankowski ausgestattet, allerdings noch zehn Millionen Euro teurer sein soll, weil es damit zum Kunstwerk erkoren wird. Es liegt also im Ermessen des Käufers, der, ebenso wie der Verkäufer, Mitspieler der zur Performance erklärten Narretei ist.

Zwischen dem Schönen und dem Skurrilen, dem Monumentalen und dem Intimen, dem Schrillen und Bescheidenen, den großen Etablierten und den kleinen Entdeckungen drängen sich hier wie anderswo auf dem Kunstmarkt zwei Namen auf, die zur Zeit hoch im Kurs stehen: der 1972 in England geborene, inzwischen in Los Angeles lebende Thomas Houseago und der 54 Jahre alte Amerikaner George Condo, dem das New Museum in New York eine Retrospektive widmete, die jetzt in London eröffnet und dann nach Rotterdam in die Frankfurter Schirn wechselt. Houseagos kolossale Gipsgestalten haben in ihrer rohen Verarbeitung etwas von Giambolognas Apenin im Garten der Medici-Villa von Pratolino. Hauser & Wirth hat die im Frieze-Skulpturenpark ausgestellte Bronze „Hermaphrodit“, die Züge von Eduardo Paolozzis Mensch-Maschinen trägt, für 425.000 Dollar an einen Europäer vermittelt. Bei Zwirner aus New York ließ sich ein amerikanischer Sammler Neo Rauchs surrealistisch suggestives „Haus des Lehrers“ von 2003 1,35 Millionen Dollar kosten. Von der Erschließung neuer Märkte zeugt das Baselitz-Gemälde, das Thaddaeus Ropac mit 430.000 Euro bezifferte und an einen Libanesen vermittelte.

Die größte kommerzielle Galerie Europas

Wie immer gibt es auch Knalleffekte, durch die Händler auffallen wollen. Die Gagosian Gallery hat ihren Stand von Franz West gestalten lassen, der selbst mit einer wie eine gewundene, blass rosafarbene Wurst über den Besuchern türmenden Skulptur vertreten ist. Zu den am geschmackvollsten gestalteten Kojen zählen neben Thomas Danes loftartigem Stand mit Michael Landys ironisch-verspielter Kreditkartenzerstörmaschine der Auftritt der Frith Street Gallery, die eine mit 120.000 Pfund ausgezeichnete Installation von Cornelia Parker anbietet.

Die Energie, die vom nervösen Cocktail aus Geld, Einfluss, Beziehung und Kunst ausgeht, reicht in der wie Ascot, Wimbledon oder Henley zum Fixum gewordenen Frieze-Woche auf andere Brennpunkte kreuz und quer durch die Stadt hinüber, wie zum Beispiel nach Bermondsey am südlichen Themseufer, wo das Büro Casper Mueller Kneer für Jay Joplings White Cube ein Lagerhaus aus den siebziger Jahren in die größte kommerzielle Galerie Europas umgewandelt hat. Die von einem siebzig Meter langen Flur durchquerte Fläche von 5440 Quadratmetern umfasst neben Ausstellungsräumen, um die jedes Museum die Kunsthandlung beneiden würde, ein Auditorium, einen Buchladen sowie private Verkaufsräume für exklusive Kunden.

Jopling, der in London jetzt drei Niederlassungen besitzt, ist keineswegs der Einzige der Expansionspläne realisiert. Hauser & Wirth, Thomas Dane und Blain Southern haben oder werden in Kürze neue Räume beziehen. Einen mutigen Neustart macht Pilar Ordovas, einst bei Christie’s für die Nachkriegs- und Gegenwartskunst zuständig, mit einer Schau, in der kein einziges Bild zum Verkauf steht. Sie bringt Bacons von Rembrandts Selbstporträt in Aix-en-Provence inspirierte Bilderfolge mit der Vorlage zusammen und weist damit den Weg zur nächsten Frieze, die neben der Gegenwartskunst auch Alte Meister anbieten will, um die ganze Kunstgeschichte vor Augen zu führen und freilich auch neue Kunden anzuziehen.

Frieze Art Fair. Bis 16. Oktober im Regent’s Park, London. Geöffnet am Samstag von 12 bis 19 Uhr und am Sonntag von 12 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 27 Pfund, der Katalog 19,99 Pfund.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1957, Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

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