Der junge Mann trägt eine Taucherbrille, einen Umhang, wie ihn ein Superheld tragen würde, eine Badehose und Socken. Er klettert in einen winzigen Pool, in dem nur eine Wasserpfütze zu sehen ist, und beginnt Schwimmbewegungen zu machen. Der Künstler Rizman Putra aus Singapur unterhielt am Eröffnungsabend der dritten „Art Stage Singapore“ das Publikum mit seiner Performance „The Reinvention of Sports Jaded Individuals“. Sein Fisch schwimmt auf dem Trockenen. Für die Kunstmesse hingegen gilt das Gegenteil.
Um im Bild zu bleiben: Die „Art Stage Singapore“ hat sich freigeschwommen und inszeniert in ihrer bislang mit 131 Ausstellern größten Ausgabe selbstbewusst die eigene Regionalität. Jedoch hat der Begriff „Regionalität“ in einem Einzugsgebiet wie dem, was im Westen salopp mit dem Oberbegriff „Asien“ belegt wird, eine völlig andere Dimension. Allein die Liste derer, die zur südostasiatischen und asiapazifischen Region gehören, ist erschöpfend: Indonesien, Kambodscha, Burma, Thailand, Vietnam, Philippinen, Hongkong, Taiwan, Südkorea, Australien und Neuseeland bis hin zu China, Japan und Indien.
Hongkong ist keine Konkurrenz
Auffällig ist: Man gibt sich hier unaufgeregt, vor allem gegenüber dem Konkurrenten in Hongkong, der im Mai mit dem Signet „Art Basel“ Premiere feiert und sich bereits im Vorfeld gehörig auf die Brust klopft. Art-Stage-Messegründer Lorenzo Rudolf erklärt: „Es geht uns vor allem darum, den Dialog innerhalb der südostasiatischen und asiapazifischen Kunstszene zu befördern. Nirgends existieren so viele Kunstszenen so isoliert nebeneinander. Hier geht es um viel mehr als um den Gegensatz aus West und Ost. Deshalb besteht die vielbeschworene Konkurrenz zu Hongkong für uns gar nicht.“
Ein Rundgang zeigt: Natürlich gibt es wieder zahlreiche Beispiele jener figurativen Pop-Art, die vielen als Inbegriff „asiatischer“ Kunst gilt. So zeigt die „Linda Galerie“, die in Singapur, Jakarta und Peking operiert, Skulpturen Cai Zhisongs, der lebensgroße Terrakotta-Krieger Yogaübungen absolvieren lässt. Finden wir auch kritische Reflexion? Zu sehen ist sie in Singapurs Off-Räumen und Künstlerateliers; doch es wird noch dauern, bis sie auch das Bild der Messe bereichern. Denn auch wenn die Erfolgsstory des reichen Singapur es gern verschleiert: Probleme gibt es hinter der hochhausstarren, klimatisierten Fassade des reichen Stadtstaates genug. Immer noch ist Singapur trotz der 1965 errungenen Unabhängigkeit geprägt von staatlicher Lenkung, von eingeschränkter Meinungs- und Pressefreiheit und weit entfernt von einer parlamentarischen Demokratie. Dazu kommen innergesellschaftliche Spannungen: von der rigiden Einwanderungspolitik, die allmählich zu einem gravierenden Mangel an Arbeitskräften und einer schleichenden Überalterung der Gesellschaft führt, bis hin zur öffentlich geächteten Homosexualität. Das sind nicht die besten Bedingungen für eine lebendige Kunstszene.
So fällt ein von der Messe unterstütztes Projekt wie „New Black City“ der Singapurer Künstler Khiew Huey Chian, Jeremy Sharma und Jason Wee um so mehr auf: Aus Sperrholzkörpern, mit Industrielack bemalten Aluplatten und modularen Objekten aus gestapelten Radiergummis haben die drei ein Zerrbild des modernen Singapur geschaffen: düster, unübersichtlich, anonym, mehr Gotham City als Utopia.
Doch natürlich gibt es auf der diesjährigen Art Stage auch die internationalen Player, für deren Angebot die gesellschaftlichen Nuancen Südostasiens nur eine nebengeordnete Rolle spielen: White Cube aus London setzt unverdrossen auf Damien Hirst, Perrotin zeigt wie 2012 einen Überblick über die hauseigenen Bestseller wie Michel Othoniel, Takashi Murakami, oder Paola Pivi. Die Opera Gallery, Singapurs älteste Galerie, offeriert mit Chagall und Miró bis hin zu Marc Quinn eine bunte Mischung vom First- und Secondary Market. Mit Picassos „Le Peintre et son Modèle“, einem skizzenhaften Gemälde von 1963 für 4,2 Millionen Dollar, hat sie das teuerste Werk der Messe im Angebot.
Globalplayer und lokale Händler finden in Singapur zusammen
Der Schweizer Lorenz Helbling, der von Schanghai aus als erster Händler die wichtigsten Namen der chinesischen Gegenwartskunst international bekannt gemacht hat, hat seine Stars wie Yang Fudong oder den kontroversen Xu Zhen zu Hause gelassen. In Singapur zeigt Shanghart mit etablierten chinesischen Künstlern wie dem Abstrakten Ding Yi oder dem Kamelmaler Zhou Tiehai ein auffällig zahmes Programm. Auch Matthias Arndt aus Berlin setzt auf Kommerzielles und zeigt ein Potpourri indonesischer Künstler, darunter Eko Nugroho, mit dem er beim letzten Berliner Gallery Weekend reüssierte. Rafael Jablonka, ebenfalls aus Berlin, hat für seine Premiere in Singapur eine kleine Warhol-Werkschau im Gepäck: von Polaroids, Porträts und Zeichnungen bis hin zum mit 1,2Millionen Dollar bezifferten, 1972 entstandenen Gemälde der Julia Warhola. Sicherheitshalber hat man am zweiten Messetag dann doch „Andy Warhol Portraits“ in großen roten Lettern auf die Kojenwand geschrieben: Zu viele Leute fragten, ob dies wirklich die Originale seien.
Mit solchen Fragen muss sich die 1996 gegründete Gajah Gallery aus Singapur nicht herumschlagen: Man kennt sie hier und vor allem ihren Star, den Maler Nyoman Masriadi, dessen Gemälde bereits zur Preview ausverkauft waren (Die Preise liegen zwischen 250000 und 350000 Dollar). Er ist der erste indonesische Künstler, der auf einer Auktion bei Sotheby’s in Hongkong 2008 die Million-Dollar-Marke durchbrach. Er malt die einfachen Menschen Indonesiens als stolze Boxer: comichaft, technisch versiert. Koyanagi aus Tokio, erstmals auf der Messe, richtet eine Soloschau mit Werken Hiroshi Sugimotos ein, die im wohltuenden Kontrast zum teils arg bunten Treiben steht (Preise 18000 bis 400000 Dollar). In Japan und im Westen berühmt, ist er in Südostasien nahezu unbekannt.
Im Pavillon werden Künstler ohne Galerie gezeigt
Indonesien, die größte Kunstnation der Region, wird von Sammlern geprägt, die als Mäzen aber auch als Händler agieren. Der südostasiatische Binnenmarkt funktionierte lange quasi ohne Galerien; die effektive internationale Vermarktung südostasiatischer Künstler ist so jedoch unmöglich. Vor diesem Hintergrund stehen die Bemühungen der Messe um Vermittlung: Erstmals wurde mit dem „Indonesian Pavillon“ eine Länderplattform eingerichtet. Hier werden Künstler gezeigt, die noch keine Galerie haben. In diesem Fall tritt die Messe als Galerie auf: Alle Werke sind zu verkaufen. Zur Preview gab es zahlreiche Reservierungen lokaler Sammler. Darüber hinaus sind es die „Project Stages“, Förderkojen für junge Künstler, die echte Entdeckungen ermöglichen. The Drawing Room aus Manila zeigt ein monumentales Gemälde des „Banksy der Philippinen“, dem 1985 geborenen Künstler Vermont Colonel Jr. Er fährt mit dem Fahrrad durch die Stadt und fotografiert die vielen Hochstraßen, vergrößert seine Fotos und fertigt Schablonen an, die er in zahlreichen Schichten auf die Leinwand bringt und besprüht.
Die dritte Art Stage Singapore zeigt: Der heterogene südostasiatische und asiapazifische Kulturraum, die Sammlertraditionen und die noch schwache internationale Aufmerksamkeit machen es der Messe schwer. Aber sie wird Bestand haben, wenn es ihr gelingt, sich nachhaltig als Handelsplattform in der gesamten Region zu etablieren und Raum schafft für Unorthodoxes und Neues. Bislang ist das Interesse stärker als die Verkäufe, doch der einzige wirkliche Ladenhüter sind 15000 aus der Schweiz eingeflogene Pralinen, die unbeachtet schmolzen. Was der Sponsor nicht wusste: Die meisten Asiaten mögen keine dunkle Schokolade.