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Gegenwartskunst Hinter dem Horizont geht’s immer weiter

 ·  Vor zehn Jahren startete die Londoner Frieze Art Fair und dominiert seither den Markt der Gegenwartskunst in England. Jetzt versucht die „Art13 London“ ihr Glück.

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Die Olympia Grand Hall mit ihrem Tageslicht von oben ist wirklich großartig für die Kunst, überhaupt wenn diese sich nicht drängen muss, sondern gut proportioniert verteilen kann. Davon profitiert die Premiere der „Art13 London“ unbedingt, die sich selbstbewusst als erste wichtige Messegründung seit einer Dekade in der Stadt bezeichnet. Tatsächlich startete zuletzt die Frieze Art Fair im Oktober 2003. Die neue Schau mit rund 130 Ausstellern setzt dezidiert auf „globale“ Kunst der Moderne und Gegenwart, die etwa aus China, Indien, Südafrika, Australien oder Brasilien kommt - und entsprechend auf ein Publikum, das sich in der weltoffenen Stadt London dafür einfinden soll. Die in Deutschland geborene Direktorin Stephanie Dieckvoss, die schon beim Beginn der Frieze beteiligt war, dann 2007 bei der Gründung der Art Hongkong (inzwischen ja zum Messezirkus der Art Basel Miami Beach gehörig), will nun eine Messe für eine breitere Öffentlichkeit machen, die sie auch gern unabhängig und eigenständig halten will. Ihr „Herzblut“, so sagt sie, hängt an dem Konzept des „globalen Aspekts“ - eines erweiterten Horizonts, so lässt sich das verstehen, etwa auch wieder in Richtung auf eine Wiederbelebung von Performance, außerdem mit Schwerpunkten bei Fotografie und Grafik.

Die Erstausgabe setzt davon einiges um, vor allem die weiträumige Herkunft der Aussteller. Und im angenehmen Parcours unter der hohen Stahlkonstruktion des ausgehenden 19. Jahrhunderts setzen zumal die „projects“ interessante Akzente, einzelne raumintensivere Arbeiten, die in den Gängen zwischen den Ständen plaziert sind. Zu ihnen gehört „Soul City“, die Pyramide aus rund 6000 Orangen, die der 1936 geborene südafrikanische Künstler Roelof Louw schon 1967 als Konzept entwickelt hat. Die Londoner Richard Saltoun Gallery präsentiert diese Arbeit, die auf genial einfache Art - jeder Betrachter kann sich eine Frucht davon wegnehmen - die Prinzipien von Konsum und Form verhandelt; außerdem duftete sie am Eröffnungsabend so frisch. Unbedingt anziehend ist auch Zena el Khalils Werk „A’ Salaam Alaykum: Peace Be Upon You“. Das Wort „Allah“, zusammengesetzt aus zahlreichen kleinen Spiegelkacheln, dreht sich, vier Meter hoch ragend, auf seiner Konsole und bricht glitzernd den umgebenden Raum auf (35000 Euro).

Die Galerie Tanit aus München und Beirut vertritt die Libanesin, Jahrgang 1976. Im geräumigen Stand von Tanit gibt es auch eine klassische Spiegelarbeit von Michelangelo Pistoletto, „Maria Colori“ (375000 Euro), oder Fotografien, die der junge Libanese Roy Samata 2011 in Kairo auf dem Tahrir-Platz gemacht hat (Auflage 5; 950 Euro).

Was Fotografie angeht, kann auf der neuen Messe durchaus fündig werden, wer danach sucht - je nach Geschmack: Glamourös sind die Leuchtkästen von Yang Yongliang aus Schanghai bei der Galerie Paris-Bejing. Es sind verwirrende Urbanitäten, aufgetürmt zu Naturformationen wie aus älterer chinesischer Kunst (Auflage 7; im Format 1,4 mal 1,4 Meter für 14000 Pfund). Anders verlockt die auf japanische Fotografie spezialisierte Michael Hoppen Gallery aus London. Zu ihren Künstlern zählt Miyako Ishiuchi, die 1978 ihre starke Schwarzweißserie „Apartment“ schuf (Vintages; je 20 mal 25 Zentimeter, 4500 Pfund). Blickfang bei Hoppen ist das Großformat einer schönen rotgewandeten Frau von Nobuyoshi Araki, das allerdings schon bei der Preview verkauft war (Preise für Araki, Auflage 10, von 5000 bis 23000 Pfund). Was sich die Direktorin Stephanie Dieckvoss zum Ziel gesetzt hat, wird in jeder Facette von den Teilnehmern begrüßt, aus unterschiedlichen Perspektiven. So sagt Heike Strelow aus Frankfurt, dass sie von Sammlerinteresse in London wisse, weshalb sie spannungsreiche große Tusche-Zeichnungen des ganz jungen, derzeit in Frankfurt lebenden Koreaners Il-Jin Atem Choi mitgebracht hat (2000 bis 4000 Euro).

Es gibt wichtige Galerien, die mit ihrer Präsenz das Rückgrat der Veranstaltung bilden. Zu ihnen zählt, neben Tanit, etwa Alexander Ochs aus Berlin und Peking. Er steuert ein „project“ bei - „111 Schalen“ der in Essen lebenden koreanischen Keramikkünstlerin Young-Jae Lee (50000 Euro). Am Stand von Ochs finden sich auch Exemplare der bronzenen Männer von Wang Shugang (von 25000 Euro an) und eines der aus bunten Stoffen genähten, weichen Stadtbilder im Koffer der in Peking lebenden Yin Xiuzhen (55000 Euro). Der Londoner Graphikspezialist Paragon hat sogar kleinere Dinge von Damien Hirst dabei, außerdem Arbeiten von Gary Hume und als Blickfang eine Breitwand-Tapisserie des Turner-Preis-Gewinners Grayson Perry, die unter dem Titel „Map of Truths and Beliefs“ ein skurriles globales Feld eröffnet (Auflage 12; 78000 Pfund). Erwähnt sei auch die ebenfalls von London aus agierende October Gallery, die sich seit 35 Jahren für eine globale Kunstsicht engagiert: Sie hat unter anderem zwei der prächtigen metallischen Wandbehänge des inzwischen berühmten ghanaischen Künstlers El Anatsui (seine Preise reichen bis zu einer Million Pfund) mitgebracht. Und Pearl Lam aus Schanghai, Hongkong und demnächst Singapur hat gleich beim Eingang einen großen Auftritt mit dem Chinesen Su Xiaobai, der übrigens bei Gerhard Richter an der Düsseldorfer Akademie studierte und zu einem sehenswerten Crossover zwischen dieser Erfahrung und seiner heimischen Ausdruckswelt gefunden hat (Preise von 35000 bis 200000 Dollar).

Die Schwächen der Messe sind an den Rändern zu finden

Ihr Selbstbewusstsein wird die Art13London schon noch brauchen, um zu einer schlüssigen Gestalt zu finden. Es ist unübersehbar, dass diese erste Ausgabe - neben den erwähnten Stärken - auch starke Schwächen an den Rändern zeigt. Denn selbst noch so hoffnungsfroh auf junge Kunst erpichte und nicht auf westliche Kunst aus Europa oder Amerika fixierte Sammler werden bestimmt nicht auf alles anspringen, was sich dort als upcoming vorstellt. Zu viel Nippes, Kitsch, eben doch Nachgeklapptes oder bloß in einem sehr erweiterten Sinn als Kunst Identifizierbares ist in der Olympia-Halle derzeit unterwegs. Dennoch wäre es nicht fair, gleich den Stab zu brechen über dieses ambitionierte Konzept. Eine Chance sollte eine Art14 London bekommen. Ob das zahlreich und neugierig erschienene Publikum der Vernissage, gemischt aus offensichtlicher Kaufkraft und einer Menge jüngerer Leute, die als Klientel gewonnen werden sollen, das auch so empfindet, wird sich in den zwei verbleibenden Tagen erweisen.

Art13 London. Bis zum 3.März in der Olympia Grand Hall, Hammersmith Road. Die Reise wurde von der Messe unterstützt. Am Samstag, den 2.März, von 11 bis 18 Uhr, am Sonntag, den 3. März, von 11 bis 17 Uhr. Der Eintritt kostet 11 Pfund, der Katalog 5 Pfund.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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