Es ist eine Binsenwahrheit, dass die neue ohne die Alte Kunst nicht zu denken ist. Selbst die ikonoklastischsten Epigonen von Marcel Duchamp begreifen, wie sehr sie in der Schuld ihrer Vorläufer stehen. Weniger augenfällig ist jedoch, was die Meister der Vergangenheit der Gegenwartskunst abgewinnen können - und müssen, wenn der Handel mit antiquarischen Gegenständen weiter gedeihen soll. Diese Erkenntnis ist der treibende Motor von Frieze Masters, des neuen Ablegers der erfolgreichen Londoner Frieze Art Fair für zeitgenössische Kunst, die auch im zehnten Jahr ihres Bestehens nichts von ihrer ursprünglichen Dynamik eingebüßt hat.
Die Londoner „Times“ bescheinigte ihren Gründern, Matthew Slotover und Amanda Sharp, in einem Leitartikel, das Wort Oktober bei den Leuten, die „ihre Richters von ihren Rauschenbergs unterscheiden können“, aus dem Sprachgebrauch entfernt zu haben; für diese laute der Kalender stattdessen: „August, September, Frieze, November.“ In der Tat strömen Händler, Sammler und Museumskuratoren wieder in das große Zelt am Regent’s Park, als ob es kein Morgen gäbe.
Mit klar definiertem Farbkonzept
Diesmal hofft auch der durch die Hochkonjunktur des Zeitgenössischen zu Unrecht in den Schatten gestellte Markt für ältere Kunst, dass etwas von dem modischen Glanz auf ihn abfällt. Fünfzehn Fußminuten oder eine kurze Shuttle-Fahrt von der Frieze entfernt liegt am nördlichen Ende des Parks das selbstbewusst zurückhaltende Zelt, das die New Yorker Architektin Annabelle Selldorf für die rund hundert internationalen Aussteller der Frieze Masters-Messe entworfen hat. Mit ihrer Sensibilität für die Alte Kunst und der langen Erfahrung bei der Gestaltung von Galerien für zeitgenössische Werke - allein in den vergangenen Wochen haben zwei ihrer Kunden, Michael Werner und David Zwirner, nach ihren Plänen erstellte Londoner Niederlassungen eröffnet - hat Annabelle Selldorf einen kongenialen Rahmen für den Crossover-Käufer geschaffen, der hier angesprochen werden soll.
Die Zeitspanne reicht von der vorchristlichen Ära bis zum Jahr 2000. Einige Händler, die es gewohnt sind, ihre Alten Meister auf tiefroten Wänden zu hängen, waren zunächst beunruhigt bei der Vorstellung, sich dem Diktat des modernen Designs beugen zu müssen. Um der Unruhe der vielen Kojen entgegenzuwirken und nicht nur ästhetisch, sondern auch im Sinne des Konzepts vom Dialog zwischen Alt und Neu Kontinuität zu schaffen, stand den Ausstellern bloß eine schmale Palette von Weiß- und Grautönen zur Auswahl.
Die meisten Zweifler ließen sich durch das überzeugende Endergebnis umstimmen. Der Schweizer Altmeisterhändler Derek Johns wagte sogar einen grellen weißen Anstrich mit einem Fries aus den in großen Lettern geschriebenen Namen der Herkunftsländer der Künstler. Er verleiht einer Ölskizze der Krönung von Roxane von Rubens einen modernen Akzent, indem er sie freischwebend hängt in einem Holzkisten-Rahmen. Die Londoner Handlung Colnaghi versucht sich in thematischen Parallelen mit Zeichnungen, Gemälden und Fotographie.
Englische Moderne trifft neapolitanischen Barock
Das Spannende an dieser Messe - wo sich ein später Picasso-Kopf (bei Gagosian) mit Zurbaráns betendem Franziskus (bei der Madrider Galerie Caylus) mischt, wo Kollagen von Kurt Schwitters (bei Pace), Pop-Art, Zeichnungen von Lucian Freud (bei Stephen Ongpin) und Outsider-Kunst (bei The Gallery for Everything), wo klassische Fotografie und Goldgrundgemälde, Antiken und Stammeskunst angeboten werden - ist, wie die Teilnehmer sich der Herausforderung gestellt haben: sowohl in der auf den modernen Blick zugeschnittenen Auswahl der Ware als auch in deren Präsentation.
Am gelungensten sind die Inszenierungen, die das Merkmal jenes schwer zu definierenden und dennoch augenfälligen Begriffs von Geschmack und Qualität tragen: wie Daniel Katz mit seiner eklektischen Nebeneinanderstellung von Plastiken der englischen Moderne, des französischen 19. Jahrhunderts und des neapolitanischen Barocks, der durch eine eindringliche marmorne Vanitas-Darstellung vertreten ist; oder Sam Fogg, dessen Stand dominiert wird von den grotesken gotischen Wasserspeiern einer elsässischen Kirche des späten 13. Jahrhundert.
Ein Gedränge wie auf dem Jahrmarkt
Bei dem Antikenhändler Rupert Wace hat sich bereits gezeigt, dass er mit seinem ganz auf den modernen Sammler gezielten Angebot richtig lag: Eine keltische Granitfigur aus der Zeit zwischen dem ersten Jahrhundert vor und dem ersten nach Christus, die einer Baselitz-Skulptur nicht unähnlich ist, und ein mehrere Jahrtausende altes, zeitlos wirkendes mesopotamisches Gewicht in Entenform waren ebenso wie mehrere kleine, brancusi-artige kykladische Köpfe aus der frühen Bronzezeit schon wenige Stunden nach der Eröffnung der Preview für privilegierte Besucher verkauft.
Überhaupt herrscht in dem gut besuchten Zelt eine positive Stimmung, und vor allem in der Spitzenkategorie werden gute Absätze registriert. Noch ist es zu früh um zu beurteilen, ob sich das Konzept bewährt. Jedenfalls wird auf der eigentlichen Frieze-Messe hier und da bemängelt, dass die Grenzen verschwimmen und dass die neue Masters-Messe etwas von der Energie der ursprünglichen Veranstaltung abziehe. Davon war allerdings im Zelt wenig zu spüren: Im dichten Gedränge des Eröffnungstags, wo das Publikum deutlich jünger und der Ansturm wesentlich höher waren als bei der Masters Fair, kam man sich vor wie auf dem Jahrmarkt - und das nicht nur, weil einer der Performance-Beiträge im Rahmen der jährlich von Frieze in Auftrag gegebenen Werke darin bestand, dass sich Besucher unter dem heiteren Gejohle der Zuschauer mit Tomaten bewerfen konnten.
Auch in diesem Jahr bietet die Frieze ihre erfolgreiche Kombination aus Schwergewichten von Baselitz über Gerhard Richter, Anish Kapoor und Wolfgang Tillmans bis hin zu Sarah Lucas, Chris Ofili und Peter Doig, samt den noch weniger bekannten Künstlern aus Indien, Lateinamerika oder China in den kleineren Galerien. Damien Hirsts Galerie White Cube hatte am ersten Tag bereits so gut verkauft, dass man eine zweite Hängung vornehmen musste.
Mit sicherem Gespür für den Zeitgeist und für die geschickte Verpackung, zu der auch das Rahmenprogramm mit Vorlesungen und hippen Restaurants gehört, ist es den Veranstaltern gelungen, die Frieze Art Fair als eine große Performance darzubieten, an der nicht nur jeder teilhaben möchte, der in der Szene etwas auf sich hält, sondern die weit über Regent’s Park hinaus frische Impulse gibt.