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Veröffentlicht: 01.11.2008, 11:00 Uhr

Berliner Satellitenmessen Die Ableger des Art Forum

Eins, zwei, drei, vier: So viele Nebenmessen kann sich Berlin parallel zum Art Forum an den Fingern abzählen. Ein Rundgang weist den Weg durch die hohe Kunstdichte.

von Lisa Zeitz, Berlin

Über gleich vier Satellitenmessen parallel zum Art Forum kann sich das Berliner Publikum an diesem Wochenende freuen, und das teilweise an malerischen Orten. Die „Preview Berlin - The Emerging Art Fair“ findet in diesem Jahr mit 57 Galerien im historischen Hangar 2 des alten Flughafens Berlin Tempelhof statt. Knapp die Hälfte der Aussteller kommen aus Deutschland, aus Tel Aviv ist Dollinger Art Project angereist, Römerapotheke aus Zürich, H'art aus Bukarest und Christoffer Egelund aus Kopenhagen. In dem prächtigen, aber düsteren „Haus Cumberland“ am Kurfürstendamm, das einmal Luxushotel und später Sitz der Oberfinanzdirektion war, breiten sich auf drei Stockwerken rund achtzig internationale Galeristen der „Berliner Liste“ aus, diesmal vermehrt mit Fotografie und Videokunst.

Der „Berliner Kunstsalon“ präsentiert im leerstehenden Humboldt-Umspannwerk im Prenzlauer Berg rund fünfzig Galerien: von A wie Agency Yorckberlin aus Kreuzberg bis W wie Worstclub, dem wurstbesessenen „Informancekünstler“ aus Amsterdam. Zum ersten Mal schlägt auch die aus New York, London und Miami bekannte „Bridge Art Fair“ ihre Zelte in Berlin auf, allerdings in kleinerem Umfang mit nur sechzehn Ausstellern: Sie haben sich in einem alten Haus an der Schönhauser Allee eingemietet, in dem ganze Wohnungen oder einzelne Zimmer von den verschiedenen Galerien bestückt werden.

Frischeste Kunst auf der Bridge Art Fair

Die meisten von ihnen kommen aus den Vereinigten Staaten, aber auch einzelne aus Polen, Spanien oder Neuseeland. Wer nach neuester Kunst sucht, kann hier Werke finden, die nur wenige Tage oder gar Stunden alt sind. Die englische Produzentengalerie „Agents of Change“, eine Gruppe von Street-Artists, stellt Malerei aus, die sie erst seit ihrer Ankunft in Berlin geschaffen haben: „Als wir hier ankamen, sind uns die vielen Reklameposter überall aufgefallen, überall kleben sie, eines über dem anderen, mit und ohne Graffiti“, sagt einer der Londoner Kerle, dessen Künstlername Timid ist.

Deshalb haben sie sich genau diese Poster als Malgrund ausgesucht, die teilweise neunlagigen Schichten von Häuserwänden abgelöst und rückseitig in verschiedenen Stilen bearbeitet, mit Silberspray oder altmeisterlichem Pinselstrich schöne Japanerinnen und Wortfetzen darauf gebannt; die annähernd rechteckigen Formate kosten 900 Euro, die ganze Raumausstattung wäre schon für 2500 Euro zu haben. Nebenan gibt es ein papiernes Modell der Stadt Hiroshima auf den Grundrissen von 1930, mit dem Matthew Picton ein ganzes Zimmer ausfüllt.

Ein mechanischer Schattenspender

Ein paar Türen weiter demonstriert die Brooklyner Galerie „Front Room“ eine rotierende Maschine mit Bewegungsmelder von Erik Guzman, deren Licht surrend hypnotische Schatten an die Wände wirft (6500 Dollar). Gist aus Amsterdam hat kleine bemalte Objekte der New Yorkerin Tamara Zahaykevich an die Wand gehängt, deren Abstraktion durch poetische Titel aufgelöst wird: „Flannel Fragment with Nectar“ kostet 1950 Euro. Im zweiten Stock des Hinterhauses hat Don Porcella seinen Auftritt bei Cain Schulte aus San Francisco.

Er flicht seine Skulpturen aus bunten Pfeifenputzern und schafft absurde Figuren wie einen Wurm, der aus einem Holzscheit herausschaut, oder einen Geier mit schlaffen Flügeln (1300 bis 3500 Dollar). Mit dem gleichen Humor hat Porcella kleine Tafeln in Enkaustik bemalt; „Bad Listener“ mit orangefarbenen Ohren kostet 500 Dollar.Die „Liste“ im Haus Cumberland erfordert wegen ihrer Größe ein wenig mehr Ausdauer. Manche der Hotelsuiten vermitteln eine Ahnung vom alten Glanz des Hauses, manche Gänge erinnern an den Horrorklassiker „The Shining“. Die Galerie Springmann aus Freiburg hat verführerische Acrylzeichnungen von Ata Toast Bozaci im Programm (5100 Euro) und ebenso schöne Frauen von Daniele Buetti.

Hundefiguren von Ottmar Hörl

Der Schweizer vergrößert vorgefundene Modefotografien und bohrt mit Zahnarzt- oder Holzbohrern tragische Sätze in ihre Oberflächen, die nun in Leuchtkästen hervorscheinen: „Why Incarnation?“ kostet 5700 Euro. Die Maisenbacher Art Gallery aus Trier/Berlin hat ein Zimmer vollgestellt mit goldenen Möpsen von Ottmar Hörl. Ihre Glubschaugen blicken erwartungsvoll nach oben und scheinen zu fragen: „Wer will mich für nur 100 Euro?“

Im Zimmer daneben wartet dann eine schwarze Mops-Truppe auf Abnehmer. Unter den hyperrealistischen menschlichen Figuren des Bildhauers Gerard Mas, die bei der 3 Punts Galeria aus Barcelona installiert sind, scheint die „Dama del Xiclet“ besonders zeitgemäß. Diese zarte Renaissancebüste aus polychromem Gießharz trägt ihre blonden Zöpfe züchtig hochgesteckt, ist aber im Begriff, eine pralle Blase aus rosa Kaugummi genüsslich platzen zu lassen, für 2600 Euro.

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Von Reinhard Veser

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