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Art Dubai 2011 Plötzlich ist alles ganz anders und aktuell

 ·  Die Art Dubai ist die wichtigste Messe für Zeitgenossen im arabischen Raum. Immer mehr Aussteller kommen von dort, und die Kunst reagiert blitzschnell auf die Politik mit Werken aus diesem Jahr.

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Die Vereinigten Arabischen Emirate schickten am 15. März, dem Eröffnungstag der Art Dubai, Soldaten zur Unterstützung des Königs Hamad ibn Isa Al Chalifa nach Bahrain - in den Kampf gegen die Demonstranten. Mittlerweile ist die Lage in der Hauptstadt Manama mit ihren rund 200.000 Einwohnern eskaliert.

Die fünfte Ausgabe der Kunstmesse im Luxusambiente des Hotels Madinat Jumeirah mit einem Flair zwischen Tausendundeiner Nacht und Plastik-Erlebnispark bot da einen harten Kontrast: Die 81 Galerien aus 34 Ländern brachten zwar viel Dekoration für die Villen der Emiraties und Expatriate mit, darunter auch Shiva Ahmadis „Oil Barrel“, eine mit Swarowski-Steinen beklebte Tonne, in mehreren Variationen; eine von 2010 und eine von 2011 wurden gleich in den ersten Stunden vermittelt.

Auch das Leinwandgewirr aus Frauenkörpern in paillettenbestickten Bikinis von Kezban Arca Batibeki, wie die „Oil Barrel“ bei LTHM aus New York, trug schnell einen roten Punkt. Und doch - die politischen Entwicklungen in der arabischen Welt sind so massiv, dass sich die Stimmung auf der von der wirtschaftlichen Lage so abhängigen Messe verändert hat.

Die Mitarbeiterin der Albareh Art Gallery aus Adliya Jehah Saleh stand sichtlich unter Schock: Die gebürtige Ägypterin berichtet, dass ihre Galeristin Hayfa Al-Jishi nicht nach Dubai kommen werde. Alles sei blockiert in Bahrein, Manama sei eine Geisterstadt. Hayfa Al-Jishi habe alle Interviews abgesagt, es waren viele. Das Interesse an dem kleinen Inselstaat ist jetzt riesengroß.

Künstler sind auch unter den Opfer

Die Kunst wird zum Mittel der Verarbeitung. Sie trägt den Widerstand in diese nach außen unendlich wohlhabende Öl-Welt. Die Geschwindigkeit ihrer Produktion hat sich dem Tempo der Geschehnisse angepasst. Da sehen wir ein typisches Porträt von Hosni Mubarak auf einem Plakat und im Vordergrund einen jungen Mann, der im blauen Facebook-T-Shirt den Herrscher von der Wand reißt: Der ägyptische Künstler Zakaria Ramhani gibt bei Artspace aus Dubai auf dem Gemälde „Bye Bye Hosni“, natürlich aus diesem Jahr, seinem Stolz über die gelungenen Demonstrationen Ausdruck (26.000 Dollar).

Er war auf dem Tahrir-Platz dabei. Mohammed Taman, ebenfalls aus Kairo, hat auf seinem Acrylbild die „Angels of Hell“ festgehalten; er verlor durch die Brutalität der Polizei auf einem Auge seine Sehkraft, ein ihm befreundeter Künstler starb. Das Gemälde zeigt drei Uniformierte, deren bleiche geisterhafte Gesichter unter den Helmen bedrohlich wirken, gleichzeitig aber auch ihre eigene Angst offenbaren (9000 Dollar).

Direktorenwechsel in unruhigen Zeiten

Die Galeristin von Artspace, die, wie hier üblich, auch selbst Künstlerin ist, hat ihren gesamten Stand Ägypten gewidmet: Die Künstler würden, so sagt sie, plötzlich in die Politik hineingeworfen und setzten sich jetzt mit ihr auseinander. Doch wie geht es weiter? Für Dubai sind die Unruhen in Bahrein wirtschaftlich und gesellschaftlich eine Bedrohung. Das geben die meisten aber nur ungern zu. Dubai, sagt die Galeristin, stehe auf der Kippe. Saudi-Arabien sei der Schlüssel; wenn die Saudis sich einmischten, würde es bedrohlich.

Dubais Einzigartigkeit sei in Gefahr; Dubai sei „zu gut, um wahr zu sein“, sie denke oft, wie lange diese ungewohnte Freiheit ihr wohl noch vergönnt bleibe. Antonia Carver, die neue Direktorin der Messe, kennt Dubai seit acht Jahren. Nun hat sie die Art Dubai in unruhigen Zeiten übernommen, um sie als wichtigste Schau für zeitgenössische Kunst in der arabischen Welt zu stabilisieren. Um verstärkt ernstzunehmende Positionen aus der Region zu zeigen, neben der Präsenz von Galeristen, Künstlern, Sammlern und Kuratoren aus der ganzen Welt.

Ein Flugzeug kreist um berühmtes Kulturerbe

Was ist nun in den zwei Hallen zu sehen? PI Art Works aus Istanbul zeigt Imran Qureshis Serie aus blutroten, fragilen Experimenten mit verlaufender Farbe. Der iranische Künstler Rokni Haerizadeh hat am Stand der Galerie Isabelle van den Eynde aus Dubai seinen Auftritt mit einer kleinen weißen Kanone, in deren Innern sich ein surreales Schauspiel ereignet (42.000 Dollar). Werden die waffenvernarrten Emiraties den Wink mit der Frau verstehen? 

Bei Lakeeren aus Bombay zeigt die indische Künstlerin Surekha überzeugende kleinformatige Videoarbeiten: In „Not all Towers fall“ von 2008 sieht man ein altes Flugzeug merkwürdig schwerelos dahingleiten und seine Kurven um berühmtes Kulturerbe unserer Gesellschaften ziehen, vorbei an der Akropolis, an den Pyramiden, an Buddha-Statuen und der Jesusfigur von Buenos Aires. Im Hintergrund hören wir das Geräusch einer Schreibmaschine, die am Ende festhält: „There was a woman on the street, giving out cups of water. She looked perfectly normal, just tears run out of her eyes.“

Jetzt ohne Subventionen

Aladdin Garunov beweist, bei Aidan aus Moskau, Humor mit seiner Serie „Zikr“ aus diesem Jahr: Auf eine Leinwand hat er die Schuhe von Moscheebesuchern aus der Vogelperspektive geklebt samt Teppich. Wie ein prächtiger goldener Umhang glänzt das Kronkorken-Gewebe des Ghanaers El Anatsuis bei der Londoner October Gallery - und mit einem Preis von 1,4 Millionen Euro. Krinzinger aus Wien hat weniger hohe Wünsche, dafür aber schon Verkäufe zu melden: Das amerikanische Sammlerpaar Hort hat zwei große Arbeiten von Alfred Tarazi gekauft.

Johann König aus Berlin hat einen riesengroßen Blech-Glühbirnenstrauß von Michael Sailstorfer an einen iranischen Sammler aus Dubai für 38.000 Euro abgegeben; jetzt habe er die Kosten für die Messe raus, sagt König, aber auch nur, weil er sich den Stand mit einer anderen Galerie teilt. Finanzielle Unterstützung, Lockmittel für europäische Galerien, um die Messe international zu etablieren, gehören der Vergangenheit an. Die Art Dubai ist in allen Belangen selbstbewusst. Die Standmiete erreicht fast das Niveau der Art Basel.

Bahrein und Japan sind die Themen

Der deutsch-iranische Künstler Timo Nasseri hat gemeinsam mit vier weiteren Künstlern den Abraaj Capital Art Prize gewonnen, dotiert mit einer Million Dollar: Bei der Galerie von Andrée Sfeir-Semler aus Hamburg und Beirut ist sein „Parsec #11“ zu sehen - eine große Kristall-Skulptur, in deren Spiegeln man sich jedoch nicht sehen kann, sondern nur sein eigenes Umfeld. Mona Hatoum ist mehrmals vertreten, unter anderem bei Continua aus San Gimignano und Peking, mit ihrer Perserteppich-Weltkarte für 85.000 Euro.

Sehr konzentriert ist dort auch Kader Attias beeindruckendes Video „Inspiration/Conversation“ für 30.000 Dollar: Auf zwei Bildschirmen betreiben Menschen mit dem Pusten in leere Plastik-Wasserflaschen die anstrengendste Form der Kommunikation.

Die Gespräche auf der Messe kreisen immer wieder um die Ereignisse in Bahrein, um die Beteiligung von Dubai am „Einmarsch“, wie hier manche sagen, und natürlich um Japan. Die schreckliche wirtschaftliche Wahrheit dahinter: Hat die Atomkraft Probleme, wird das Öl wieder wichtiger. Doch die Reserven sind nicht grenzenlos. Das wissen hier alle.

Im Hotel Madinat Jumeirah. Bis zum 19. März.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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