Home
http://www.faz.net/-gz3-6mo3h
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Art Berlin Contemporary Was Sie über Malerei schon immer wissen wollten

10.09.2011 ·  Die Messe, die keine sein will: Die Art Berlin Contemporary handelt „about painting“ und zeigt nicht nur Gemälde. Ob das Konzept der Schau nachhaltig funktioniert, ist noch nicht ausgemacht.

Von Lisa Zeitz, Berlin
Artikel Bilder (6) Lesermeinungen (1)

Das Wetter und die Kunst haben sich verschworen: Der Herbst beginnt in Berlin jetzt schon Anfang September. Weil die arg bedrängte Messe Art Forum, wie berichtet, aufgegeben hat, sind nun alle Augen auf die Art Berlin Contemporary - kurz abc - im alten Postbahnhof am Gleisdreieck gerichtet. Gleichzeitig laufen noch, als Satelliten, die „Preview Berlin - The Emerging Art Fair“ in einem Hangar des Flughafens Tempelhof, die Berliner Liste mit zeitgenössischer Kunst und Fotografie in der Trafo-Station an der Köpenicker Straße und der Berliner Kunstsalon in den Uferhallen als eine Plattform für noch jüngere Talente.

Die abc ist eine Messe, die keine Messe sein will. Vor vier Jahren von den Initiatoren des erfolgreichen Berliner Gallery Weekend, das immer Anfang Mai stattfindet, ins Leben gerufen, verzichtet die Schau - nach dem Vorbild der Sektion „Art Unlimited“ bei der Art Basel - auf einzelne Kojen. Die Galeristen müssen nicht anwesend sein, und für die Besucher, die - abgesehen von denen, die zur Eröffnungsparty geladen waren - in den ersten Tagen seit dem Mittwoch noch nicht allzu zahlreich erschienen, ist nicht unbedingt erkennbar, dass die Werke zum Verkauf stehen. Wer doch an einem Preis interessiert ist, kann aus dem Katalog, der alphabetisch nach Künstlern geordnet ist, E-Mail-Adresse und Telefonnummer der Galerie erfahren. So kann es schon einmal passieren, dass eine Preisanfrage nach Dubai mit einer automatischen E-Mail beantwortet wird, des Inhalts: Die Galerie nehme keine Künstler-Portfolios mehr an, und falls sie doch welche erhalte, werde sie diese nicht zurückschicken.

Alle Teilnehmer scheinen sich einig zu sein, dass Verkäufe nicht im Vordergrund stehen. Dabei ist ausgerechnet in diesem Jahr Malerei das übergreifende Thema - und damit die künstlerische Gattung, die am ehesten verkäuflich ist. Mit dem Titel „about painting“ sind allerdings auch alle anderen Gattungen angesprochen, so dass einige wenige Video-Arbeiten, Fotografien, Installationen und Skulpturen zu finden sind: Ein malerischer Aspekt lässt sich immer finden.

Tageslicht flutet durch die Glasdächer der zwei ebenerdigen Hallen, die durch eingebaute Stellwände und vereinzelte Kabinette Platz für 130 Künstler bieten. Ein geschwungener weißer Streifen auf dem geteerten Boden, Teil von Ceal Floyers Arbeit „Taking a Line for a Walk“ von 2008 (bei der Galerie Esther Schipper, Berlin), verbindet die beiden Räume der Ausstellung. Über das Thema Malerei lässt sich vor den zusammengestückelten Leinwänden bei Sergej Jensen (Galerie Neu, Berlin) nachdenken, vor Ulla von Brandenburgs schönem „Wald (orange)“, dessen Konturen holzschnittartig aus einer Leinwand ausgeschnitten wurden (Galerie Art: Concept, Paris, zusammen mit der Produzentengalerie, Hamburg), und auch bei Sara Sizer, die ihre Bilder durch Wegnahme erschafft, indem sie die natürliche Leinwandfarbe chemisch entfärbt oder Fäden extrahiert (bei Andrae Kaufmann, Berlin; 3000 bis 6000 Euro).

Er malte auf Wasser

Klosterfelde, Berlin, hat die amerikanische Künstlerin Kay Rosen, Jahrgang 1947, im Programm: Die studierte Linguistin hat im Riesenformat die ersten neun Buchstaben des Alphabets auf eine Wand gebracht, wobei die knallgelben Buchstaben „H I“ als überraschender Gruß aus dem trockenen System herausspringen (als Wall Painting in den Maßen variabel; 65.000 Dollar). Der österreichische Star Markus Schinwald ist mit einem Paar Biedermeier-Porträts vertreten, die ein Restaurator nach seinen Vorgaben manipuliert hat: Der Herr trägt jetzt eine Gesichtsprothese, und die Dame hat eine Korallenkette über ihre Stirn gelegt (bei Georg Kargl Fine Arts, Wien; 33.000 Euro).

Wolfgang Werner, Bremen und Berlin, der zu den erfahrensten Kunsthändlern der abc zählt, ist dem alternativen Konzept gegenüber aufgeschlossen: „Ich bin kein Messemensch. Ich finde das prima.“ Es stört ihn auch nicht, dass die Malerei seiner Künstlerin Almut Heise nicht in derselben Halle hängt wie seine beiden großen Papierarbeiten von André Thomkins. Eine Filmaufnahme der sechziger Jahre zeigt, wie der von Dada und Surrealismus geprägte Schweizer Thomkins (1930 bis 1985) seine sogenannten Lackskin-Arbeiten vorbereitete: Zuerst schuf er auf Wasser schwimmende Bilder, deren Verläufe er durch das Hinzuträufeln von Farbe, durch Luftblasen aus Strohhalmen und durch gezielte Eingriffe mit Hölzern manipulierte; mit dieser Art des Malens war er manchmal eine ganze Nacht lang beschäftigt. Zum Schluss hat er das Bild fixiert, indem er einen Bogen Papier über dem Wasser abrollte. Thomkins' unbetiteltes, 165 mal 192 Zentimeter großes Bild aus den Jahren 1961/64 mutet an wie eine phantastische, gelb-blau-braun-schwarz-weiße Satellitenaufnahme; es kostet 140.000 Euro.

Vor Bombardements geschützt

Auch der Berliner Galerist Mehdi Chouakri ist offen für das alternative Format: „Es ist experimentell. Das passt doch zu Berlin.“ Zusammen mit der Galerie Konrad Fischer, Düsseldorf und Berlin, zeigt er auf einer roten Wand Hans-Peter Feldmanns „Maler mit Palette, Augen mit schwarzem Balken“, eine Intervention auf einem Gemälde des 19. Jahrhunderts (55.000 Euro). Einen klaren Bezug zur Malerei gibt es auch bei Kicken, Berlin: Hier hängt eine ganze Riege von stillen, in sich ruhenden Porträts, die jeweils der Renaissance entstammen könnten, wäre da nicht die Rasierklinge als Anhänger einer Halskette, die Jeans, der Reißverschluss an der Kapuzenjacke - und natürlich die Tatsache, dass es sich um Fotografien handelt. Die 1958 in Tschechien geborene Künstlerin Jitka Hanzlová hat sich die Technik des Archival Pigment Print zunutze gemacht und damit glasklar konturierte, strahlende Bilder auf mattem Papier geschaffen (Auflage 8; Preise von 5500 Euro an).

Matthias Weischer gruppiert für seine Installation „Skulptur 2“ von 2009 bei Eigen + Art, Leipzig und Berlin, verschiedene Objekte um einen bemalten Paravent und weckt damit Assoziationen an Matisse und Warhol (120.000 Euro): „Der Paravent hat mich schon immer gereizt“, sagt der Künstler dazu, „weil er sowohl flach als auch räumlich ist.“ Abbas Akhavan, 1977 in Teheran geboren und wohnhaft in Toronto, wird von der Galerie „The Third Line“ in Dubai präsentiert, die auf Kunst des Nahen Ostens spezialisiert ist. Er hat aus einer der Ausstellungswände ein Schild heraus gesägt und blau-weiß bemalt: so wie die Vereinten Nationen kulturelle Stätten markieren, um sie vor Bombardements zu schützen. Geplant ist, auch ein Dach des Postbahnhofs so zu streichen; „Study for a Blue Shield, 2011“ misst drei mal zwei Meter (Auflage 3; 17.000 Dollar).

Auch auf der Nebenmesse Preview lassen sich junge Talente entdecken. Die Frankfurter Künstlerin Lilly Lulay, Jahrgang 1985, zeigt dort auf dem Stand der Galerie Ilka Bree aus Bordeaux kleine abstrakte Collagen aus Schnipseln von Farbfotografien, die vage an Landschaften erinnern und Mindscapes heißen (je 700 Euro). Die dänische Galerie Kant präsentiert den 35 Jahr alten Uffe Holm unter anderem mit neun „Cyanotypien“, auf denen unterschiedliche Spinnennetze in annähernder Lebensgröße vor blauem Grund dargestellt sind: Der Titel der Arbeit verrät, dass die Spinnen ihre Netze jeweils unter Drogeneinfluss konstruiert haben, von Koffein über Mescalin bis zu Haschisch und LSD (zusammen 3800 Euro).

In der Station-Berlin, Samstag, den 10. September, geöffnet von 12 bis 21 Uhr, und Sonntag, den 11. September geöffnet von 12 bis 19 Uhr. Der Eintritt kostet 8 Euro, der Katalog 10 Euro.

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr