17.09.2011 · Auf Eroberungskurs in der internationalen Kunstwelt: Art Beat Istanbul, die Messe für zeitgenössische Kunst, feiert parallel zur Biennale Premiere. Ein Experiment mit Zukunft?
Von Rose-Maria GroppEs sind noch zwei, drei Tage bis zur offiziellen Eröffnung der Istanbul Biennale. Die Stadt scheint sich voll auf die Kunst eingestellt zu haben. Eine ganze Menge Menschen von überall her - Museumsleute und Kuratoren, Galeristen und natürlich das allfällige Tross - sind vor allem am Ufer des Bosporus, im Schatten der großen Passagierschiffe, gebündelt zu finden. Dort hält in einer ehemaligen Industriehalle die längst stark beachtete Biennale ihre Vorschauen ab. Direkt daneben liegt Istanbul Modern, das Museum für zeitgenössische Kunst, in dem gerade unter dem Titel „Dream and Reality“ eine Ausstellung mit Werken türkischer Künstlerinnen der Moderne und Gegenwart beginnt. Außerdem herrscht überall in der Stadt ein reger Galeriebetrieb.
In das Schlepptau dieses Aufgebots an Kunst und ihres durchaus internationalen Personals will sich mit ihrer ersten Ausgabe auch die Kunstmesse Art Beat Istanbul begeben: als eine „Plattform für zeitgenössische Kunst“. Der Veranstalter „Dream Design Factory“, eine türkische Werbe- und Eventagentur, will der rasanten ökonomischen Entwicklung der riesigen Stadt ein kulturelles High-End-Angebot maßschneidern. Die Idee ist absolut einleuchtend, ihre Umsetzung leider noch etwas mager.
Der Eindruck, den die gerade mal 28 Stände, um einen Mittelgang herum aufgebaut, hinterlassen, ist zunächst und vor allem bunt. Sodann fällt viel arg variantenreiche Bildhauerei auf. Die Internationalität der Teilnehmer besteht in weniger als einer Handvoll Galerien; die meisten Künstler kommen aus der Türkei, was allerdings auch dem Anspruch der Veranstaltung entspricht und Sinn ergibt. Wo prominentere Namen auftauchen, wie etwa am Stand von Dirimart aus Istanbul mit Arbeiten von Andreas Gursky, Axel Hütte, Sarah Morris oder Peter Kogler, ist das wohl eher Händlerware mit Blick auf die Kaufkraft der lokalen Klientel. Immerhin zeigt Michael Janssen aus Berlin für Deutschland Flagge und präsentiert Arbeiten des jungen Naneci Yurdagül an seinem Stand (4000 bis 8000 Euro).
Aus New York von der Madison Avenue angereist ist die Leila Heller Gallery. Sie zeigt auf mehreren Werken die plakativen, von meist wenig bekleideten Frauen und Tieren in unwirklichen Situationen bevölkerten Gemälde der türkischen Künstlerin Kezban Arca Batibeki. Einige davon sind bereits verkauft, darunter das 2,5 mal 3,5-Meter-Format „Tiger . . . Tiger . . . 1“ (70.000 Dollar). Man sei auf allen Messen im Mittleren Osten präsent, heißt es bei der Galerie, und das sei ein großartiger Markt. Im Jahr 2002 hat Cagla Cabaoglu ihre Galerie in Istanbul eröffnet. Sie hat eine Auswahl ihrer Künstler angeordnet, darunter Selahattin Yildirim, dessen Plastik eines übergroßen, mit Mull bandagierten Kopfs in Schmerz und Schrecken erstarrt scheint (40.000 türkische Lira).
Besuchermangel am zweiten Öffnungstag
Die junge Galerie Sanatorium, ebenfalls aus Istanbul, führt in ihrem Programm auch chinesische Künstler: Dort lagert „Osama Bin Laden“ als dahinschmelzendes Heroenbildnis auf einem niedrigen Sockel (43.000 Dollar), - fürwahr ein sarkastischer Kommentar bereits aus dem Jahr 2008 des Chinesen Shen Shaomin; und ein starkes Stück Kunst. Tatsächlich hat die Art Beat Istanbul auf angenehm bescheidene Weise von vornherein nicht vorgegeben, schon an ihrem Ziel zu sein. Sie ist ein Zukunftsprojekt, dem freilich noch ein arbeitsamer Weg bevorsteht. Tatsächlich gibt es in Istanbul einflussreiche und vermögende Familien, deren Mitglieder sich auch als Kunstsammler international profilieren.
Zu ihren Gebieten zählt - gewiss ist eine Portion Patriotismus dabei - auch die zeitgenössische türkische Kunst. Ähnlich wie die indische, deren Protagonisten bereits international avanciert oder etabliert sind, werden zweifellos auch die türkischen Zeitgenossen bald mehr von sich reden machen - aber gewiss nicht alle, bloß weil sie guten schöpferischen Willens sind. Dass die Halle am Nachmittag des zweiten Öffnungstags praktisch leer war, ist aber doch ein wenig schade. Denn ohne Hinschauen und Kritik des Publikums wird die Art Beat Istanbul kaum eine Chance haben, sondern sang- und klanglos verschwinden wie manche andere Messe, die sich an ein Kunstspektakel andocken wollte. Das geschah selbst in Venedig so, als vor vier Jahren parallel zu den dortigen Biennale-Vorläufen eine aufwendige Verkaufsschau installiert werde sollte.
Rose-Maria Gropp Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.
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