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Art Basel Miami Beach Wie Phönix aus dem Ozean

 ·  In der Ruhe liegt die Kraft: Die neunte Ausgabe der Art Basel Miami Beach legt einen fulminanten Auftritt hin. Die Schau rückt so nah wie nie zuvor an die Schweizer Muttermesse heran.

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Sie hat sich zurückgemeldet, in voller Blüte. Manche haben sogar bereits nach der Preview und der Vernissage gesagt, dass es die beste Messe überhaupt seit ihrer Premiere 2002 sei: vor allem, was ihr erstes Publikum angehe, unter dem so viele solide und kompetente, internationale Sammler gewesen seien wie nie zuvor in Miami Beach - die nicht nur kamen, sondern auch gezielt kauften. Wirklich hat man lange nicht - noch vor dem Einlass der abendlichen Eröffnungsgäste - so viele zufriedene, gar strahlende Galeristengesichter gesehen wie gerade eben unter der air condition Floridas.

Im Convention Center ist zum neunten Auftritt die wahrscheinlich großzügigste Aufplanung für eine der führenden Kunstschauen der Welt verwirklicht worden. Es ist bei den insgesamt rund 250 Teilnehmern geblieben, darunter gut 200 im zentralen Sektor der „Art Galleries“ - allerdings auf der verdoppelten Fläche. Die Messe glänzt geradezu vor Übersichtlichkeit, es gibt keine Sackgassen und gedrängten Nebenschauplätze mehr, die großzügigen Stände gruppieren sich um ein weites Zentrum, auf das die angenehm breiten Gänge hinführen.

Wie viel diese luftige Atmosphäre gegen den Faktor der Übermüdung und Reizüberflutung vermag, registriert man begeistert; das nimmt Hektik aus dem Geschehen, generiert Ruhe im Umgang: Naturgemäß trägt zu dieser Anmutung entscheidend das Angebot an Kunst bei, das deutlich zum Niveau der Basler Muttermesse hinstrebt. Es werden keine Kompromisse mit (vermuteten) lokalen Vorlieben eingegangen. Abgezielt ist auf den Geschmack einer globalen, bestens informierten und liquiden Klientel - keine Deko für Schickeria, allerdings auch kein Mekka für Entdecker jüngster Produktionen.

Miami Beach versteht sich selbstbewusst als eine etablierte Messe, mit entsprechend geschliffenem Profil. In dieses passt durchaus ein so eigenwilliger Stand wie der, den Tony Shafrazi eingerichtet hat: Er ist beherrscht von Robert Williams' überdrehten Plastiken und Bildern, allen voran der mehr als drei Meter hohe Nerd auf seinem Hocker mit dem Titel „The Brain Trap“ (600.000 Dollar; die anderen Arbeiten 50.000 bis 500.000 Dollar).

Kamelhöcker treffen Bügelbrett

Offensichtlich hat Skulptur ohnehin wieder Konjunktur, ein Beweis auch dafür, dass das Geld wieder leichter fließt für aufwendige Werke, weg von der erschwinglichen Wohntauglichkeit. So hat Hans Mayer an seinem üppigen Stand auch eine wandfüllende Garderobe aufgehängt, an der Günther Uecker 1981 in übermütiger Stimmung nach einer Modepräsentation die Klamotten der versammelten Warhol, Beuys, Armani, Valentino & Co. festgenagelt hat (bereits verkauft, um 200.000 Dollar).

Bei Chantal Crousel aus Paris steht eines der intensiven Werke von Thomas Hirschhorn, der die Schweiz bei der Venedig-Biennale 2011 vertreten wird, genannt „Mono vitrine ,Sontag'“, als Hommage an Susan Sontag (75.000 Dollar), daneben die surreale Begegnung von zwei Kamelhöckern mit einem Bügelbrett von Jennifer Allora & Guillermo Calzadilla, die für die Vereinigten Staaten in Venedig auftreten werden (65.000 Dollar).

Urs Meile aus Peking hat unter dem Titel „Kui Hua Zi“ zwei Tonnen jener porzellanenen Sonnenblumenkerne mitgebracht und zu einem attraktiven spitzen Kegel angehäuft, von denen Ai Weiwei vor zwei Jahren für seine Werke insgesamt 140 Tonnen hat herstellen lassen. Von denen sind rund 25 Tonnen für den Markt bestimmt; eine Tonne kostet 450.000 Euro.

Viele Stände sind kunstvolle Arrangements

Einer, der schwer an seiner Last um den Hals zu tragen hat, steht im Stand von Matthias Arndt, es ist Enrique Martinez Celayas eindrucksvolle lebensgroße Bronze „The Gambler“ (Auflage 2/7, 105.000 Dollar). Als Portalsfigur gleichsam hat die Münchner Galerie Thomas Marc Quinns kraftvolle schwangere „Hoxton Venus“ hingestellt (345.000 Dollar). Bei Contemporary Fine Arts waren die zwei platzgreifenden hohen Vitrinen, die Max Frisinger so poetisch wie genauestens durchdacht angefüllt hat, auch gleich verkauft (je 75.000 Dollar).

Noch zu haben war am Eröffnungsabend aber eine andere Vitrine: 2,75 Meter breit, vergoldet und angefüllt mit geschliffenen Zirkonia steht Damien Hirsts (doch, ja, splendide) „Isolation“ von 2009/10 am Stand von White Cube, wo Jay Jopling selbst 2,5 Millionen Pfund dafür nennt. Viele der Stände sind an sich kunstvolle Arrangements: Das gilt für die Galerie Gmurzynska, die sich einen Bau von Zaha Hadid leistet, an dessen Wänden auch ein, von lichtem Orange dominierter, Rothko hängt (kein Preis zu haben für alle und jeden, aber bestimmt einer der höchsten der Messe).

Mit feiner Kühle tritt der New Yorker Christophe Van de Weghe an - lauter Solitäre: ein hoher Donald Judd (2,2 Millionen Dollar), ein goldiger Tondo von Robert Mangold (425.000 Dollar), Basquiats starker „Desmond“ von 1985 (2,8 Millionen Dollar) und so fort. Luis Campañas Koje ist ein kühnes sophistisches Konstrukt, arrangiert von Seb Koberstädt, der die Wände mit aus Bier und Kakao gemischter Farbe gestaltet hat, und dem belgischen Maler Matthieu Ronsse (Arbeiten von 10.000 bis 30.000 Dollar).

Ein Rarum von Hannah Höch

Sprüth Magers bleiben ihrer spröden Eleganz treu; sie stellen eine rauhe Stahlskulptur von Sterling Ruby in den Raum (90.000 Dollar), an der Wand leuchtet tiefrot ein neun Quadratmeter großes Strickbild Rosemarie Trockels von 2006 (verkauft, um 280.000 Euro). Neugerriemschneider haben ihren Eckstand zum wahren Schauplatz gemacht für neun lemurenhafte Androiden von Paweł Althamer (Unikate, je 75.000 Euro), dahinter eine aktuelle, klare Arbeit von Isa Genzken mit dem Titel „Wind. New York Post Office“ (200.000 Dollar) und zwei wilde Tapisserien der Amerikanerin Pae White (Unikate, je 50.000 Dollar).

Für Fotografie in Vollendung steht einmal mehr Rudolf Kicken: Als absolutes Rarum hängt bei ihm Hannah Höchs wunderschöne Collage „Lebensbild“ von 1972/73 (260.000 Dollar); für finanzstarke Fans gibt es - aparterweise in Miami - einen Vintageabzug von Alberto Kordas mythischem Che-Guevara-Porträt vom 4. März 1960 (90.000 Dollar).

Ursula Krinzinger riskiert glatt „Wiener Aktionismus“ (samt Otto Muehl), und Meyer Riegger aus Karlsruhe/Berlin haben unter anderen ein Großformat mitgebracht, das Jonathan Monk von flinken Händen in China malen ließ, nach dem Vorbild des in Amerika so beliebten Kippenberger, der seinen Plakatmaler dafür hatte (24.000 Euro) - so viel Spaß muss sein.

Ein überzeugend geschlossener Auftritt

Dann sind da die allfälligen big shots: Bei Landau aus Montreal glänzt Dubuffets „Henri Michaux acteur japonai“ von 1946 (6,5 Millionen Dollar); sein Gegenstück findet sich bei Hopkins-Custot aus Paris als „Bertelé Mondain“ aus demselben Jahr (5 Millionen Dollar). Achim Moeller präsentiert als Blickfang Kirchners Fehmarn-Gemälde „Gelbe Birken“ von 1914 (mit einer rückseitigen Landschaft), ausgezeichnet mit 4,25 Millionen Dollar.

Acquavella dotiert eine ikonische „Great American Nude #21“ von 1961 mit 6,5 Millionen Dollar und einen Cy Twombly, „Crimes of Passion I“ von 1960, mit 6,5 Millionen Dollar, während Karsten Greve für seine beiden kapitalen Twomblys - „Capitoli (Rome)“ von 1962 und „Untitled (Gaeta)“ von 2004 - den Bereich von sechs bis acht Millionen Dollar erwägt.

Und wer endlich einen Neo Rauch haben will, erfährt bei Zwirner für dessen Mittelformat „Der Anschlag“ von 1998 bündig: eine Million Dollar; das ist doch ein Wort. Für diesen überzeugend geschlossenen Auftritt der Art Basel Miami Beach hat es bestimmt nicht gereicht, dass die Zeiten ökonomisch wieder entspannter wirken mögen. Die Direktoren Annette Schönholzer und Marc Spiegler haben ganze Arbeit geleistet: Gratulation. Die Messlatte liegt jetzt freilich noch höher.

Bis zum 5. Dezember im Miami Beach Convention Center. Täglich von 12 bis 20 Uhr, am Sonntag, den 5. Dezember, von 12 bis 18 Uhr. Der Eintritt kostet 36 Dollar, Katalog 60 Dollar.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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