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Art Basel Miami Beach Überfluss könnte doch genug sein

 ·  Die Art Basel Miami Beach bleibt auf Kurs und ist eine ausgezeichnete Kunstschau. Damit rückt sie der Schwestermesse in Basel noch näher als schon 2010.

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© MCH Swiss Exhibition (Basel) Ltd. Fester Stand: Eduardo Sarabias „Snake Skin Boots (...)“ plaziert die Galerie Proyectos Monclova aus Mexico City auf den Rasen von Miami

Die Art Basel Miami Beach feiert Jubiläum. Zehn Jahre ist es her seit der ersten Ausgabe. Gefeiert wird nun bescheiden, zumindest suggeriert das der Slogan: „Thank you for ten great years“. Die Party im New World Center von Gehry hatte dann aber nichts von der postulierten Zurückhaltung. Und nichts deutet nur auf den kleinsten Zukunftszweifel hin. Doch hinter den Kulissen wird diskutiert; denn die Basler haben ihre Fühler wieder ausgestreckt - jetzt nach Hongkong, wo sich das Unternehmen in die bereits existierende Kunstmesse eingekauft hat. Der Tross zieht weiter.

Was bleibt für Miami? Bei Gladstone aus New York deutet Jim Hodges humorvoll an, dass diese Messe etwas angestaubt ist: Ein Spinnennetz, gewoben aus einer silbernen Kette, hängt hoch oben und soll 450.000 Dollar kosten. Um Miami muss man sich allerdings noch wenig Sorgen machen: Denn die Messe ist zu einer zweiten Art Basel für Nord- und Südamerika geworden. Bereits vor drei Jahren, als Sam Keller ging, übergab er eine Großveranstaltung an seine Nachfolger, die ihrer Muttermesse nacheiferte. Nach einigen kleineren Wacklern hat sie jetzt zu ihrer unerschütterlichsten Form gefunden: Sie ist nachhaltig, reif und auch ein bisschen konservativ geworden. Die mittlerweile rund 260 internationalen Galerien zeigen sich in zwei großzügigen übersichtlichen Hallen, grob eingeteilt in Moderne und Gegenwart. Die jungen „Art Nova“-Galerien und die „Art Positions“ mit ihrem Einzelshows sind in eigenen Carrés an die Großen angedockt und überzeugen mit einem präzisen wohlüberlegten Programm.

Mary Boone aus New York hat den Stand eingekleidet mit Sprüchen von Barbara Kruger: „Plenty should be enough“ steht dort sinnigerweise (Preis nur auf Anfrage). Mehr als Ansporn zu verstehen ist Kruger bei Sprüth Magers aus Berlin/London: „How can I be a better person?“ schickt sie dem Publikum hinterher. Auf ebenfalls hohem preislichen Niveau bewegt sich Larry Gagosian mit Jeff Koons’ „Yorkshire Terrier“. Koons, der 2012 seine Musealisierung mit Retrospektiven in Frankfurt und Paris weitertreiben wird, verlangt für seine Schleifen tragenden Hündchen 2,5 Millionen Dollar.

Hauser & Wirth aus Zürich waren bereits am ersten Tag erfolgreich mit Paul McCarthys nicht minder aufgetakeltem „White Snow Dwarf (Bashful)“ für 900.000 Dollar. Zwirner, der auch Neo Rauch und Luc Tuymans dabei hat, verkündet am ersten Tag, den gesamten Bestand an Werken von Carol Bove vermittelt zu haben. White Cube aus London hat Kris Martins Globusständer ohne Globus „Et in terra“ (120.000 Euro) oder Jeff Walls wandfüllenden Leuchtkasten „Hotels, Carrall St., Vancouver“ von 2005 (650.000 Dollar). Ein amerikanischer Sammler aber wählte Hirsts hochformatige Ärztebesteck-Vitrine für 1,5Millionen Pfund.

Kris Martin, der in Miami schon mit sperrigen Projekten erfolgreich war, wie zum Beispiel einer riesigen Glocke 2008, hat seiner Galerie Sies + Höke aus Düsseldorf jetzt eine noch härtere Herausforderung beschert: Seine Bronzesterne - eigentlich sind es mörderische Fallen aus dem ersten Weltkrieg - zwingen die Galerie dazu, den gesamten Stand abzusperren: Die Spitzen sind zu gefährlich. Die Eleganz der Skulpturen täuscht aber auch so über ihre Bedrohung hinweg (90.000 Euro). Die ältere Kunst findet auch in Miami ihr Publikum - von Landau über Marlborough und Thomas bis zu Nahmad. Acquavella aus New York hat Picassos späte Zeichnung eines Stierkämpfers von 1970 schon vermittelt, Giacomettis „Diego au manteau“ und einen schwarzweißen Alexander Calder, „Moel for Rosenhof“ aus dem Jahr 1952.

Unter den vielen überzeugenden deutschen Teilnehmern stechen Buchholz aus Köln und Klosterfelde aus Berlin heraus. Buchholz beweist Mut mit Julian Göthes filigranen Installationen, Videos und Zeichnungen (Preise von 5000 bis 20.000 Euro); Willem de Roijs Glitzerbild kostet bei ihm 36.000 Euro, „Silver 70“ von Wolfgang Tillmans 78.000 Dollar. Klosterfelde punktet mit einem bereits verkauften Banner von Matt Mullican aus dem Jahr 1982. Eigen + Art aus Leipzig/Berlin ist ebenfalls angereist.

Die Jury der Art Basel hatte zuletzt für Aufregung gesorgt, weil sie die Galerie nicht zur Juni-Messe in diesem Jahr zugelassen hatte. Der zurückhaltende Stand jetzt wird in Miami als Basel-Bewerbung wahrgenommen: Olaf Nicolai hat dort einen runden Käfig aufgebaut, der sich auf Bruce Naumans „Double Cage Piece“ bezieht: Im Inneren des „Black Pearl Curtain“ von 2010 verweben sich zwei Vorhänge zum psychedelischen 3D-Bild, das einige straucheln lässt (Auflage 3; 240.000 Dollar).

Luftige Hängungen sind selten, weil der Wandraum so unglaublich teuer ist. Die Galerien quetschen so viele Künstler wie möglich in den Stand. Und irgendwann rasselt es im Kopf. In diesem Fall von visueller Überflutung bieten die „Art Kabinetts“ Entspannung. Das Kabinett der Berliner Fotografie-Galerie Kicken lohnt besonders. Sein Thema ist Wiederholung und Serialität. Es ist ein kleiner Rückzugsraum, in dem das bunte Getöse der Messe verklingt. Erholung soll eigentlich auch der hügelige Rasen in der Mitte der „Art Positions“ bieten.

Es gibt aber rundherum einfach zu viel zu sehen. Unter anderem in der Berliner Galerie Klemm’s mit einer Einzelpräsentation von Sven Johne: Seine Serie über die bereits verlassenen, tristen Spielplätze des Zirkus Probst ist ein Zeugnis deutschen Alltags (Preis auf Anfrage). In Johnes zwanzigminütigem Video führt ein Sprecher ohne Publikum den Wahnwitz des spektakelsüchtigen Menschen vor (10.000 Euro). Die Kunst für ebenjene Spektakelanhänger ist in Miami mit den Jahren immer mehr verschwunden.

Flaniert man zu später Stunde durch die doch sehr leeren Gänge, erkennt man die Macht und Kraft dieser Messe. Sie brilliert mit einer adäquaten Mischung für diesen Ort, hat nur ein einziges Problem: Wenn man die Art Basel gesehen hat, muss man als europäischer Sammler oder Kurator nicht zwingend nach Miami reisen. Zu ähnlich sind sie sich geworden. Marc Spiegler, gemeinsam mit Annette Schönholzer Direktor der Messe, sagt im Gespräch, nicht Miami ist wie Basel geworden, sondern Basel wie Miami, denn die Händler der Moderne hätten Nachschubprobleme.

Es gilt also auch umgekehrt. Viele Galeristen sagen schon jetzt, sie hätten ausschließlich an Amerikaner verkauft. Ziehen da kleine Wolken am blauen Himmel von Miami auf? Das milde Klima wird schon länger nicht mehr genutzt, um ausgelassenen Konzerten am Strand zu folgen. Die Kunden werden zum gemütlichen Dinner geladen. Alles geht seinen gesättigten Gang, wie in Basel, so jetzt auch in Miami. Die viele Meter hohen Cowboystiefel von Eduardo Sarabia im Collins Park wirken da nur noch wie eine in Stein gehauene Erinnerung an unbekannte Zeiten.

Art Basel Miami Beach. Miami Convention Center. Bis 4. Dezember. Täglich von 12 bis 20 Uhr, am Sonntag bis 18 Uhr. Eintritt 40 Dollar, Katalog 65 Dollar.

Quelle: F.A.Z.
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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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