19.02.2012 · Spanien ist krisengeschüttelt. Aber die Arco hält sich gut - und scheint beinah davon zu profitieren. Das Angebot ist straffer, und Verkäufe am Eröffnungstag hoben die Stimmung. Auch die deutschen Galerien zeigen Flagge: ein Rundgang.
Von Clementine Kügler, MadridDie 31. Arco hat mit der schweren Wirtschafts- und Finanzkrise, in der Spanien steckt, zu kämpfen. Aber sie stellt sich der Herausforderung mutig. Das Angebot ist noch ein bisschen strenger ausgewählt, weniger Kinkerlitzchen als in den Vorjahren, und die Stimmung ist durchaus positiv. Viele internationale Sammler hatten sich zum ersten Professional Day eingefunden, und wer noch kein Geschäft gemacht hatte, führte Sondierungsgespräche: Rote und grüne Punkte in den ersten Stunden sorgten für eine bessere Stimmung als gedacht. Wenn das anhält, geht die Rechnung für den Messeleiter Carlos Urroz auf.
Reduziert auf zwei Hallen, versammeln sich 215 Galerien, achtzehn mehr als im Vorjahr, vierzig Prozent davon spanische und sechzig Prozent aus dem Rest der Welt. Die zweitstärkste Gruppe nach den Spaniern sind wieder die Deutschen mit 23 Ausstellern; zu Gast sind vierzehn Galerien aus den Niederlanden. Ein Zeichen der Krise sind die fehlenden Stände der Regionalregierungen und ihrer Museen, ein Rückzug öffentlicher Gelder, der verschmerzt werden muss. Um dabei zu helfen, sind rund 250 internationale Sammler, Berater, Schirmherren und Freundeskreise internationaler Museen eingeladen.
Wer erst eine Sammlung beginnt und Beratung braucht, der findet sie im Programm „First Collector“ - ein Service, der großen Zulauf findet. Und wer noch ganz jung ist und sich trotzdem für Kunst interessiert, dem wird im ArcoKids-Workshop erstmals weitergeholfen. Ein nächtliches Programm mit Konzerten, Lichtspielen und diversen Events verwandelt Madrid in eine festliche Metropole der Gegenwartskunst, trotz eisiger Kälte.
Neu ist das Konzept, dass die Galerien im Hauptprogramm jeweils einen ihrer Künstler hervorheben können, der dann schon vor der Messe in einem Sonderkatalog beworben wurde. Für Sabine Knust aus München hat sich das sofort gelohnt: Ein privater Sammler holte sich zwei großformatige Zeichnungen von Michael Landy - „Lamentation over the Body of Christ“ (nach Dosso Dossi) für 23.000 Euro und „Christ driving Traders from the Temple“ (nach El Greco) für 34.000 Euro -, die in der National Gallery entstanden. Ein noch ganz frisches Bild von Markus Oehlen ist fröhlich „How are you?“ betitelt und für 48.000 Euro noch zu haben.
Am Eingang der Halle 8 steht bei Filomena Soares aus Lissabon, sozusagen als kopflose Empfangsdame, ein Aluminiumkleid der spanischen Künstlerin Suzy Gómez (Unikat; 35.000 Euro). Reine Ästhetik, Gesellschaftskritik und politische Anspielungen auf die Krisenzeiten, der Rundgang bietet von allem etwas. Carles Taché aus Barcelona wartet mit Javier Pérez auf; da geht noch einmal in Trümmer, was schon bei „Glasstress 2011“ auf der Venedig-Biennale zerschellte - der Leuchter aus rotem Muranoglas, mit zehn ausgestopften Raben: „Carroña“ liegt in drei ähnlichen, aber nicht identischen Exemplaren vor (85.000 Euro).
Grimes aus Santa Monica, eine der sieben Galerien, die aus den Vereinigten Staaten gekommen sind, bringt den Berliner Anton Henning mit; sein gemaltes Interieur kostet dort 64.000 Euro. Bei Blain/Southern aus London/Berlin hängt ein etwas kleineres „Interior 491“ Hennings für 55.000 Euro. Blain/Southern hatten Werke von Rachel Howard und Jonas Burgert innerhalb kürzester Zeit verkauft. Bei Walter Storms aus München konnte ein Ölbild von Peter Krauskopf, „Grau B131211“ von 2011, für 18.000 Euro als verkauft gemeldet werden.
Auch Ernst Hilger, Chef der gleichnamigen Galerie aus Wien, zeigt sich optimistisch. Die Arco sei „ein Kleinklima der positiven Stimmung“; Spanien gehe es nicht gut, aber hier spüre man das im Moment nicht sehr. Verkauft in den ersten Stunden hat Hilger einen Army-Rucksack mit goldenen Sternchen von Sara Rahbar (16.000 Euro). Blickfang ist eine ganze Wand mit Lichtkästen von Angel Marcos von 2011: „Mirada blanca“ erzählt von der Salzgewinnung im Senegal unter dem kritischen Blick eines Kindes (Unikat; 48.000 Euro). Fotografie ist auch bei MasArt aus Barcelona zu finden, nämlich Katrin Korfmanns Komposition einer Straßenkreuzung in Teheran aus diesem Jahr: 24 Minuten lang hat die Künstlerin die Szene fotografiert. Was sie dann zusammensetzt, wirkt trotz aller Realität faszinierend fremd (Ultrachrome, Auflage 5; 9000 Euro).
Die Sektion „Opening“ stellt zum zweiten Mal frische Galerien vor, die weniger als sieben Jahre aktiv sind und als Schmieden junger Talente gelten. Plan B aus Berlin hat Navid Nuur mit seinen Neofluxus-Arbeiten dabei: Der in den Niederlanden aufgewachsene Iraner ließ amerikanische Lutschbonbons in langsamen Tropf-Prozessen mit Brause zu Hefekloßgröße aufquellen und drapiert sie auf die Stöpsel der Limo-Flaschen - ein ordentliches Wandregal absurder Experimente (11.000 Euro). Arratia Beer, ebenfalls aus Berlin, zeigt kaputte Rigipsbilder von Pablo Rasgado. Der achtundzwanzigjährige Mexikaner lebt in Berlin und verarbeitet ehemalige Ausstellungs- oder auch Galeriewände weiter (große Formate 10.000 Euro, kleine 2500 Euro).
Die Ivorypress Gallery ist dank ihrer internationalen Ausstrahlung innerhalb kurzer Zeit zu einer der renommiertesten Adressen Madrids geworden und nun zum ersten Mal auf der Arco. Die kosmopolitische Psychopathologin Elena Ochoa, Gattin von Sir Norman Foster, steht hinter dem Projekt und bringt gleich sechzehn hochkarätige Künstler mit, unter ihnen Ai Weiwei: Eine „Wassermelone“ von Ai ist verkauft, eine weitere reserviert. Die Coca-Cola-Stiftung hat ein C-Print von Dionisio González erworben: Venedigs Canal Grande mit modernem Gebäude (Auflage 7; 7000 Euro).
Schön wie immer sei es, hier zu sein, heißt es auch bei der Galerie Lelong aus Paris. Dort sitzt Jaume Plensas „The Hermit III“ auf einem Felsblock (2011; 160.000 Euro) - eine seiner bekannten Skulpturen aus Buchstaben und Zeichen in rostfreiem Stahl. Dahinter hängen groß und schwarzweiß Jannis Kounellis’ „Empreintes de goudron sur toile“ (2011; 200.000 Euro). Blickfang bei Elvira González aus Madrid ist eine große Mischtechnik von Miquel Barceló, „Mayurga“ von 2010, die 450.000 Euro kostet. Eines der teuersten Bilder auf der Messe dürfte ein kleines Werk von Dalí sein: „Le Boléro“ von 1946 bei Leandro Navarro aus Madrid soll stolze 1,25 Millionen Euro herbeitanzen.