Home
http://www.faz.net/-gz3-y89b
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Antiquariatsmessen in Süddeutschland In aufrechtem Gang auf Büchersuche

07.02.2011 ·  Alle Jahre wieder: Die Stuttgarter Antiquariatsmesse und die Ludwigsburger Antiquaria sind im Frühjahr Publikumsmagnet für Büchernarren. Das Los entscheidet dort, wer zum glücklichen Käufer wird.

Von Sophie von Maltzahn
Artikel Bilder (3) Lesermeinungen (0)

Trotz klirrender Kälte standen die Besucher der 50. Antiquariatsmesse Stuttgart geduldig in der langen Schlange vor dem Empfangszelt. Wegen Umbauarbeiten im Kuppelsaal des Württembergischen Kunstvereins mussten die Veranstalter die achtzig Antiquare aus Europa und den Vereinigten Staaten in einen Nebenraum verlegen. Eher geschäftig als hektisch suchten die Besucher die Händler auf, bei denen sie ein Los einreichen wollten.

Wer zuerst kommt, kauft nämlich nicht auch zuerst in Stuttgart. „Durch das Losverfahren herrscht hier Gerechtigkeit“, sagt Norbert Munsch, Initiator der Messe im Auftrag des Verbands Deutscher Antiquare. Eine Stunde nach der Eröffnung ging er von Stand zu Stand und zog für alle sichtbar den dankbaren Käufer im traditionellen Losverfahren.

Genauso transparent wie der Käufer wurde jedoch die Enttäuschung derer, die kein Glück hatten: Antiquar Heribert Tenschert entschuldigte sich sogar bei seinen Konkurrenten mit den Worten „Jetzt würde ich es Ihnen am liebsten schenken“, als ihm beim Antiquariat Winfried Geisenheyner aus Münster das Biedermeier-Kinderbuch „Tändeleyen und Scherze für unsere Kinder“, von 1805 mit acht kolorierten Kupfertafeln, für 2400 Euro zufiel.

Eine Traube bildete sich bei Voerster aus Stuttgart; ein Los zählt nämlich nur, wenn der Käufer bei der Ziehung anwesend ist. Einer aus sechs durfte das dekorative Notenblatt des französischen Komponisten Hector Berlioz, signiert und datiert vom 14. Januar 1846, für 2800 Euro mitnehmen. Beim Berliner Antiquariat Wolfgang Braecklein trösteten die Händler glücklose Bewerber um die vollständige Erstausgabe der „Jahreszeiten“ von 1811 mit romantischen Gedichten von Friedrich de la Motte Fouqué für 3400 Euro.

Kafkas Briefe an seine Schwester Ottla

Wolfgang Mecklenburg von der Berliner Autographenhandlung J.A. Stargardt nutzte die Aufmerksamkeit der Messe, um den Katalog der Kafka-Autographen an dessen Lieblingsschwester Ottla vorzustellen, die Auktion findet am 19. April statt. Die Schätzung liegt bei 500.000 Euro. Es hatte einen bundesweiten Aufschrei ausgelöst, dass diese Einblicke in Kafkas private Korrespondenz für die Öffentlichkeit verlorengehen könnten, schlimmstenfalls das Konvolut aus 103 Briefen und Postkarten vom nächsten Eigentümer einzeln veräußert würden. „Damit würde sich jeder Händler seinen Ruf ruinieren“, versucht Mecklenburg die Sorgen abzuschwächen. Er glaubt daran, dass das Deutsche Literaturarchiv Marbach genug Geld aufbringen wird.

Die 25. Antiquaria im nahen Ludwigsburg braucht sich, zumindest atmosphärisch, nicht hinter ihrer großen Stuttgarter Schwester zu verstecken. Im neoklassizistischen Saal mit umlaufender Galerie der Musikhalle, gebaut um 1900, herrscht eine gemütliche Nähe zwischen den Regalen. „Viele der Händler sind uns seit Jahren treu“, sagt Petra Bewer, Organisatorin der Messe seit 1986, die selbst ein Architektur-Antiquariat führt. Sie bietet einen Band von Charles Garniers Entwürfen für die Pariser Oper von 1880 an, mit dem der Architekt den Zuschlag für den Bau gewann (2800 Euro).

Schlagende Begriffe

Habe man den Kopf auf der Antiquaria früher typischerweise schräg nach rechts oder links geneigt, um die Buchrücken studieren zu können, werde die Präsentation immer visueller: „Man zeigt die Bücher aufgeklappt oder bietet immer öfter Drucke an“, sagt Bewer. Im Antiquariat Nass aus Berlin hängt eine Radierung von Emil Nolde: „Der Maler“ von 1905 zeigt den Künstler schwarz umschattet mit Schlapphut. Er hält der Welt einen tragischen Blick entgegen (12.000 Euro). Bei Hardner aus Dresden fällt die Lithographie „Bildnis Dr. Weber, Heilbronn“ auf, genauer ein Vorzugsdruck, den der Expressionist Conrad Felixmüller 1922 „ergebenst und dankbar“ dem Herrn A. Sonnenschein widmete und signierte (2650 Euro).

Es ist eine Eigenart von Antiquariatsmessen, dass einem beim Wandern entlang der Regale, die Begrifflichkeit vergangener Epochen einen Schlag versetzen kann. So geschehen bei Michael Kühn aus Berlin durch die neurologische Abhandlung „Das Hirn des Negers mit dem des Europäers und Orang-Outangs“ von Dr. Friedrich Tiedemann aus dem Jahr 1837 für 280 Euro. Kühn hatte die Restauflage von fünfzig Stück in Antiquariatsnachlässen gefunden und seitdem häufig in die Vereinigten Staaten verkauft. Die Abhandlung versuchte nämlich zu beweisen, dass zwischen den Gehirnen der drei genannten Spezies kein nennenswerter Unterschied besteht.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel

Ab in die eTonne

Von Ursula Scheer

Der „eTown-Index“ rechnet aus, in welcher Stadt Deutschlands es die meisten wirtschaftlichen Internetseiten gibt. Googles System dahinter ist ebenso durchschaubar wie verworren. Mehr