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Menzel in München Schon bevor man sich versieht

Zusammengetragen in vierzig Jahren, versteigert in vierzig Minuten: Zwanzig Blätter von Adolph von Menzel begeistern bei Neumeister in München.

© Neumeister Vergrößern Hinterrücks: Adolph von Menzels Pastell „Studie zum Opernball“ von 1853, 29 mal 22 Zentimeter klein, hat bei Neumeister in München 330.000 Euro (Taxe 25.000/30.000 Euro) eingespielt. Das ist der dritthöchste Auktionspreis für ein Menzel-Blatt

Es war ein Siegeszug auf der ganzen Linie. Zwanzig Blätter einer ehemaligen Berliner Privatsammlung von Adolph von Menzel begeisterten jetzt Sammler und Händler bei Neumeister in München in einer Sonderauktion. Man riss sich um die Werke, die, in vierzig Jahren zusammengetragen, bereits in vierzig Minuten neu verteilt waren. Dass die ausgesprochen niedrigen Schätzpreise nur ausnahmsweise ins Schwarze treffen würden, war zu erwarten - aber die Höhe mancher Zuschläge überraschte dann doch.

Die hinreißende Studie einer Dame mit Opernglas, deren verhaltene Neugier Menzel mit seiner einmaligen Beobachtungsgabe in einer Ansicht von „hinterrücks“ erfasst, stieg ungebremst auf 330.000 Euro, den elffachen Satz der oberen Schätzung. Dicht darauf folgte die Studie eines stehenden Jünglings in Dreiviertelfigur, den der Maler von Friedrichs Glorie auf seinem - nurmehr fragmentarisch erhaltenen - Gemälde „Friedrich der Große auf Reisen“ mit Rokoko-Perücke versah. Der weiße Kragen, Lichtschimmer auf der jungen Haut des auf demselben Blatt mehrfach skizzierten Gesichts in reizvollem Kontrast zum braunen Tonpapier - so will das Publikum Menzel sehen, diese Werke wollen die Sammler kaufen.

Kopie von  © Neumeister Vergrößern „Kopf eines Mannes mit Vollbart“ von 1894, Bleistift auf Papier, 41 mal 29 cm, für 56.000 Euro (Taxe 8000/10.000 Euro)

Der nur am Telefon vertretene Privatsammler, der auch schon vorher die Opernbesucherin erworben hatte, nahm für 300000 Euro (Taxe 12.000/ 15.000 Euro) auch noch den Jüngling mit nach Hause. Damit erklommen diese Blätter Platz drei und vier auf der internationalen Auktionspreisliste für Arbeiten auf Papier von Adolph von Menzel. Angeführt wird diese Rangliste derzeit von seinem Aquarell „Blick in einen Hof“; es brachte 2006 bei Sotheby’s in London umgerechnet mehr als eine Million Euro.

In München jetzt hatte der Saal meistens das Nachsehen, während die Telefone heißliefen: Vergeblich sah man den Münchner Händler Markus Marschall nicht nur um die exquisite, mit Menzels Lieblingsmittel, dem Zimmermannsbleistift, angelegte Halbfigur eines bärtigen Alten mit gesenktem Kopf kämpfen. Es ist ein Paradeexempel für Menzels Meisterschaft bei differenzierten Texturen und Strukturen und brachte 50.000 Euro (12.000/15.000), nochmals bewilligt von besagtem Sammler, den man im Ausland vermuten darf. Marschall ergatterte später für 37.000 Euro die Profilzeichnung eines schnauzbärtigen Herren mit Hut, dem der gnadenlose Realist Menzel die Bloßstellung von Halsfalten im engen Hemdkragen nicht erspart (10.000/ 12.000). Die hohe Anzahl älterer Bartträger im Bestand der Sammlung mag einer hohen Wertschätzung für Menzelsche „Haarkunst“ geschuldet sein.

 © Neumeister Vergrößern „Modellstudie nach einem stehenden jungen Mann“, Kreide und Bleistift auf Papier, 39 mal 22 cm, für 300.000 Euro (Taxe 12.000/15.000 Euro)

Adolph von Menzel, geboren 1815 in Breslau und 1905 in Berlin gestorben, zeichnete wie ein Besessener, wo er ging, saß und stand. Schon gar nicht konnte er das Zeichnen lassen, wenn er mit Emilie, seiner ihm eng verbundenen Schwester, und deren Familie 1868 in die Sommerfrische nach Bad Harzburg fuhr: Emilie, ihr Mann und deren kleine Kinder auf die Rücken von drei Eseln verteilt, hält er zur Erinnerung schnell mal mit dem Bleistift fest; und diese hübsche kleine, überaus private Szene aus dem Leben eines kleinwüchsigen Mannes, dem ein eigenes Familien- und Liebesleben versagt blieb, kostete ihren Käufer dann nur 3800 Euro (4000/5000) - ein Glücksfall.

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Das Thema eines späten Hauptwerks, die „Piazza d’Erbe in Verona“, griff der Künstler in der 1886 datierten, farbigen Tuschzeichnung „Marktszene in Verona“ auf, mit 60.000 Euro bestätigte deutscher Handel die obere Schätzung für das Blatt. Die gedämpfte Palette der Gouache „Endes des Versöhnungsfestes“ nimmt die Atmosphäre in einer Synagoge auf: das Verrauchen der Kerzenlichts, das matte Glitzern eines Lüsters, unter dem ein jüdischer Gläubiger den Gebetsmantel enger um die Schultern zieht. Hier brauchte es Atem: Aufgerufen bei 22.000 Euro, forderte das Werk süddeutsche Handel schließlich 120.000 Euro ab.

 © Neumeister Vergrößern „Frau mit Hut“ von 1885, Bleistift auf Papier, 19 mal 12 cm, für 16.000 Euro (Taxe 8000/10.000 Euro)

Ein einziges Ölbild enthielt die Offerte. Der „Rothe Proletär“ wie ihn seine erste Eigentümerin, die Vicomtesse de Calonne nannte, zeigt einen Mann im roten Hemd, der Unterarm entblößt, der gleich mit dem Hammer eine Krampe in die Wand schlagen wird. Mit 50.000 Euro überstieg auch dieses Los die mit 20.000 bis 30.000 bezifferte Erwartung deutlich. Käufer ist ein Privatsammler in Athen, aber nicht George Economou, wie das Auktionshaus betont. Mittlerweile scheinen dort auch andere auf Klassiker der deutschen Kunst aufmerksam geworden zu sein.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 31.03.2012, 12:45 Uhr