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Buch über das Leben Van Goghs : Der Knick im Sternenhimmel

Früher in der Kunsthalle Bremen, jetzt an unbekanntem Ort in Russland: Van Goghs Federzeichnung der „Sternennacht“ Bild: F.A.Z. Archiv

Martin Bailey teilt in seinem Buch „Starry Night“ Neuigkeiten zum Leben von Vincent van Gogh. Der Kenner spürt immer wieder wertvolle Informationen über den Künstler auf.

          Vincent van Gogh kommt nicht vor in den psychologisch-soziologischen Überlegungen der beiden österreichischen Kunsthistoriker Ernst Kris und Otto Kurz über die Mythen, die sich um Künstlerviten ranken. Dabei liefert das Bild, das sich die Nachwelt von Van Gogh geschaffen hat, ein extremes Beispiel der Legende vom Künstler, die Kris und Kurz in ihrer bemerkenswerten Studie aus dem Jahr 1934 auf den Versuch der Umwelt zurückführen, das Geheimnis des künstlerischen Schaffens zu ergründen. Van Gogh ist zur paradigmatischen Künstlerfigur stilisiert worden; bei kaum einem anderen hat die Verknüpfung von Werk und Biographie derartig mythische Dimensionen angenommen. In den jüngeren Beiträgen zur ausufernden Van-Gogh-Forschung wird die Legende vom verkannten, isolierten, wahnsinnigen Künstler allerdings so oft in Frage gestellt, dass die Widerlegung der überlieferten Wahrnehmung auch beginnt, fast klischeehaften Charakter zu bekommen.

          Gina Thomas

          Feuilletonkorrespondentin mit Sitz in London.

          Angesichts der ausführlich dokumentierten und analysierten Biographie erstaunt es allerdings, dass selbst den publizierten Quellen noch frische Einblicke abgewonnen werden können, die Van Gogh nicht unbedingt in einem anderen Licht erscheinen lassen, aber immerhin erhellende Akzente setzen: Das gilt für „Starry Night“, das jüngste Buch des britischen Van-Gogh-Kenners Martin Bailey. Seine nüchterne Chronik des Jahres, das der Künstler nach der Selbstverstümmelung seines Ohrs in der Nervenheilanstalt von St-Paul-de-Mausole am Rand des provenzalischen Städtchens St-Rémy verbrachte, nimmt den Lebensfaden dort auf, wo er ihn in seinem vorigen Buch „Studio of the South“ über das Jahr im gelben Haus von Arles vor zwei Jahren niedergelegt hat. Wie ein hartnäckiges Trüffelschwein spürt Bailey auf abgegrastem Terrain immer wieder wertvolle Informationen auf.

          Plastisches Bild traumatischer Umstände

          Bisher hat sich kaum jemand mit der Geschichte der psychiatrischen Klinik auseinandergesetzt, um Näheres zu erfahren über die „Unglücksgefährten“, wie Van Gogh seine Mitpatienten in dem ehemaligen Kloster nannte. Bailey hat im städtischen Archiv von St-Rémy das Register der Anstalt aufgestöbert, in dem die Namen der Neuankömmlinge eingetragen wurden. Anhand dieser Informationen ist Bailey einzelnen Krankheitsgeschichten nachgegangen.

          Seine auch in anderen Quellen entdeckten Puzzlestücke über die Patienten und das Personal vermitteln nicht nur ein plastischeres Bild der traumatischen Umstände, mit denen Van Gogh in der Klinik konfrontiert war – zumal in den Phasen, in denen seine Kreativität nicht durch Wahnvorstellungen gelähmt war. Sie haben auch dazu geführt, dass der junge Gärtner auf dem Porträt in der Galleria dell’Arte Moderna in Rom erstmals identifiziert werden kann.

          Es ist typisch für Baileys akribische Vorgehensweise, dass er sich nicht auf die bisherigen astronomischen Forschungen im Zusammenhang mit Van Goghs „Sternennacht“ verlässt, sondern sich im Londoner Planetarium die Konstellationen des Nachthimmels vom 14. auf den 15.Juni 1889 vorführen lässt, um zu ermitteln, wie wirklichkeitsgetreu das an jenem Datum konzipierte Schlüsselwerk ist, das sich heute im Metropolitan Museum in New York befindet. Er zieht daraus das Fazit, dass die Komposition ein durch die künstlerische Phantasie angereichertes Amalgam der nächtlichen Beobachtungen aus dem Fenster seines Zimmers ist.

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