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Londoner Auktionen : Im langen Schatten des Weltenretters

Joseph Wright of Derby, „An Academy by Lamplight“, Öl auf Leinwand, 127 mal 101,6 Zentimeter: Taxe2,5 bis 3,5 Millionen Pfund Bild: Sotheby’s

Da haben die Alten Meister in London kaum eine Chance: Dem Angebot fehlt Glanz und Gloria.

          Der Rausch um „The Da Vinci“ war noch nicht vorüber, da bekommt er neue Nahrung, angeblich soll das Bild im Louvre gezeigt werden. Dabei war längst vor der ganzen Sensation bekannt, dass nicht ein Gemälde von exzeptionellem Rang in der New Yorker Auktion mit 450,3 Millionen Dollar dotiert wurde. Der offenbar unwiderstehliche Reiz am chabby chic des Christus als Weltenretter liegt einzig und allein darin, dass das Renaissance-Genie Leonardo seine Hand an ihn wenigstens angelegt hat. Denn über Leonardos – wie weit auch immer gehende – Mitwirkung sind sich alle Experten einig, als kleinstem gemeinsamen Nenner.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Zurück in die Realität: Mit der charmanten Pointe, dass nun ein Alter Meister die ewige Preisliste, weit vor aller modernen Kunst, anführt, hat sich für wahre Optimisten die fromme Hoffnung verbunden, dass etwas von seinem Abglanz auf dieses Marktsegment fallen könnte. Ein Blick auf die traditionellen Londoner Altmeister-Auktionen in der kommenden Woche genügt für die Feststellung, dass sich das als schwierig erweisen wird, angesichts des Angebots. Da ist bei Christie’s am 7. Dezember, als höchstdotiertes Los, El Greco mit einem Gemälde, das den „Heiligen Franziskus mit Bruder Leo in Andacht“ zeigt. Die Schätzung für das ergreifende Memento Mori mit Totenschädel liegt bei fünf bis sieben Millionen Pfund. Sotheby’s bietet am 6. Dezember ein tiefromantisches Hell-Dunkel-Szenario von Joseph Wright of Derby aus dem 18. Jahrhundert an, das eine Akademieszene im Lampenlicht zeigt; die Erwartung dafür liegt bei 2,5 bis 3,5 Millionen Pfund. Das kleinere Haus Bonhams, das ebenfalls am 6. Dezember Alte Meister versteigert, hält eine Kreuzigung des Lorenzo Veneziano aus dem 14. Jahrhundert vor (Taxe 400 000/ 600 000 Pfund). Solche Werke sind für Kenner und Liebhaber – und dass sie die Preisspitzen bilden, zeugt von der andauernden Materialknappheit bei der Alten Kunst.

          Materialknappheit bei der Alten Kunst

          Kaum können diese Lose, selbst bei perfekter Eigenhändigkeit ihrer bedeutenden Meister, annähernd ein Begehren wecken, wie es vom „Salvator“ entfacht wurde. Was ihn auszeichnet ist – so simpel wie evident – die Magie einer Berührungsreliquie, wie es lange keine vergleichbare mehr in privatem Besitz gab – doch nun, mit einiger Wahrscheinlichkeit, wieder gibt. Den Kunstmarkt wegen seiner Schwäche für den Superstar zu zeihen heißt, im selben Zug, ausgerechnet ihn zum Maßstab zu machen, schon gar in Sachen Geschmacksbildung. Das ist keine gute Idee, nicht erst seit gestern.

          Doménikos Theotokópoulos, genannt El Greco, „Saint Francis and Brother Leo in Meditation“, Öl auf Leinwand, 110 mal 64,5 Zentimeter: Taxe 5 bis 7 Millionen Pfund Bilderstrecke
          Doménikos Theotokópoulos, genannt El Greco, „Saint Francis and Brother Leo in Meditation“, Öl auf Leinwand, 110 mal 64,5 Zentimeter: Taxe 5 bis 7 Millionen Pfund :

          Dass der „Salvator“ in der Öffentlichkeit auftauchen würde, war zu vermuten (F.A.Z. vom 17. November). Dass er aber, wie es aussieht, im nächsten Jahr in Paris aufscheinen könnte, wäre ein echter Coup des Louvre-Direktors Jean-Luc Martinez: Der „Salvator“, mindestens als Leihgabe auf Zeit, im Museum – ohne dass das Museum ihn bezahlen musste. Wobei übrigens, auch das gehört zu diesem speziellen Schauspiel, sehr wahrscheinlich keines der großen Museen der westlichen Welt das Bild gekauft hätte, auch nicht für viel weniger Geld. Als Dauerpräsenz lässt es sich in den Uffizien, im Louvre, in der Berliner Gemäldegalerie, der es übrigens angeboten worden war, in der Münchner Pinakothek oder der Londoner National Gallery schwer vorstellen.

          So ist eben der Mythos eines halben Jahrtausends auch von einer anderen Wirklichkeit als der gängige Altmeister-Markt. Von dieser Aureole können ein Venedig-Bellotto bei Sotheby’s (2/3 Millionen) oder eines der Blumenstillleben von Ambrosius Bosschaertd.Ä. bei Christie’s (300 000/500 000) nur träumen.

          Quelle: F.A.Z.

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