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Liebermanns Sammlung Ohne eine Niete

Max Liebermann war ein bedeutender deutscher Impressionist. Gerühmt wurde er aber auch für seine Kunstsammlung. Bis heute ist ihr Verbleib nicht geklärt.

Ein älterer Herr in einem Armlehnsessel. Er trägt ein gedecktes Longsakko aus Wollstoff mit Weste und gestreifter Hose, dazu ein helles Hemd, Schnürstiefel, Krawatte, Einstecktuch, Uhrkette und Manschettenknöpfe. Sein Blick geht Richtung Betrachter und doch an ihm vorbei. Das Foto des jungen Berliner Fotografen Fritz Eschen aus der Zeit um 1930 ist ein Doppelbildnis. Im Wechselspiel von Individuum- und Raumporträt verdichtet sich das Bild einer Persönlichkeit. Möbel, Gemälde, Lampen, Paravent und Spiegel, samt dekorativ auf der Marmorplatte der Kommode gereihten Kleinskulpturen und Gefäßen, kennzeichnet die Gestalt: ein Sammler und Kenner von Kunst- und Kunstgewerbe.

Im Hintergrund aber wartet der Salon mit den eigentlichen Sensationen auf. Angeschnitten ist links im Bild Édouard Manets Gemälde „Madame Manet im Garten in Bellevue“ von 1880, und gleich daneben - im Fokus des Fotos - ist sein heute bekanntes „Spargelbündel“ aus dem gleichen Jahr zu erkennen. Seitlich folgen oben, vermutlich, eine kleine Corot-Landschaft sowie darunter ein Männerporträt wohl von Jozef Israëls. Die Identifikation der beiden Kleinformate ist schwierig.

Manet als unerreichtes Vorbild

Wüsste man nicht, wer auf dem Foto zu sehen ist, die Provenienz der beiden Manet-Gemälde, die sich heute im Metropolitan Museum of Art in New York und im Kölner Wallraf-Richartz-Museum befinden, gäben darüber beredt Auskunft: Denn um 1930 gab es in Berlin keine bedeutendere Privatsammlung französischer Impressionisten mit einem Manet-Schwerpunkt als die von Max Liebermann. Das „Spargelbündel“ gilt als ein Signet seiner Kollektion, ein chef d’oeuvre der Stilllebenmalerei und eines der Hauptwerke der Sammlung Liebermann, die neben Gemälden von Cézanne, Degas, Monet oder Toulouse-Lautrec insgesamt siebzehn Manet-Werke zählte.

Manet galt Liebermann als Maler der Maler - ein unerreichtes Vorbild. Liebermanns Leidenschaft für die französische Kunst der Gegenwart reicht bis in die achtziger Jahre des 19. Jahrhunderts zurück. Erste Werke hat er bereits vor 1900 erworben, die beiden angeführten Manet-Gemälde 1902 und 1907. Während die eigenen Arbeiten einem überwiegend an den Atelierwänden begegneten, waren die Gesellschafts- und Wohnräume des Hauses am Pariser Platz mit der Nummer sieben bevorzugt der Sammlung vorbehalten - und im Zentrum rangierte das hier gezeigte Musikzimmer.

Eine Sammlung von musealem Rang

Hymnisch klingt der Bericht des Schriftstellers Max Osborn 1909: „Es gibt kaum bei einem Pariser Sammler - von öffentlichen Galerien ganz zu schweigen - Wände von solcher Schönheit und Delikatesse der Zusammenstellung, wie sie hier anzutreffen sind. Das Auge erlebt einen Sinnenrausch, wenn es über die Leinwandflächen gleitet, die der kultivierteste Instinkt aufgestöbert, und der glücklichste Geschmack plaziert hat. . . . Nirgends konnten wir mit solchem Verständnis Bilder und Möbel, Wandbehang und Teppiche zusammengestimmt sehen.“

Am Ende seines Rundgangs resümiert Osborn eine mögliche öffentliche Perspektive: „Wenn man die Kunstschätze der Liebermannschen Wohnung aus ihrer Umgebung herauslöste, so hätte man den köstlichsten Grundstock einer ,modernen Galerie’, wie sie viele Kunstfreunde unserer Stadt seit Jahr und Tag ersehnen. Eine Galerie, in der jedes einzelne Bild ein Stück Kunstgeschichte repräsentierte, in der es keine einzige Niete gäbe; die nicht von einem modernen Snobismus zusammen gerafft wäre . . . sondern von dem besten und verständnisvollsten Kenner alter wie neuer Malerei.“

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Veröffentlicht: 07.11.2012, 13:50 Uhr