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Berlin Auktion bei Lempertz : Malewitsch als Lokomotive

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Mit Farbe, Form und Motiv in den Klassenkampf: Sowjetisches Revolutionsporzellan kommt bei Lempertz in Berlin unter den Hammer. Die vielseitigen Stücke zeugen von der Zeit des Umbruchs.

          In der „Berlin Auktion“ versteigert das Auktionshaus Lempertz am 2. Mai unter anderem eine Sammlung sowjetischen Revolutionsporzellans. Die Revolution in den Alltag tragen, die Güter des Klassenfeinds der Allgemeinheit zugänglich machen, die neue Ordnung forcieren – die Ziele dieser Gebrauchskunst waren klar gesteckt. Nach der Oktoberrevolution im Jahr 1917 wurde die kaiserliche Porzellanmanufaktur verstaatlicht und man produzierte nach den neuen Idealen. Es sind spannende Entwürfe, die in rund fünfzig Losen angeboten werden. Sie wollen mit dem Alten brechen und sind ihm doch noch ganz verpflichtet – denn beim zaristisch-russischen Porzellan muss das revolutionäre anknüpfen, will es als Träger der neuen Ideale funktionieren und im Alltag dienlich sein; außerdem kann ein bisschen Status auch im Kommunismus nicht schaden.

          Da ist zum einen das Frühstücksgeschirr, ein Tête-à-tête, mit Kanne, Mokkakännchen, Zuckerschale und zwei Tassen, dessen gelber Fond sonnig strahlt und dessen Ränder golden glänzen (Taxe 8000 bis 12000 Euro). Das farbige Emaildekor, ausgeführt von der Porzellankünstlerin Sinaida Wiktorowna Kobylezkaja, zeigt neben stilisierten Blumen Zahnrad, Hammer und Sichel, die Symbole der neuen kommunistischen Ordnung. Spruchteller andererseits versuchen durch direkte Ansprache den neuen Geist zu pflanzen: „Der Krieg gebiert Helden“ oder „Gelobt sei die sowjetische Jugend! Stalin“ (je 1500/2000). Das aufwändige Dekor von Motivtellern besteht aus einer Collage mit dem Konterfei Lenins, dem Wappen und Monogramm der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik und einer Lebensmittelmarke (8000/10.000), zeigt Szenen russischer Volksmärchen oder erinnert an die Hungersnot von 1921 (je 6000/8000). Bei vielen Tellern lässt sich der politische Umbruch am Material nachvollziehen: Der Weißbrand stammt teilweise noch aus der Kaiserzeit, die Bemalung aber führten Künstler in den nun verstaatlichten Manufakturen aus; so ziert einen flachen Teller mit der Stempelmarke „Alexander III.“ die futuristische Dynamik eines Veniamin Belkins (4000/6000). Auch El Lissitzky trug zur Revolution bei und ließ eine Keramikplatte und sechs Teller abstrakt in Rot und Schwarz bemalten (1000).

          Erstaunlicherweise hat sich die Porzellanfigur, die ursprünglich von Meissen um 1710 für die barocke höfische Tafel entwickelt wurde, im Umbruch erhalten – nur dass nun keine kleinen Hofdamen, sondern Bäuerinnen (4000/6000, Matrosen (5000/8000) und dick in Fellkleidung verpackte Wachposten, sogenannte Rotarmisten, dargestellt wurden (10.000/15.000). Der fast zwanzig Zentimeter große, zylindrische Entwurf von Tigran Ownanowitsch Dawtjan stammt aus den dreißiger Jahren und wurde seriell produziert, wie ein sehr ähnliches Exemplar im Moskauer Schloss Kuskowo vermuten lässt. Das Highlight der Spezialauktion ist die neue Formensprache von Kasimir Malewitsch: Der von den Manufakturarbeitern „Lokomotive“ genannte Kannenentwurf aus den zwanziger Jahren setzt sich aus stereometrischen Formen zusammen, aus Kuben, Zylindern und Kugeln. Es ist in klarem Weiß gehalten, ohne Dekor. Gevierteilte Kugeln mimen die dazugehörigen Tassen, mit flachen Rechtecken als Henkel – ein wirklich avantgardistisches Ensemble (15.000/20.000).

          Unangefochtenes Spitzenlos der Auktion ist derweil ein Stück vorrevolutionäres Porzellan: Eine monumentale Krater-Vase aus der Königlichen Porzellanmanufaktur in Berlin, entworfen von Johann Carl Friedrich Riese im Jahr 1836. Den 77 Zentimeter großen Pokal verschenkte Friedrich Wilhelm III. zusammen mit zwei weiteren Exemplaren an den mit Prinzessin Helene zu Mecklenburg-Schwerin frisch verlobten Herzog Ferdinand Philippe von Orléans. Prunkvolle Henkel mit vergoldeten Akanthusblättern und Nymphen in feiner Grisaillemalerei zieren die Vase. Auf dem Körper erstreckt sich ein detailreiches Landschaftspanorama von Potsdam, gemalt von Eduard Wilhelm Forst – der herrschaftliche Blick von oben ist wohl der Inbegriff der alten, fürstlichen Ordnung. Mit 200.000 bis 250.000 Euro Schätzpreis ist die Revolution eindeutig ausgestochen.

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