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Kunstverkauf gegen Haushaltslöcher : NRW will Warhols versteigern lassen

Um Haushaltslöcher zu stopfen, plant Nordrhein-Westfalen, zwei sündhaft teure Bilder in New York versteigern zu lassen. Doch die Landesregierung verweigert jede Auskunft, ob das überhaupt erlaubt ist.

          Als Anfang September bekannt wurde, dass eine Einrichtung des Landes Nordrhein-Westfalen in New York am 12. November zwei Hauptwerke von Andy Warhol versteigern lassen will, musste man das erst einmal verstehen. Der breiten Öffentlichkeit war nicht bekannt, dass diese Bilder im Besitz der Westspiel sind, des staatlich konzessionierten Spielbankenbetreibers in Nordrhein-Westfalen. Bis 2009 hingen sie in der Spielbank in Aachen – „als Deko“, wie es ein Sprecher der Westspiel formulierte; aufgrund ihres gestiegenen Marktwerts wurden sie dann abgehängt und verwahrt.

          Rose-Maria Gropp

          Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

          Wissen muss man auch, dass die Westspiel eine Tochter der NRW-Bank ist, der Förderbank des Landes Nordrhein-Westfalen, die ihrerseits dem nordrhein-westfälischen Finanzministerium untersteht und dem Land gehört. Das kann nur heißen, dass auch Andy Warhols „Triple Elvis“ und „Four Marlons“ Eigentum des Landes Nordrhein-Westfalen sind. Bereits am vergangenen Dienstag blieben entsprechende Fragen der Frankfurter Allgemeinen Zeitung an das nordrhein-westfälische Finanzministerium unbeantwortet, unter Hinweis auf Nichtzuständigkeit. Das legt den Verdacht nah, dass es da um sehr heiße – auf zusammen (vorsichtig) rund 130 Millionen Dollar geschätzte – Kartoffeln geht. Denn die Fragen waren denkbar simpel: Sind die Warhols nicht Landesvermögen? Und gibt es überhaupt eine gesetzliche Grundlage für diesen Verkauf? Falls ja, welche?

          Der Sprecher des in Düsseldorf für Kultur zuständigen Ministeriums machte es dann am Mittwoch noch knapper: „Wir äußern uns generell nicht dazu.“ Immerhin ist diese exzentrische Informationspolitik ein Indiz dafür, dass es hinter den Kulissen ziemlich eng geworden ist. Das macht Hoffnung, dass dieser absurde Verkauf noch verhindert werden kann. Es kann doch nicht wahr sein, dass nicht nur höchstrangige, sondern überhaupt Kunstwerke im Eigentum des Landes als Verschiebemasse behandelt werden, um mit dem Erlös irgendwelche Haushaltslöcher zu stopfen?

          Marode Spielbanken

          Es ist den deutschen öffentlichen Museen und Sammlungen (anders als privaten Häusern) prinzipiell untersagt, aus ihren Beständen Werke zu veräußern. Auch wenn eine staatlich alimentierte Spielhölle kein Tempel ist, sollten dort dieselben Regeln für den Umgang mit Kunst gelten. Noch grotesker wird das Ganze, wenn es seitens der NRW-Bank auf Anfrage der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hieß, der Verkauf der Werke ermögliche es Westspiel, „ihrem staatlichen Auftrag in NRW auch zukünftig gerecht zu werden und die anstehenden Herausforderungen aus eigenem Vermögen zu bewältigen, ohne den Steuerzahler dadurch zu belasten“.

          Übersetzung: Mit den Erlösen will Westspiel seine Standorte modernisieren. Zwar geht das nicht direkt, aber im Haushaltsplan 2015 soll dann stehen, „dass der für die Investitionen des Unternehmens benötigte Betrag an das Unternehmen zurückfließt“. Um das Maß voll zu machen, ist auch noch ein neues Casino in Köln geplant. Die Pointe dazu: Die staatlich betriebenen Spielbanken sind ein völlig marodes Geschäftsmodell, das immer weiter in die Miesen rauscht, weil es der Konkurrenz im Internet längst nicht mehr gewachsen ist.

          Es sieht beinah so aus, als ob sich da irgendwo im Getriebe etwas verselbständigt habe, was nun mit aller Macht aufgehalten werden muss. Denn sehr merkwürdig liest sich inzwischen, wie Lothar Dunkel, der Geschäftsführer von Westspiel, in der ersten Pressemeldung zur Auktion zitiert wird: „Aufgrund der Stärke des gegenwärtigen Marktes, insbesondere für Werke Andy Warhols, ist jetzt der richtige Zeitpunkt für einen Verkauf.“ Wer hat dem Mann das wohl weisgemacht? Mit diesem Argument ließen sich auch ganze Museen verhökern. Das Finanzministerium äußert sich übrigens auch dazu nicht, ob und wie das Auktionshaus der begehrten Einlieferung entgegengekommen ist.

          Schwärmerei bei Christie's

          Inzwischen ist die Botschaft angekommen: Gestern haben 26 Museumsdirektoren aus Nordrhein-Westfalen einen sehr deutlichen Brief an die Landesregierung mit Durchschrift an die Fraktionen geschrieben, in dem sie sich gegen den geplanten Verkauf empören. Ihre Stimmen müssen gehört werden. Schließlich geht es nicht um ein Kavaliersdelikt, sondern um die grundsätzliche Haltung der Landespolitik ihren Kulturgütern gegenüber.

          Auch das Auktionshaus Christie’s ist noch schmallippiger als sonst: Die vage Schätzung wird nicht präzisiert. Zur Frage, ob die Bilder mit Garantien versehen sind – das heißt, auch im (unwahrscheinlichen) Fall eines Scheiterns in der Versteigerung einen sicheren Abnehmer hätten –, heißt es, über vertragliche Details könne keine Auskunft erteilt werden. Was ein wenig albern ist, weil spätestens der Auktionskatalog verzeichnen müsste, ob die Werke so abgesichert sind. Doch dahin darf es nicht kommen: zu diesem „unvergleichlichen Ereignis“, von dem Brett Gorvy, der Chef der Gegenwartskunst bei Christie’s, bereits schwärmt. Die Nachricht muss lauten: Das event fällt aus.

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