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Kunstmessen Zum Jubiläum musizieren die Engel: Die fünfzigste Ausgabe der Kunst-Messe München

08.10.2005 ·  In ihrem Gründungsjahr 1956 vereinte die überregionale Kunstmesse an der Isar vierundfünfzig Teilnehmer im Haus der Kunst. In ihrer diesjährigen fünfzigsten Ausgabe sind es rund 115 Aussteller.

Von Brita Sachs
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Herren im Smoking wird man nicht sehen, wenn heute die Kunst-Messe München eröffnet. Auch findet die Vernissage nicht als Festakt im Rubenssaal der Alten Pinakothek statt, sondern vormittags in Halle A6 auf dem Messegelände. Im Unterschied zu 1956, als die feierliche Eröffnung der ersten Kunst- und Antiquitätenmesse Deutschlands ein gesellschaftliches Ereignis darstellte, das sich schnell zu einem Spektakel erster Güte auswuchs, konstatiert jetzt die 50. Ausgabe das Jubiläum mehr, als es zu feiern. Sehen lassen kann sich freilich das Antike bis Gegenwart abdeckende Angebot, mit dem rund 115 Händler, darunter zehn Prozent ausländische Teilnehmer, neuerlich den Ruf der KMM als wichtigste Messe ihrer Art im Lande untermauern.

Dem jungen Münchner Kunsthändler Julius Böhler verdankte sich seinerzeit die Idee, an der Isar eine überregionale Kunstmesse aufzubauen, Kollege Johann Keller organisierte das Erfolgsmodell, und Konsul Otto Bernheimer, damals Präsident des eben gegründeten Bundesverbands der Kunsthändler, bürgte persönlich mit einer hohen Summe, was erst den Einzug der vierundfünfzig Kojen ins Haus der Kunst ermöglichte. 1993 erfolgte die Vertreibung von diesem rückblickend zum Paradies verklärten Stammplatz, an den sich mancher Aussteller zurückwünscht - aus Nostalgie, aber auch, weil der begrenzte Platz dort mit rigoroser Auswahl der Teilnehmer für dichteste Qualität sorgen würde. Ein Punkt dies, der mehrfach Verwerfungen und Spaltungen provozierte, zuletzt die Initiative der Munich-Highlights (siehe Bericht auf der nächsten Seite), die ausgerechnet die Nachkommen und Nachfolger Bernheimers und Böhlers im Kreise handverlesener Kollegen ein eigenes feines Süppchen kochen läßt.

Treue Seelen und Abtrünnige

Eine Treueplakette gebührt der Münchner Galerie Scheidwimmer, die kontinuierlich seit einem halben Jahrhundert mit ihren Alten Meistern die Messe veredelt und sich die verdienten Blumensträuße jedenfalls von Willem van Aelst prächtig gemalt auf den Stand holt. Nur ein Jahr weniger hat das Münchner Antiquariat Wölfle auf dem Messekonto, und immerhin schon die 38. Teilnahme bestreitet Albrecht Neuhaus. Der Würzburger hält sich nicht lang mit Schwärmerei von goldenen Zeiten im Haus der Kunst auf, lieber lobt er die über die Jahre gewachsene Kennerschaft eines Publikums, das Spitzenstücke will. „Wir verteidigen den Geschmack des 18. Jahrhunderts“, erklärt Neuhaus und führt ein imposantes Mahagoni-Rollbureau des fürstbischöflichen Hofschreiners zu Bamberg Balthasar Herrmann vor, das 125 000 Euro erfordert.

Fragile Kunst und radikale Sprünge

Die großen Möbelepochen, überhaupt das hochwertige Kunsthandwerk prägen einmal mehr das Gesicht der KMM. Froh ist die Messeleitung über die Rückkehr der Bremer Galerie Neuse, deren Standniveau stets Aufsehen erregt - diesmal mit einem Sechserset silberner Deckelschüsseln aus dem Hause Hannover - das noch nicht die dieser Tage irrational davongaloppierenden Preise der Marienburger Welfen-Auktion drückt - oder mit Albrecht Adams großem, 1809 für das Leuchtenberg-Palais in St. Petersburg gemalten „Schlachtfeld bei Tavis“, das im Frühjahr mit weiteren Exemplaren des saalfüllenden Zyklus in der Schweiz auf dem Markt erschien (450 000 Euro).

Zurück kam auch Angela Gräfin Wallwitz. Sie führt vor, wie man mit fragiler Kunst lebt, indem sie ihren kostbaren Porzellanen ein elegantes Salon-Ambiente baute, eine Landhaus-Ecke mit Kamin oder einfach einen stattlichen Goldrahmen um ein Kändler-Hasenpaar auf Wandsockeln legte. Derart besondere Inszenierungen erfrischen die Aufnahmefähigkeit und helfen, sich inter pares hervorzutun: Bei Schlapka stellt man das Spezialgebiet mit etlichen Sätzen attraktiver Biedermeierstühle in wandhohen Regalen vor. Kovacs aus Wien führt mit drei Tischchen der Bugholzmöbelfirma Jakob und Josef Kohn den radikalen, in nur vier Jahren getätigten Sprung vom Jugendstil zur klaren Strenge Otto Wagners vor Augen.

Kein Mangel herrscht an Silber; wenn auch Peter Henrich die zunehmende Verknappung an vergoldeten Stücken beklagt, kann er, wie auch Helga Matzke, prächtige Trinkgefäße aus den süddeutschen Schmieden des 17. Jahrhunderts offerieren. Drei Kilo schwer wiegt ein massivsilbernes Andachtslesepult aus Spanien bei Eva Toepfer, und Isman-Fänder wartet nicht zuletzt mit einer Fülle eleganter Art-déco-Schalen auf. Innehalten sollte der Flaneur bei Decker aus Frankfurt, wo die exquisite Skulptur eines heiligen Mannes mit lebhafter Physiognomie, wohl des Bernhard von Clairvaux, die Meisterschaft des zeitweilig dem Baldung Grien nahen Hans Weiditz belegen könnte (500 000 Euro).

Von Tiepolo zum Blauen Reiter

Besonders lohnend gestaltet sich der Besuch der Sektion Kunst auf Papier im hinteren Teil der Halle. Bei Arnoldi-Livie reservierte die Graphische Sammlung München ein Engelskonzert, das Hans Krumper womöglich für den Bennobogen der Frauenkirche entwarf. Auch hängt hier ein markantes Selbstporträt, das Tiepolo in seiner Würzburger Zeit skizziert haben dürfte (24 000). Boerner setzt mit selten frühen Aquarellen Johann C. Reinharts den Schwerpunkt in die Goethezeit - der Dichter soll das dicke, mit Landschaftszeichnungen Ferdinand Kobells gefüllte Buch besessen haben, das bei Fichter mit 55 000 Euro beziffert ist. Thole Rothermunds „Blaue Reiter“-Ausbeute gipfelt in einer August-Macke-Suite und einem der wenigen auffindbaren Werke Bechtejeffs, dem Aquarell „Badende“ von 1912 (43 000), und bei Jörg Schumacher wartet eine komplette Privatsammlung zu dem expressiv realistischen Josef Scharl.

Wie mancher Nachbar schlägt auch Martin Moeller den Bogen von den Könnern früherer Jahrhunderte zur Moderne; seine schöne Liebermann-Zeichnung einer Ruderpartie auf der Alster (22 000) korrespondiert mit der großen Auswahl an Liebermann-Werken in den Kojen zur modernen Kunst, wo etwa bei Koch ein großes Netzflickerinnen-Pastell glänzt (450 000) und bei Ludorff kleinere bezaubernde Wannsee-Impressionen in derselben Technik ab 98 000 Euro kosten. Einer wahren Schwemme später Bilder Gabriele Münters stellt Salis & Vertes die formidable Erstfassung des vom Münchner Lenbachhaus bewahrten „Burggrabens in Murnau“ von 1911 entgegen (385 000). Verehrern Oskar Schlemmers sei der Besuch bei Schlichtenmeier empfohlen, Alfred Gunzenhauser präsentiert mit Ulysses Belz seine jüngste Entdeckung, und die Galerie Thomas läßt sich von der imposanten Großskulptur „Orpheus“ bewachen, die Gerhard Marcks 1959 für das Stadttheater Lünen schuf (148 000). Einen Clou, dazu eines der wenigen Millionenobjekte der Messe birgt der Gemeinschaftsstand Schwarzer/Westenhoff: Max Beckmanns „Monte Carlo von Autocar bei Nacht, 1942 Lilly“, starke Malerei der Exilzeit, die die lichtergesäumte Küste förmlich in Lilienduft tränkt.

Bis 16. Oktober. Geöffnet täglich von 11 bis 19 Uhr, Montag, Dienstag und Mittwoch bis 22 Uhr. Der Eintritt kostet 12,50, der Katalog 10 Euro.

Quelle: F.A.Z.,8. Oktober 2005
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