08.10.2005 · Die Fiac führt neuerdings ein Ausrufezeichen im Logo und wendet sich in ihrer 32. Ausgabe entschieden jungen und jüngsten Positionen zu.
Von Angelika HeinickEine Baustelle erschwert die Zufahrt zur 32. Ausgabe der Fiac in den Messehallen an der Porte de Versailles, aber das neue Logo der Pariser Messe für zeitgenössische Kunst nutzt ein Ausrufezeichen, um Hindernissen zu trotzen. Nachdem man vor zwei Jahren die Konkurrenz der Londoner „Frieze“ empfindlich spürte, konnte die als künstlerische Leiterin engagierte Jennifer Flay im Vorjahr eine positive Dynamik in Gang setzen; 85 Prozent der Teilnehmer von 2004 haben sich wieder beworben. Mit 220 Händlern aus 18 Ländern, davon 115 aus dem Ausland, ist der Umfang der Messe konstant geblieben. Die Teilnehmer aus den Schlüsselländern des Markts wie Amerika, Deutschland, Belgien und der Schweiz hat zugenommen - ein Zeichen, daß die Fiac wieder „in“ ist. Die ehemalige Galeristin und frühere Messeteilnehmerin Jennifer Flay bildet zusammen mit Martin Bethenod, der zuvor am Kulturministerium für zeitgenössische Kunst zuständig war, ein einschlägiges Team, das ein attraktives Rahmenprogramm ausgearbeitet und die Aussteller mit einer allseits gelobten Organisation versorgt hat. Der „Fonds National d'Art Contemporain“ hat auf der Fiac 34 Werke zu rund 420 000 Euro erworben - ein Signal des Kulturministeriums, daß die Fiac ein nationales Anliegen ist.
Früher Picasso, heute Baselitz
Der Inhalt, Ergebnis einer rigorosen Selektion, wendet sich entschieden jungen und jüngsten Produktionen zu. Wo früher Picasso und Miró das Prestige der Messe bestimmten, treten heute Baselitz oder Mimmo Rotella (mit Einzelschauen bei Thaddaeus Ropac und Guy Pieters) als Klassiker auf. Enttäuschend provinziell gibt sich allein der Eingang zur Messehalle 4: Die Rücksicht auf eingefleischte Pfründe mögen erklären, daß man ausgerechnet hier nicht den Mut zur Erneuerung hatte. Ein paar Kojen weiter konfrontiert Robert Miller aus New York subtil die Generationen der Gegenwart: Dem Bild einer im Halbdunkel liegenden Frau (“Untitled“, Auflage 5, 11 500 Euro) des australischen Fotografen Bill Henson, der kunstvoll ausgeleuchtete Interieurs im Panoramaformat festhält, steht Tom Wesselmanns „Study for Bedroom Painting #75“ in Aquarell gegenüber (79 000 Euro). Mit neun Gemälden Jean Fautriers der zwanziger Jahre blickt Karsten Greve in die Vergangenheit. Die dunklen, mit Einritzungen traktierten Bilder wie „Les fleurs noires (les chardons noirs)“ oder „Glacier“ zu Preisen zwischen 80 000 und 350 000 Euro finden in den Werken von Louise Bourgeois in ihrer Mitte ein unergründliches Echo.
Hans Mayer ist mit einer hochgestimmten Offerte dabei: Die Mohnblüten der dreiteiligen, monumentalen Farbaufnahme des Amerikaners Bill Beckley, „Oh to be young again, carefree an gay“ von 2005 (Auflage 3, 50 000 Euro) verströmen kreative Leidenschaft wie auch die zarten Buntstiftzeichnungen „Le Bonheur illustré“ von Annette Messager (1975, je 5000 Euro). Die Arte Povera ist auf der Fiac gut repräsentiert. Di Meo (Paris) offeriert die großformatige Mischtechnik von Pier Paolo Calzolari „Miracolo a San Marco“ von 1967 aus Pappkarton, Salz, Farbe und Kleeblättern (34 000 Euro), und der Kölner Michael Janssen zeigt zwei verschollen geglaubte Acrylbürsten-Würmer „Bachi da setola/Brush worms“ von Pino Pascali (1968, zusammen 375 000 Euro). Der junge Maler Christoph Steimeyer besinnt sich auf die Filmgeschichte und hat das Interieur von Hitchcocks „Rebecca“ auf großer Leinwand inszeniert (22 000 Euro). Die Malerei, die sich gegenüber Installationen und Videokunst unangefochten behauptet, zeigt sich bei Lukasfeichtner aus Wien mit den Werken von Martin Schnur in ihren jüngsten Erscheinungsformen. Der Österreicher, der gemalte Figuren isoliert in Landschaften stellt, ist mit dem Gemälde „Sound“ (2005, 16 500 Euro) über die Unergründlichkeit des Schlafs präsent.
Snobismus und Kommerz
Der Nachwuchs hat in den Sektoren „Perspectives“ und „Future Quake“ in der Halle 5 Quartier bezogen. Honoré d'O verdeutlicht bei Nadja Vilenne aus Lüttich den Mechanismus des Gehirns anhand eines Plastikbuddhas (“Cadeau pour le public“, 7000 Euro), während die Galerie La Blanchisserie aus Boulogne-Billancourt die statistischen Erhebungen von Philippe Terrier-Herrmann präsentiert: Auf Aluminium aufgezogene Computergrafiken zeigen Weltkarten, auf denen die westlichen Länder übergroß erscheinen und Afrika und Lateinamerika fast verschwinden. Lumas (Berlin) lockt neue Sammler durch hohe Auflagen und niedrige Preise und bietet Fotografien von Stefanie Schneider in Auflagen von 100 bis 150 Stück (159 bis 609 Euro). Das Konzept wird zugespitzt von der Genfer Galerie Art & Public, die Raphaël Julliards Projekt, Kunst in China industriell fertigen zu lassen, realisiert. Tausend monochrom rot eingefärbte, vollkommen identische Leinwände werden zu je 100 Euro angeboten. Am Eröffnungsabend standen die Käufer Schlange, namhafte Sammler und Händler hatten die Billigprodukte gleich mehrfach reserviert. An der Registrierkasse trafen ein kommerzieller Coup und der Gipfel des Snobismus aufeinander und führten so die proklamierte „Demokratisierung der Kunstproduktion“ ins Absurde.