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Kunstmarkt-Forschung : Wie der Kunsthandel die Wissenschaft erobert

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Ein neues Fach ist geboren: Die Geschichte des Kunstmarkts wird für Universitäten, Museen und als Karriereperspektive für junge Kunsthistoriker immer wichtiger.

          Ernst Gombrich hat die Kunstgeschichte einmal als ein Gebiet bezeichnet, das wie Cäsars Gallien dreigeteilt sei und von drei verschiedenen, sich nicht unbedingt feindlich gegenüberstehenden Stämmen bewohnt werde: den Kunstkennern, den Kritikern und den Kunstwissenschaftlern. Es ist wohl ein Zeichen der zunehmenden Spezialisierung und Fragmentierung, dass das Fach, das sich im 19. Jahrhundert selbst als Zweig der Geschichte herausbildete, in den vergangenen zwanzig Jahren einen neuen Ableger bekommen hat: die Geschichte des Kunsthandels und des Sammlertums, die in Gombrichs Schema als Unterabteilung der Kategorie Kunstkenner zu betrachten wäre. Dieses neue Fach etabliert sich zunehmend als selbständige Domäne mit Forschungseinrichtungen wie dem 2007 ins Leben gerufenen Centre for the History of Collecting an der Frick Collection und mit eigenen Masterabschlüssen, wie sie etwa die Universitäten von Southern California und Glasgow anbieten. Parallel dazu bauen Forschungseinrichtungen ihre Archive über den Kunsthandel aus, eine Entwicklung, die mit dem seit 1998 durch das Washingtoner Abkommen über die Restitution von Raubkunst erstarkten Interesse an der Provenienzforschung zu tun hat.

          Vor zwei Jahren hat das Getty-Institut seinen Bestand an Materialien zur Geschichte des Kunstmarkts um das Archiv der New Yorker Knoedler Gallery erweitert - der einst renommierten, inzwischen durch einen Fälscherskandal in Verruf geratenen Kunsthandlung, die in ihrem mehr als hundertfünfzigjährigen Bestehen maßgeblichen Einfluss auf das amerikanische Sammlertum ausgeübt hat. Die Akten aus der Zeit um 1850 bis in die siebziger Jahre umfassen fast vierhundert Meter. Auf das Betreiben ihres Direktors Nicholas Penny, der die Geschmacks- und Sammelgeschichte zu seinen besonderen Interessengebieten zählt, hat die Londoner National Gallery kürzlich das Archiv der traditionsreichen Kunsthandlung Agnew’s erworben.

          Die Frucht der frischen Forschungsansätze

          Die wachsende Begeisterung für dieses Gebiet findet ihren Niederschlag auch in den Museen. Vor einigen Jahren widmete das Metropolitan Museum dem Händler Ambroise Vollard eine eigene Schau. Jetzt zeigt das Pariser Palais du Luxembourg gerade eine später in die Londoner National Gallery wandernde Schau, die sich mit dem Tun und Wirken des großen Impressionisten-Händlers Paul Durand-Ruel auseinandersetzt. Veranstaltungen wie diese sind die Frucht der frischen Forschungsansätze, die sich deutlich absetzen von der marxistisch geprägten, theoriebefrachteten neueren Kunstgeschichte der siebziger Jahre.

          Der Trend zu einer eher biographisch orientierten Untersuchung der ästhetischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und geistigen Aspekte des Kunstmarkts ließ sich unlängst auf dem Rothschild-Anwesen Waddesdon Manor bei einer gemeinsam mit der Universität Buckingham und der ältesten Londoner Kunsthandlung Colnaghi organisierten Tagung über den Handel im „vergoldeten Zeitalter“ beobachten, wie Mark Twain die Epoche des ausgehenden 19. Jahrhunderts sarkastisch nannte, um die Diskrepanz zwischen dem wirtschaftlichen Aufschwung und der unter einem goldenen Überzug verborgenen Armut zu kennzeichnen.

          Colnaghi hat sein Archiv zur Aufbewahrung nach Waddesdon gegeben, wo Lord Rothschild ein neues Gebäude errichtet hat. Das Archiv gibt Aufschluss über die Zeit, in der Europa viel Kunst und Amerika viel Geld hatte - ein Spruch, der Joseph Duveen zugeschrieben wird. Die Erkenntnisse, die sich aus der Erschließung ergeben, wurden in den Beiträgen von Susanna Avery Quash, Forschungskuratorin für die Geschichte des Sammelns an der Londoner National Gallery, und dem amerikanischen Privatgelehrten Michael Ripps besonders anschaulich gemacht. Als Gefahr wurde aber deutlich, dass dieses Lerngebiet mitunter ins rein Anekdotische abgleitet. Wenn das allerdings so lehrreich und unterhaltsam geschieht wie in Jeremy Howards Darstellung der Kampagne von 1909, Holbeins Porträt der Christina von Dänemark vor dem Verkauf an Henry Clay Frick - und für die britische Nation - zu bewahren, lässt sich dagegen nichts einwenden.

          Dass die Geschichte des Kunsthandels auch praktische Anwendung findet, nämlich als Weiterbildung für Hochschulabsolventen, belegt das Programm des Pariser Institute d’Études Supérieure d’Art, das sich als Alternative zum rigideren, an der Theorie orientierten System der französischen Universitäten anpreist. Das Institut behauptet von sich, die Weise, auf die Kunsthandel gelehrt werde, revolutioniert zu haben, indem es das Studium der Kunstgeschichte erstmals mit der gewerblichen Praxis kombiniere. Die Karrierechancen, die sich den Bewerbern eröffnen, reichen vom Museums-Management über die Kunstberatung bis hin zum „Cultural Industries Entrepreneur“. An der Kooperation mit dem Soane-Museum, der Universität Warwick und der Londoner White Cube Gallery zeigt sich jene Verflechtung von Museum, Forschung und Handel, von der dieses neue Lernfeld ebenso zehrt wie vom Glamour, den der Kunstmarkt in unserer jetzigen „vergoldeten“ Ära durch eine neue Generation von Sammlern und Händlern erfahren hat. Die Kombination von Luxus, Macht und Geld wird vom 15. Oktober an wieder auf den Londoner Frieze-Messen ihren theatralischen Auftritt haben.

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