13.01.2012 · Nach sechs Jahrzehnten hat die berühmte Kunsthandlung Beyeler in Basel geschlossen: Eine kleine Geschichte der Galerie und ihres Eigentümers.
Von Tilo Richter, BaselSchon an der Einrichtung des Arbeitszimmers von Ernst Beyeler, der im Februar 2010 im Alter von achtundachtzig Jahren gestorben ist, sah man, was für ein Mensch dort tätig war. In dem kleinen Raum gab es kein tonnenschweres Möbel, hinter dem sich der Hausherr verschanzte. Stattdessen einen unprätentiösen antiken Holztisch, eher eine Ablage als ein Schreibtisch. Beyelers Hauptarbeitsgerät war das Telefon, das ihn mit Kunsthändlern und Sammlern, Museumsleuten und Experten verband. Der Apparat stand auf einem Höckerchen, und der Galerist hatte seine Dokumente meist auf dem Schoß. Nichts Autoritäres war zu spüren, die Tür zum Büro immer geöffnet. Kleinformatige Skulpturen der Klassischen Moderne und von außereuropäischen Kulturen mischten sich mit Porträtfotografien seiner bevorzugten Künstler Picasso, Chagall, Giacometti, Léger und Tobey und schufen eine private Atmosphäre, in der es um Inhalte, nicht um Repräsentation ging.
Begonnen hatte Beyeler als Assistent der kleinen Basler Buchhandlung „Château d’Art“, die Oskar Schloss 1945 gründete. Beyeler übernahm das Geschäft, das von 1951 an seinen Namen trägt, und er stellt dort von 1947 an Kunst aus. Den ersten von mehr als 200 Ausstellungskatalogen produziert er 1953. Diese Kataloge waren eine Novität, weil nur wenige Galeristen auf die Kraft und den Effekt gut gemachter Drucksachen vertrauten.
Bis zu seinem Tod vermittelte Beyeler etwa 16.000 Gemälde, Grafiken und Skulpturen. Mehr noch als diese Zahl beeindruckt, auf welchem Niveau er Kunst verkaufen konnte: So sind etwa Van Goghs Porträt des Postmeisters Joseph Roulin von 1889 und die 1908 von Picasso gemalte „Buste de femme accoudée“ heute Glanzstücke des New Yorker Museum of Modern Art, Gauguins „La mère de l’artiste“, gemalt um 1892, ist ein Meisterwerk der Staatsgalerie Stuttgart, und Klees Gemälde „Dame und Mode“ von 1938 verkaufte Beyeler an die Kunstsammlung Nordrhein-Westfalen.
Gerade dieses Museum profitierte mehrfach vom exzellenten Kontakt seines Direktors Werner Schmalenbach zu Ernst Beyeler; man kannte sich aus gemeinsamen Basler Jahren. Ein echter Coup war ein 88 Arbeiten umfassendes Klee-Konvolut, das der Galerist von dem amerikanischen Stahlindustriellen David Thompson übernommen hatte und nach Düsseldorf verkaufte. Ähnlich legendär ist Beyelers Engagement für hundert Giacometti-Skulpturen aus der Thompson Collection, die - nach abenteuerlichen Finanztransaktionen - heute der Zürcher Alberto-Giacometti-Stiftung gehören.
Doch nicht nur große Institutionen kauften bei ihm ein. Unter den bei Beyeler kauffreudigen Privatsammlern befinden sich David Nahmad, Josef Steegmann oder Esther und Hans Grether; viele andere Käufer bleiben weiter diskret im Hintergrund. Trotz klangvoller Namen darf man jedoch nicht vergessen, dass Beyeler oft genug mit tiefroten Bilanzen leben musste. Wohlhabende Basler Freunde erwiesen sich aber auch dann als wohlwollend, wenn er als Kunstbegeisterter und nicht als Kaufmann Geschäfte gemacht hatte.
Seine Frau Hildy war bis zu ihrem Tod im Jahr 2009 die zweite gute Seele der Galerie. Das Team um die beiden blieb stets überschaubar, beinahe familiär, mehr als vier, fünf Angestellte gab es nie. Claudia Neugebauer war seit 1972 die rechte Hand des Galeristen: Im vergangenen Sommer oblag ihr die Aufgabe, die testamentarisch verfügte Schließung der Galerie zu bewerkstelligen.
Ein Schlüsselwerk der Sammlung von Hildy und Ernst Beyeler ist die „Improvisation 10“ von Wassily Kandinsky, die 1910 den Beginn der Abstraktion in der Moderne markierte. Beyeler berichtete, es habe ihm den Atem geraubt, als er das Werk Anfang der fünfziger Jahre bei Ferdinand Möller in Köln sah - und erwarb. Später veräußerte er das Bild, konnte den Verlust aber nicht verschmerzen und kaufte es 1955 zurück. Um das Gemälde entspann sich ein langer Rechtsstreit mit den Nachkommen der ehemaligen Eigentümerin Sophie Küppers, der durch außergerichtlichen Vergleich und eine beträchtliche Zahlung an die Erben beigelegt wurde. Das Großformat blieb damit einer der Leuchttürme der Fondation Beyeler.
Richteten sich Beyelers Aktivitäten in der Galerie schon allein durch die Klasse seiner Werke an eine finanziell potente Klientel, so war die Gründung der Fondation sein Angebot für eine breite kunstinteressierte Öffentlichkeit: Die Meisterwerke der privaten Sammlung von Hildy und Ernst Beyeler können seit 1997 betrachtet werden - für sich oder im Dialog mit bedeutenden Leihgaben. Jährlich finden 400.000 Besucher den Weg nach Riehen bei Basel und erleben in dem von Renzo Piano entworfenen Bau - einem der schönsten Privatmuseen der Welt - die Sammlung und deren kunsthistorischen Kontext. Und auch in der Messe Art Basel lebt Beyelers Erbe fort: Der Kunstdoyen hatte sie 1970 zusammen mit Trudl Bruckner und Balz Hilt gegründet. Seit Jahren ist sie weltweit die Nummer eins unter den Messen für moderne Kunst.
Als einzigartige Quelle zu den Hintergründen des internationalen Kunsthandels nach 1945 darf man das Archiv der Galerie Beyeler betrachten. Einmal davon abgesehen, dass Beyelers gut gehütete Kundenkartei ein illustres „Who’s Who?“ von Kunst- und Geldmenschen sein muss, finden sich dort genau jene Spuren der Werke, die für den seriösen Händler die eigentliche Arbeitsgrundlage sind: Von wo kamen sie in die Galerie? Wer hat sie für Ausstellungen ausgeliehen? Wer hat sie am Ende gekauft, zu welchem Preis? Die Archivschränke bewahren diese spannenden Fakten, hinter denen ein Berg von Anekdoten lauert.
Im vergangenen Sommer pilgerten noch einmal Hunderte Kunstinteressierte in die Baseler Bäumleingasse 9, um einige jener 39 Werke zu besichtigen, die - als Nachlass der Galerie - dann bei Christie’s in London zur Auktion kamen. Ihr Erlös belief sich auf stolze 49 Millionen Pfund, die der Fondation Beyeler, inzwischen unter der Leitung von Sam Keller, zugute kommen. Das kapitalste Stück dieses extraordinären Lagerverkaufs war Picassos Ölbild „Buste de Françoise“ von 1946, das der New Yorker Händler William Acquavella auf 9,5 Millionen Pfund hob; die Schätzung hatte bei sieben bis zehn Millionen gelegen. Der schmale Schreibtisch, der Zeuge unendlich vieler Gespräche und Verhandlungen über Kunst war, fand in derselben Auktion übrigens auch einen neuen Besitzer - für eine Viertelmillion Pfund.
Was für ein Mann!
Nils v.d. Heyde (nvdh)
- 14.01.2012, 17:52 Uhr