10.08.2011 · Die Künstlerin Andrea Esswein schreibt über Kollegen
Andrea Esswein, so hat das Künstler-Online-Ranking von "artfacts.net" im Jahr 2011 ermittelt, ist die Nummer 18 990 auf der Weltrangliste erfolgreicher Künstler, die von Andy Warhol angeführt wird. Die Wiesbadener Künstlerin, die sich in den vergangenen Jahren vor allem mit ihren ungewöhnlichen "Kopigrafien" einen Namen gemacht hat, hat also noch einiges zu tun - will sie in der Hitliste des Erfolgs nach oben klettern.
Doch was ist eigentlich "Erfolg" auf dem unübersichtlichen Terrain der Künste? Dieser Frage spürt Esswein in ihrem neuen Buch "Zwischen Existenz und Exzellenz" nach. Ist es schon ein Erfolg, in Ausstellungen vertreten zu sein? Eine Galerievertretung zu haben? Ist der Austausch mit anderen Künstlern und dem Publikum der eigentliche Erfolg? Oder ist es schließlich doch der Verkauf der Arbeiten, um den es in erster Linie geht?
Esswein hat zehn Künstlerinnen und Künstler in ihren Ateliers besucht, sie dort fotografiert und mit ihnen Interviews über Themen wie Glück, Enttäuschung und Selbstwert geführt. Dirk Brömmel, ebenfalls Wiesbadener, ist einer von ihnen. Er hat als Fotokünstler Erfolg, auch finanziell, doch macht er in dem Gespräch deutlich, dass er Anerkennung vor allem in Gesprächen erfährt: Das tue zwar nicht dem Konto gut, aber der Seele, sagt er.
Die an der Kunstakademie in Mainz ausgebildete Malerin und Fotokünstlerin Sabine Dehnel - auch sie als Künstlerin arriviert - erzählt dagegen von Enttäuschungen, die sie mit Galeristen erfahren hat, und von den Versuchen, sie als Künstlerin zu instrumentalisieren. Sie resümiert: "Heute ist mir klar, dass der Weg eines Künstlers ein existenzielles Abenteuer bedeutet, das viel Kraft erfordert, aber dafür die Freiheit, das eigene Leben zu gestalten, mit sich bringt."
Für den Frankfurter Fotokünstler Götz Diergarten ist "langfristige Anerkennung" wichtig, "vor allem in Form von Publikationen". Auch bei ihm blieben Enttäuschungen nicht aus: "Erneut bin ich in einer wichtigen Gruppenausstellung über die Becher-Schule nicht vertreten", klagt er. "Das bedaure ich umso mehr, als sie diesmal in Bezug steht zu einem meiner größten Vorbilder, Stephen Shore ... Selbstzweifel gehen hier bei mir einher mit dem Gefühl mangelnder Anerkennung."
Die Darmstädter Fotokünstlerin Annegret Soltau blickt auf mehrere Jahrzehnte künstlerischer Arbeit zurück. Heute gelten ihre "Fotovernähungen" als Klassiker der Fotokunst, doch ihre Arbeit, so Soltau, berührt das nicht: "Ich würde auch ohne Anerkennung arbeiten. So ist es ja auch jahrelang gewesen ... Je älter ich werde, desto weniger bin ich abhängig von Bestätigung. Ich weiß immer mehr, wer ich bin und was ich kann."
Die meisten der in dem Buch versammelten Kunstschaffenden sehen die Frage nach der Wertschätzung ihrer Arbeit nur wenig monetär. "Die Aufmerksamkeit anderer Menschen ist die unwiderstehlichste aller Drogen", schreibt Georg Franck in seiner "Ökonomie der Aufmerksamkeit". Doch die Kunsthistorikerin Elke Sieber stellt in ihrem Vorwort zu Recht fest, dass es auch darum gehen muss, Kreativität fair zu honorieren. In diesem Zusammenhang scheint eine andere Frage wichtig, die Andrea Esswein in ihrer Einführung selbst stellt: "Wenn man die Prinzipien der Anerkennungsverteilung anerkennt, muss man dann zwangsläufig nach ihren Regeln spielen?"
Essweins fein gestaltetes Buch - das durch das hessische Ministerium für Wissenschaft und Kunst gefördert wurde - ist selbst eine besondere Anerkennung und auch neu in seiner Art. Ihre nur wenig inszenierten Fotografien zeigen die Künstler selbst, aber auch Interieurs der Ateliers. Die Interviews mit Dirk Brömmel, Stefan Budian, Werner Degreif, Sabine Dehnel, Götz Diergarten, Madeleine Dietz, Ruth Hutter, Annegret Soltau und dem Künstlerduo Klaudia Stoll & Jaqueline Wachall berühren grundlegende Fragen der Kunstproduktion und des Kunstmarkts - und machen Lust, mehr über die Arbeit der vorgestellten Künstler zu erfahren. Auf der Seite www.existenzundexzellenz.de sollen in Zukunft weitere Künstlerporträts und Gespräche vorgestellt werden.
MARC PESCHKE
Andrea Esswein, "Zwischen Existenz und Exzellenz - 10 Künstlerinnen und Künstler über Anerkennung, Glück, Enttäuschung und Selbstwert", gebunden, 80 Seiten, Verlag Die Neue Sachlichkeit, Lindlar 2011, 22 Euro.