28.07.2011 · Die Leonardo-Ausstellung in der National Gallery wird Lucian Freud nicht mehr sehen. Dem Maler, der am Mittwoch vergangener Woche im Alter von achtundachtzig Jahren gestorben ist, war von der Direktion das Privileg verliehen worden, das Museum abseits der regulären Öffnungszeiten zu besuchen. Allerdings hielt Freud Leonardo für überschätzt.
Die Leonardo-Ausstellung in der National Gallery wird Lucian Freud nicht mehr sehen. Dem Maler, der am Mittwoch vergangener Woche im Alter von achtundachtzig Jahren gestorben ist, war von der Direktion das Privileg verliehen worden, das Museum abseits der regulären Öffnungszeiten zu besuchen. Allerdings hielt Freud Leonardo für überschätzt. "Jemand sollte einmal ein Buch darüber schreiben", sagte er zu Martin Gayford, "was für ein schlechter Maler Leonardo war." Dieses Buch hat der Kunstkritiker Gayford, Autor populärer biographischer Studien über Constable und über die Freundschaft von Gauguin und van Gogh, (noch) nicht geschrieben. Aus Gayfords 2010 erschienenem "Man with a Blue Scarf" erfahren wir, was für ein Maler Lucian Freud war.
Vom 28. November 2003 bis zum 4. Juli 2004 saß der Kritiker dem Maler Modell für das Porträt, das dem Buch den Titel gibt. Gayford führte Tagebuch, um Freuds Arbeitsweise zu dokumentieren - und die Erfahrung, der Gegenstand dieser Arbeit zu sein. Das Bild, ein 51 Zentimeter breites und 66 Zentimeter hohes Schulterstück, wurde vergleichsweise schnell fertig, in vierzig Sitzungen über sieben Monate.
Zur gleichen Zeit entstand "The Brigadier", ein Bild, das nicht nur mit seiner Höhe von 2,23 Metern an die imperialistische Tradition der großen Offiziersporträts anschließt. Modell saß Andrew Parker-Bowles, der erste Mann der Herzogin von Cornwall, in einer Uniform der Kavallerie des königlichen Haushalts. Das schwarze Beinkleid mit dem breiten roten Streifen muss man die Spendierhosen des Generals nennen: Parker-Bowles, ein Aristokrat von der Glatze bis zum Lackschuh, war unendlich freigiebig mit seiner Zeit. Zwei Jahre dauerte die Arbeit, und als das Bild fertig war, sagte Parker-Bowles zu seinem Kameraden Gayford: "Nie wieder! So ein schönes Schulterstück ist viel besser." Als Parker-Bowles schon anderthalb Jahre lang mehrmals in der Woche ins Atelier gekommen war, glaubte der Maler, seit dem ersten Pinselstrich seien erst sechs Monate vergangen.
Gayford ließ sich keinen Defätismus einreden. Modell kennt keinen Schmerz! Nach einer Pause von einem Monat saß er Freud für eine Radierung. Diesmal führte er aber nicht Tagebuch. Gayford wollte wohl den Eindruck vermeiden, es mit dem Künstler in der schieren physischen Hingabe an die Arbeit aufnehmen zu wollen. Als Kritiker war er es seiner Berufsehre schuldig, in seinen Bericht reflexive Erwägungen darüber einzuschalten, dass auch sein Buch ein Porträt geworden sei, für das die Gesetze der Gattung Geltung hätten, und so weiter. Diese Passagen sind aber nicht aufdringlich geraten.
Eines Abends erscheint Parker-Bowles in Begleitung eines geheimnisvollen Besuchers, den Gayford nicht zu Gesicht bekommt. Freud lässt die Gäste zunächst nicht vor, sondern widmet sich für einige Minuten weiter dem Mann im blauen Schal. "Ich lege Wert darauf, dass ich arbeite." Im Reich dieses Malers gibt es eine Etikette. Gayford fragt sich, wer sich überhaupt herausnehmen darf, eine Porträtsitzung zu unterbrechen. Ein Mitglied der Königsfamilie? Freud hatte sein Porträt der Königin, keine Auftragsarbeit, sondern ein Geschenk, 2001 vollendet. Er suchte sich seine Modelle aus und nahm so gut wie nie Aufträge an. Gayford fragte ihn, ob es ihn interessieren könnte, sein Porträt zu malen, und konnte ihrem langen freundschaftlichen Umgang zum Trotz nicht sicher sein, wie die Antwort ausfallen würde.
Eine herrliche Geschichte erzählte Freud Gayford über ein Oxforder College, das bei ihm das offizielle Porträt seines Rektors bestellen wollte. Unter einem Vorwand wurde er zu einem festlichen Abendessen im College eingeladen, damit er den Rektor beobachten konnte. Ihm gefiel die ingwergraue Hautfarbe des früheren Direktors einer berühmten Privatschule, also sagte er provisorisch zu. Schon bei der ersten Sitzung behandelte der Rektor den Maler aber wie einen Prüfling: "Ihre Gemälde enthalten alle möglichen Punkte, Kleckse und Farbhügel. Wie sollen wir das verstehen?"
Freud gab den Auftrag zurück: Er könne nicht im selben Raum wie dieser Mann arbeiten. Einige Wochen später klingelte es bei Freud, und vor der Tür stand der Rektor in Abendgarderobe. "Reden Sie nicht drumherum, Freud! Sagen Sie mir: Was stimmt nicht mit mir?" Freud antwortete, die Idiosynkrasie sei auf seiner, des Künstlers, Seite. "Von da an wartete ich jeden Tag auf die Nachricht von seinem Tod in der Zeitung, denn er hatte recht sterblich ausgesehen. Und tatsächlich, ungefähr vier Jahre später stand da der Nachruf."
Was wäre passiert, wenn Freud "The Master" doch gemalt hätte? Wie viele Bewunderer sieht Gayford den Genius Freuds in der Darstellung der Sterblichkeit, der Hinfälligkeit des Fleisches. Die endlose Dauer der Porträtsitzungen hat damit mindestens insofern zu tun, als sie die Modelle in einen Zustand der heillosen Erschöpfung versetzte. Eine unheimliche Verbindung zwischen dem Gemaltwerden und dem Sterbenmüssen, die Umkehrung des Schicksals des Rektors, beschwört Gayford in den Fällen einiger von Freud gemalter Selbstmörder. Im Zuge eines Gesprächs über den Dichter Stephen Spender ließ Freud den Satz fallen, seine Vorstellung vom Leben sei immer gewesen, dass man sich vor ihm fürchten solle. Francis Bacons Werk erklärte er umgekehrt aus der Angst.
1954 schrieb Freud in der Zeitschrift "Encounter" über seine Methode: "Das Modell muss aus allernächster Nähe beobachtet werden. Wenn man das tut, Tag und Nacht, wird das Modell - er, sie oder es - schließlich jenes alles offenbaren, ohne das Auswahl nicht möglich ist." Das könnte auch in einem Verhörhandbuch für Geheimpolizisten stehen. Während der Sitzungen mit Gayford erzählte ihm Freud, er sitze an einer Überarbeitung des alten Aufsatzes. Worin die Revision bestehen sollte, verriet er nicht. An die Stunden im Atelier schlossen sich Restaurantbesuche an. Während Gayford sich vor der Leinwand nicht rühren durfte, auch im Sommer in seiner Winterkleidung erschien und jedes Mal das rechte Bein über das linke schlagen musste, weil die Sitzhaltung auch die Spannung des Oberkörpers bestimmte, beobachtete Freud sein Gegenüber bei Tisch sozusagen in freier Wildbahn.
Gelegentlich ging man auch ins Museum. In der El-Greco-Ausstellung der National Gallery schimpfte Freud darüber, dass viele Bilder zu stark restauriert worden seien. Er könne bei einigen sogar die Farbtube der Firma Winsor and Newton benennen. Restauratoren müssten lernen, "alte Sachen alt aussehen zu lassen". Außerdem habe es El Greco als Großunternehmer der Malerei an Selbstkritik fehlen lassen. Vor der Kreuzigung aus dem Louvre rief Freud aus: "Sehen Sie sich das Bein an!" Ein legitimer Malerfürst dagegen ist Tizian. Freuds Kommentar zu "Diana und Aktäon" aus der Sammlung der Herzöge von Sutherland: "Woher kannte Tizian diese besonders wundervolle Nymphe, die auf dem Rand des Brunnens sitzt? Wir erkennen sie sofort an ihren unglaublichen Zehen." Ein Schelm, wer Böses dabei denkt!
An Leonardo und Raffael missfiel Freud, dass sich bei ihnen alles "reime", in schwereloser Harmonie auflöse. In dem "Weltenretter", der im Herbst in London ausgestellt wird, hätte Freud demnach womöglich einen echten, nämlich echt faden Leonardo gesehen. Bei den wahren Meistern gebe es immer etwas, das sich nicht füge, ein Moment des Witzes - Beispiele sind Goya, Courbet und Ingres. In "Diana und Aktäon" und dem Pendant, "Diana und Kallisto", Bildern, die Freud während eines Schottlandurlaubs so häufig und genau studierte, dass die Wärter in Edinburgh schon misstrauisch wurden, glaubte er eine Beimischung von Gift herausgeschmeckt zu haben. "Ein Sinn für die Sterblichkeit könnte das Gift in einem Gemälde sein, wie bei diesen beiden." Freud postulierte, die in beiden Bildern flatternden Vorhangfetzen habe Tizian offensichtlich erst in letzter Minute hinzugefügt, "aus purer joie de vivre". Mit den virtuosen Eingebungen demonstrierte der Maler, dass er der Sterblichkeit zu trotzen gedachte, übermütig und vergeblich.
Im Arbeitsstil wie in der Lebensführung hatte sich Freud, wie Gayford ihn schildert, einem aristokratischen Ethos des Wagemuts verschrieben. Man wird an die "Cavaliers" erinnert, die Royalisten des siebzehnten Jahrhunderts, deren antibürgerliche Lebensform der Journalist Walter Bagehot auf die Formel brachte: "Ein Kavalier ist immer jung." Den Augenblick, ein Bild für fertig zu erklären und dem Händler zum Verkauf zu übergeben, zögerte Freud hinaus, um der letzten Kühnheit Zeit zu schaffen. Er versorgte Gayford mit Anekdoten über die Bankräuber und Mörder unter seinen Nachbarn in Paddington und erzählte, dass er schon in seiner Berliner Kindheit beim Eislaufen wie später beim Schwimmen in Biarritz die Lebensgefahr gesucht habe. Ein Gedicht, das seine Mutter ihm beigebracht hatte, konnte er immer noch auswendig: Schillers Ballade vom Taucher.
Tänzelnd, hin und her springend, immerfort attackierend, "während er die Pinsel, die er gerade nicht braucht, zwischen dem kleinen Finger und dem Ringfinger hält, so dass sie hinter der Palette hervorstechen wie Pfeile in einem Köcher" - so bezwingt und erschafft der Maler den Mann im blauen Schal, ein Aktäon, der Diana die Waffe entwendet hat.
PATRICK BAHNERS
Martin Gayford: "Man with a Blue Scarf". On Sitting for a Portrait by Lucian Freud.
Thames & Hudson, London 2010. 249 S., geb., Abb., 22,99 [Euro].