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Stunde Null: Ernst Haas sieht Wien in Trümmern

Mode hatte Ernst Haas fotografieren sollen, so erzählt es die Legende; aber statt der Mannequins, mit denen er verabredet war, um sie vor der Kulisse der zerstörten Wiener Innenstadt zu inszenieren, kamen andere Frauen. Wohl zu Tausenden strömten sie zum Bahnhof, wo der erste Zug mit österreichischen Heimkehrern aus der russischen Kriegsgefangenschaft erwartet wurde.

Mode hatte Ernst Haas fotografieren sollen, so erzählt es die Legende; aber statt der Mannequins, mit denen er verabredet war, um sie vor der Kulisse der zerstörten Wiener Innenstadt zu inszenieren, kamen andere Frauen. Wohl zu Tausenden strömten sie zum Bahnhof, wo der erste Zug mit österreichischen Heimkehrern aus der russischen Kriegsgefangenschaft erwartet wurde. Es waren Frauen, die ihre Männer und Verlobte suchten. Mütter, die ihre Söhne zu finden hofften. Schwestern, die nach ihren Brüdern ausschauten. Niemand wußte, wer kommen würde. Haas nahm die Kamera und begann zu fotografieren - "wie in einem Rausch", sagte er später.

Er machte Porträts, fotografierte die Massen, erkannte Details. Umarmungen. Küsse. Tränen. Herzzerreißende Wiedersehensszenen, aber auch Enttäuschungen. Und auf einem Bild, seinem berühmtesten bis heute, eine Mutter, die mit fragendem Blick einem der Heimkehrer das Porträt ihres vermißten Sohns entgegenstreckt, der Bub schon in Uniform, aufgenommen in einem Atelier, ehe er an die Front gerückt ist: ein Erinnerungsfoto, das der Krieg zum Suchbild gemacht hat. Der Mann aber, den sie mit den großen Augen hinter ihren Brillengläsern erwartungsvoll anstarrt, beachtet sie nicht. Achtlos geht er an ihr vorüber - und strahlt. In der Menge hat er seine eigene Familie entdeckt.

Haas ging fortan zu jeder Ankunft eines solchen Zugs, bis sich seine Schnappschüsse zu einer eindrucksvollen Reportage verdichteten. Als sie 1949 auf acht Seiten der Zeitschrift "Heute" erschien, war ein Stück Fotografiegeschichte entstanden.

Augenblicklich katapultierte die Bildserie Haas in die erste Riege der Fotoreporter. Das Magazin "Life" in Amerika übernahm sie und bot dem noch nicht einmal dreißig Jahre alten Haas eine feste Stellung. Er lehnte ab. Fast mit gleicher Post machte ihm die gerade von Capa und Cartier-Bresson gegründete Fotoagentur "Magnum" das Angebot, beizutreten. Dies nahm er an und wurde eines ihrer berühmtesten Mitglieder. Mit seiner einzigartigen Farbästhetik, etwa Unschärfen und Verwischungen, revolutionierte Haas bis zu seinem überraschenden Tod 1986 ein ums andere Mal das Genre der Reportage.

Wie umfangreich seine Dokumentation der Nachkriegszeit in Wien war, geriet darüber in Vergessenheit. Erst 1975 wurde eine Auswahl für den Band "Ende und Anfang" zusammengestellt. Doch scheint Haas, der seine Arbeiten stets zu großen Zyklen arrangierte - von "Die Schöpfung" bis "In Amerika" -, früh das Konzept für ein viel umfangreicheres Buch der "Stunde Null" im Kopf gehabt zu haben. Denn schon zu Beginn der fünfziger Jahre, so liest man nun, habe er dafür ein Konvolut von weit mehr als hundert Aufnahmen zusammengestellt. Der Bildband "Eine Welt in Trümmern" versucht, diesen Plan zu vollenden. Die berühmten Bilder der Kriegsheimkehrer fügen sich dabei nicht etwa ein. Sie werden zum Schlußpunkt - als könne nun die Normalität beginnen. Daß sich in vielen Fällen die Probleme nur verlagerten, blendet das Buch aus.

Eröffnet wird es mit jenen abstrakt wirkenden Abbildungen zerstörter Hausfassaden, mit denen Haas seine fotografische Laufbahn begonnen hatte: ornamentale Spielereien mit Licht und Schatten, die der grausamen Realität von 52 Luftangriffen im April 1945 visuelle Reize abgewannen. "Vielleicht", sagt er später, "wollte ich mich vor der allzu rauhen Wirklichkeit schützen." Erst der fotografische Ansatz seines Schweizer Kollegen Werner Bischof habe ihm einen Weg gezeigt, gleichermaßen ein ästhetisches Konzept und ein humanitäres Anliegen zu erfüllen. Nun nahm er Bilder von Kriegsversehrten auf, von Männern, die sich nach Zigarettenstummeln bücken, von Flüchtlingen, die in Kellergewölben Zuflucht gefunden hatten (unsere Abbildung), von einer alten Frau zwischen Trümmern und einem Reiterdenkmal, das unbeschadet über den Ruinen thront. Eine Bildgeschichte galt der Caritas-Suppenküche, wo die Menschen mit Näpfen, Bechern und Töpfen nach einem Essen anstehen - Bilder von Verzweifelten, die sich mitunter verschämt vom Fotografen abwenden.

Dennoch finden sich Spuren von Optimismus. Auf der Straße kommt es zu politischen Veranstaltungen. Für die Kinder gibt es im Freien Aufführungen des Kasperltheaters. Und auf einem Foto liegt eine Mutter im Badeanzug mit ihren drei nackten Kindern im Gras und sonnt sich; die Fassaden ausgebombter Häuser im Hintergrund, mit Fensterlöchern wie blinde Augen, blendet sie offensichtlich aus.

FREDDY LANGER

Ernst Haas: "Eine Welt in Trümmern". Mit Texten von Albert Lichtblau und Margit Zuckriegel. Verlag Publication PN01, Bibliothek der Provinz, Weitra 2005. 144 S., Abb., geb., 34,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 16.03.2005, Nr. 63 / Seite L9

 
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Veröffentlicht: 16.03.2005, 12:00 Uhr