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: Statik für den unbehausten Menschen

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In seiner Biographie des Florentiner Renaissancekünstlers und Kunsttheoretikers Leon Battista Alberti hat Anthony Grafton an dessen berühmtem Architekturtraktat "De re aedificatoria" als besonderes Verdienst hervorgehoben, "eine Sprache zu schaffen, mit der sich die gebaute Welt diskutieren ließ, ...

          In seiner Biographie des Florentiner Renaissancekünstlers und Kunsttheoretikers Leon Battista Alberti hat Anthony Grafton an dessen berühmtem Architekturtraktat "De re aedificatoria" als besonderes Verdienst hervorgehoben, "eine Sprache zu schaffen, mit der sich die gebaute Welt diskutieren ließ, und diese Sprache auf gehaltvolle Theorie und eigene Anschauung zu gründen".

          Albertis Hauptanliegen bei seinem Unternehmen, die Architektur sprechen zu lassen, war, es besser zu machen als sein größtes und in der Mitte des fünfzehnten Jahrhunderts einziges Vorbild auf dem Sektor der Traktatliteratur über Baukunst: Vitruvs "De Architectura libri decem" mit ihrer an vielen Stellen dunklen und häufig mit unverständlichen gräzisierenden Termini durchsetzten Sprechweise. Alberti kritisierte diese sprachlichen Unbeholfenheiten zu Beginn seines sechsten Buches: "Dazu kommt noch, daß er so ungebildet schrieb, daß ihn die Lateiner für einen Griechen, die Griechen hingegen für einen Lateiner hielten. Die Sache selbst zeigt bei näherer Betrachtung, daß es weder Latein noch Griechisch ist, so daß es gleich wäre, er hätte es überhaupt nicht geschrieben, als daß er es so schrieb, daß wir's nicht verstehen können." Dieser Konfusion setzte Alberti eine Latinität entgegen, die für ihn der adäquate Ausdruck römischer Rationalität war und in idealer Weise geeignet, die antike römische Architektur gegenüber der griechischen aufzuwerten.

          Es ist kaum zu glauben, daß dieser erste nachantike Architekturtraktat des europäischen Westens in Frankreich seit 1553 nicht mehr in der Landessprache greifbar war. Die bislang erste und letzte französische Übersetzung von Albertis Text hatte im Klima humanistischen Kulturtransfers Mitte des sechzehnten Jahrhunderts Jean Martin unter dem Titel "L'Architecture et art de bien bastir" bei Jacques Kerver in Paris veröffentlicht (zu konsultieren unter: http://www.cesr.univ-tours.fr/architectura/Traite/Images/CESR_4781Index.asp). Diese Alberti-Übersetzung war kein Bestseller, da es bis heute bei dieser einen Auflage geblieben ist - was auch ihre sehr zögerliche Rezeption im Frankreich der letzten Jahrhunderte erklärt. Erst zum sechshundertsten Geburtstag des Intellektuellen-Künstlers, den Jacob Burckhardt zum "uomo universale" der Renaissance par excellence stilisiert hatte, haben Françoise Choay und Pierre Caye die längst überfällige Aufgabe in Angriff genommen, eine moderne Übersetzung des Traktats vorzulegen. Ihre Textgrundlage war die verbindliche lateinisch-italienische Ausgabe von Giovanni Orlandi von 1966, in der die postum erschienene "Editio princeps" von 1485 mit vier weiteren Handschriften abgeglichen worden war.

          Albertis "nuova lingua" ist um höchstmögliche Klarheit bemüht, auch um größtmögliche Differenz zu Vitruv, was zu einer Fülle von Neubildungen architektonischer und ästhetischer Termini führt. Daß eine sprachliche Übertragung immer eine Interpretation ist, ist eine banale Einsicht, und das von den Übersetzern vertretene Alberti-Bild schlägt sich selbstverständlich in der verwendeten Terminologie nieder. Dennoch haben Choay und Caye die einfachere Lösung weit von sich gewiesen, die Albertischen Begriffe in ihrer lateinischen Originalform im französischen Text beizubehalten. Das führt zum Teil zu stark interpretatorisch aufgeladenen Übersetzungen, so, wenn das "ornamentum" zum "embellissement" wird. Albertis "lineamenta" heißen hier nicht wie im Italienischen "disegni", sondern "conception". Abgesehen von solchen anfechtbaren Details, ist das Ergebnis ihrer Bemühungen eine lesbare und interessante Version des Albertischen Traktats, die sicherlich auch für das deutschsprachige Publikum zum unverzichtbaren Referenztext werden wird.

          Als ein signifikantes Beispiel für die Übersetzung bietet sich Albertis berühmte Definition der Schönheit im sechsten Buch an: "Cependant, pour être bref, nous en donnerons les définitions suivantes: la beauté est l'harmonie, réglée par une proportion déterminée, qui règne entre l'ensemble des parties du tout auquel elles appartiennent, à telle enseigne que rien ne puisse être ajouté, retranché ou changé sans le rendre moins digne d'approbation." Max Theuers Übertragung von 1912, die als einzig greifbare deutsche immer noch maßgeblich ist, hatte umständlich geschrieben: "Doch der Kürze halber möchte ich die Definition geben, daß die Schönheit eine bestimmte gesetzmäßige Übereinkunft aller Teile, was immer für einer Sache, sei, die darin besteht, daß man weder etwas hinzufügen noch hinwegnehmen oder verändern könnte, ohne sie weniger gefällig zu machen." Bei Alberti selbst klang es wesentlich lakonischer und apodiktischer, als er den rhetorischen Terminus der "concinnitas" benutzte, um das Schöne zu definieren: "Nos tamen brevitatis gratia sic diffiniemus: ut sit pulchritudo quidem certa cum ratione concinnitas universarum partium in eo, cuius sint, ita ut addi aut diminui aut immutari possit nihil, quin improbabilius reddatur."

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