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: So kam er über die Deutschen

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Als Rudolf Borchardt 1909 seine große Besprechung von Stefan Georges "Siebentem Ring" veröffentlichte, unterschied er die epochale Bedeutung Georges für die deutsche Literatur von der Verehrung einer Gemeinde, über deren Riten schon damals schäbige Gerüchte die Runde machten: "als ob dieser Anhang es wäre, was seine Wirkung auf die Zeit verewigt".

          Als Rudolf Borchardt 1909 seine große Besprechung von Stefan Georges "Siebentem Ring" veröffentlichte, unterschied er die epochale Bedeutung Georges für die deutsche Literatur von der Verehrung einer Gemeinde, über deren Riten schon damals schäbige Gerüchte die Runde machten: "als ob dieser Anhang es wäre, was seine Wirkung auf die Zeit verewigt". Hundert Jahre später nimmt die Wirkung Georges auf die Zeit wieder zu, aber das Interesse richtet sich weniger auf das Werk als auf den Anhang, den "Kreis". Diesen Eindruck hat jedenfalls Ernst Osterkamp, der sich als Germanist herausgefordert sieht, Georges Wirkungen auf ihre Ursache zurückzuführen, Georges Dichtung.

          Wie Borchardt legt Osterkamp eine exemplarische Interpretation eines Buches vor. Georges letzte Gedichtsammlung "Das neue Reich" erschien 1928, im Jahr des sechzigsten Geburtstags. Osterkamps Buch bietet vier Studien zu einzelnen Gedichten, ergänzt um eine bezwingende, aus dem Gesamtwerk schöpfende Beschreibung einer Welt ohne Frauen. Am Anfang stand ein Vortrag über eines der Dialoggedichte, den "Gehenkten". In diesem makabren Lehrstück offenbart der Verbrecher, dass er als Volksheld auferstehen wird, in der Dichtung. Osterkamp fasste den Plan, Georges Auffassung von der geschichtlichen Sendung des Dichters durch eine "mikrophilologische Lektüre" jedes Gedichts des Bandes zu dokumentieren. Schon nach dem dritten Versuch brach er das Projekt ab. Osterkamp ist der Ansicht, dass in den ersten drei Stücken, den Rollengedichten "Goethes lezte Nacht in Italien" und "Hyperion" sowie dem Triptychon von Knabenbeschwörungen "An die Kinder des Meeres", ja schon in der ersten Strophe des Goethe-Monologs die ganze Poetologie des "Neuen Reiches" enthalten ist.

          Die Disposition der Untersuchung ist kühn. Das im "Neuen Reich" vereinigte Material ist disparat, in einem Zeitraum von zwanzig Jahren entstanden, und nach Gattungen sortiert. Nur nebenbei kommt Osterkamp auf die berühmten Gedichte mit zeitgeschichtlicher Thematik wie "Der Krieg" und "Geheimes Deutschland" zu sprechen: Wie diese für den Streit um George so bedeutsamen Texte zu verstehen sind, das muss sich bei Osterkamp, obwohl seine Meinung über den politischen Dichter denkbar deutlich ist, indirekt ergeben. Die beiden Eröffnungsgedichte, in denen George durch die Masken Goethes und Hölderlins spricht, tragen die Hauptlast der Argumentation.

          Überzeugend ist Osterkamp, wenn er zeigt, wie George den schöpferischen Anspruch ins Maßlose steigert durch Fixierung auf einen Punkt, den Stern, der seinem Goethe in der Nacht des Abschieds von Italien aufgeht. Den Kult des Kindgotts Maximin mit der widernatürlichen Dogmatik der Einheit von Zeugung und Empfängnis kann Osterkamp entschlüsseln als Feier der Konzentration der poetischen Kraft, der Selbstüberbietung der autonomen Poesie. Das Reich des neuen Gottes existiert nur im Augenblick der Überwältigung durch die Schönheit, bildet einen Punkt außerhalb der Zeit. Es wird nicht, es ist schon, im Gedicht.

          Die Spannung zwischen der Idee einer geistigen Gemeinschaft und der Vorstellung einer Verleiblichung der Gottheit soll George nun einseitig aufgelöst haben durch Vergötzung des Volkskörpers. Es ist aber Osterkamps Deutung, die hier einseitig und falsch wird. In der Geistesgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts ist "völkisch" ein technischer Begriff. Er steht für eine rassistische Weltanschauung, die sich in Deutschland als Bewegung organisierte. Auch wenn das Wort in den Quellen in einem weiteren Sinne begegnet, kann der Wissenschaftler es nicht mehr als Synonym für "ethnisch" oder "national" verwenden. Osterkamp entdeckt völkisches Denken schon dort, wo Goethe-George und Hölderlin-George ihre Landsleute in der zweiten Person Plural ansprechen.

          Die beiden Gedichte rekapitulieren die nationalpädagogische Programmatik der Klassik, die den Deutschen die Antike als geistige Heimat vor Augen stellte. Osterkamp behauptet, George vergegenwärtige diese Bildungswelt nur, um sie als vergangen zu markieren. Der Dichter definiere die Norm des ganzen Menschen nicht mehr menschheitlich-universal, sondern exklusiv-national, errichte "eine unüberwindliche Zeitenschwelle zwischen dem klassischen Bildungshumanismus" und dem "Erlösungsweg im Zeichen eines nationalen Erlösungsphantasmas". Das Fundament dieser gewagten Konstruktion ist ein erstaunliches Missverständnis des George zur Verfügung stehenden Toposmaterials.

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