http://www.faz.net/-gyz-145qw

: Seine Bilder waren für Bestechungen bestens geeignet

  • Aktualisiert am

Kaum ein Text der Kunstgeschichtsschreibung hat eine solche Wirkmacht entfaltet wie Giovanni Pietro Belloris Caravaggio-Vita aus dem Jahr 1672, und das vor allem im Negativen. Sie legte den Grundstein für ein Caravaggio-Bild, das sich bis ins 20. Jahrhundert fortgeerbt hat: ein gewaltbereiter Outcast, ...

          Kaum ein Text der Kunstgeschichtsschreibung hat eine solche Wirkmacht entfaltet wie Giovanni Pietro Belloris Caravaggio-Vita aus dem Jahr 1672, und das vor allem im Negativen. Sie legte den Grundstein für ein Caravaggio-Bild, das sich bis ins 20. Jahrhundert fortgeerbt hat: ein gewaltbereiter Outcast, der aus Künstlerneid auch gerne einmal den einen oder anderen Konkurrenten durch Mord beseitigte; ein dem niedersten Naturalismus verschriebener Kolorist, der weder etwas von korrekter Zeichnung noch vom Antikenstudium verstand; ein sklavischer Naturnachahmer, der ohne seine Modelle hilflos war und diese zumeist von der Straße weg oder aus dem Prostituiertenmilieu rekrutierte; ein hochfahrender Antiakademiker, der die höchsten Kunstvorbilder wie selbst den göttlichen Raffael verachtete; ein gequälter Geist, der nackte Körper in ordinärer, ja, krankhafter Weise malte und sich nächtelang auf der Suche nach Inspiration in verrufenen Spelunken herumtrieb. Diese üblen Nachreden des Antiquars und Klassizisten avant la lettre Bellori kulminierten in dem von Säftetheorien durchflossenen Fazit: "Caravaggios Art entsprach seinen Gesichtszügen und seiner Erscheinung: Er hatte einen blassen Teint, dunkle Augen, schwarze Augenbrauen und Haare, aber er war trotz allem natürlich sehr begabt für seine Kunst."

          Eines der Hauptanliegen von Sybille Ebert-Schifferers neuer Caravaggio-Monographie ist es, diese schwarze Legende um den Maler aus Mailand durch akribisches Quellenstudium und eine ideologiekritische Lektüre dieser Quellen ein für alle Mal zu zerstören. Sprachkritik, historisches Hintergrundwissen und kritische Bildanalysen sind geeignete Hilfsmittel, um beispielsweise das noch von Derek Jarmans filmischem Caravaggio-Epos beförderte Märchen verpuffen zu lassen, dass der Maler für den "Marientod" seine ertrunkene schwangere Geliebte zum Modell genommen habe. Ebert-Schifferer hält dem entgegen: "Bellori ist mithin der einzige, der suggeriert, Caravaggio habe eine Leiche als Modell benutzt - lange nach den Ereignissen und seiner These angepaßt, Caravaggio habe ohne ein Modell vor Augen nichts malen können. Daraus wurde für moderne Interpreten so lange das Klischee, hier sei die Leiche einer ertrunkenen Prostituierten porträtiert, bis darauf hingewiesen wurde, daß gonfia im römischen Dialekt ,schwanger' bedeutet. Das lenkte die Ursache für den Skandal auf eine im Kindbett gestorbene angebliche Geliebte des Malers. Das nüchterne Auge sieht jedoch nur eine - korrekterweise - nicht mehr ganz junge, nicht mehr gertenschlanke Frau."

          Caravaggios vorgeblich arroganter Verzicht auf Vorbilder lässt sich - um nur ein Beispiel unter vielen zu nennen - durch den Hinweis auf die subtile Rezeption antiker kunsttheoretischer Topoi im "Knaben mit Früchtekorb" entkräften. Dort ist der Junge bewusst etwas flacher und sfumatöser gemalt, um die Vögel des Zeuxis, die sich dem im feinmalerischen Strichduktus deutlich präsenteren Fruchtkorb nähern könnten, nicht zu erschrecken. Spätestens hier wird deutlich, dass sich Caravaggios Bildkompositionen durch höchste Konstruktivität und Artifizialität auszeichnen. Und auch mit seinen kriminellen Neigungen war es nicht allzu weit her: Ebert-Schifferer interpretiert Caravaggios in Prozessakten dokumentiertes öffentliches Auftreten mit Waffen und seine übertriebenen Ehrvorstellungen als Assimilationsprozess eines Bürgerlichen an adlige Verhaltensstandards und damit als geschicktes sozial wie künstlerisch aufstiegsorientiertes Agieren auf dem römischen Kunstmarkt.

          Weitere Themen

          „Ganz schlimm“

          Mats Hummels war erkältet : „Ganz schlimm“

          „Dumpf und verschwommen“, so Bayern-Verteidiger Hummels, habe sich alles in seinem Kopf angefühlt. Die Experten Matthäus und Kahn können es nicht fassen. Warum hat Hummels trotz Erkältung gespielt?

          Topmeldungen

          Friedrich Merz bei der CDU-Regionalkonferenz in Lübeck vergangenen Donnerstag.

          Friedrich Merz : „Ich verdiene eine Million Euro“

          Was kaum jemand anzweifelte, bestätigt der Blackrock-Deutschland-Aufsichtsratschef und Kandidat um den CDU-Vorsitz nun selbst: Friedrich Merz gehört zu den Großverdienern im Land. Zur Oberschicht will er sich allerdings nicht zählen lassen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.