Der 1931 geborene japanische Architekt, Designer und Querdenker Arata Isozaki ist zugleich Kosmopolit und Kind der Inselnation. "Nicht eine Wolke stand am Himmel", als Japan kapitulierte, beschreibt er seine private und die nationale Zerstörungs- und Schöpfungsgeschichte: "Alle Explosionen und Gefahren um mich herum wie auch alles, was klar und deutlich die Zukunft verkörpert hatte, waren verschwunden." Die Ruinen und das zerstörte "Gewebe des Lebens selbst", die den Jungen umfingen, tauchten später am Reißbrett wieder auf: "Alles, was ich zeichnen konnte, waren zersplitterte Fragmente von geschmolzenen und verformten Objekten, denen allein der Zufall ihre Form gegeben hatte."
Das "Denken in Ruinen" als architektonisches Programm und die Metapher des Archipels stehen im Zentrum eines Buchs, das zwischen 1962 und 2004 erschienene Essays von Arata Isozaki versammelt. Sein Spiel mit der Ironie der Geschichte und ihre Umdeutung im Zeichen der Ruine widerspiegeln Erfahrungen der "Auflösung der traditionellen Stadt". Isozaki kritisiert die "Wirklichkeitsferne von Planungen" in der Metropole Tokio und entwirft unter dem Credo "Zukunft in den Ruinen" negative Utopien, einen Anti-Stil als positive Stillosigkeit.
Isozaki zieht dabei immer wieder Analogien zu Musik und Literatur - etwa zu Kafkas "Schloss" oder Carrolls "Alice hinter den Spiegeln", aber auch Tanizakis "Lob des Schattens" -, um das "Drama des Lichts" oder die "sichtbare Dunkelheit" japanischer Innenräume zu erklären. Dem Ewigkeitsanspruch westlichen Bauens stellt er in Japans Baukunst, auch mit Blick auf die traditionelle Holzbauweise, einen vorweggenommenen Ruinenstatus gegenüber.
Isozakis Essays erzählen von Vergänglichkeit ebenso wie vom buddhistischen Motiv der Wiederkehr. Weltgeschichte und somit auch Weltarchitektur erscheinen ihm nach jedem "Tod der Utopien" als zyklisch sich wiederholende "Ruinenszenarios", "simultane Eruptionen" und Neuanfänge. Nachdem 1945 der entgöttlichte Kaiser als Bezugspunkt der Architektur verlorenging, überrannte ein Bauboom das japanische Architekturdenken. Die flexiblen Großstrukturen der "metabolistischen" Richtung im Japan der sechziger Jahre verinnerlichten die Logik mechanischer Produktion. Isozaki schlägt einen Bogen von der Besetzung und "Befreiung" des öffentlichen Raums während der Studentenrevolten in Europa und zeitgleich in Tokio bis nach Woodstock, wo sich eine "Instant City" formierte. Er erörtert Architektur im Zeitraffer historischer Ereignisse vom Fall der Berliner Mauer über die japanische Immobilienkrise 1990 bis zum Anschlag auf die Twin Towers von New York.
Isozakis Auftragsarbeiten sind in sich gebrochene Staatsrepräsentationen, die in ihrer metaphorischen Suche nach dem Nullpunkt der Architektur das "Unternehmen Japan" hinterfragen. So gestaltete er in der Satelliten- und Wissenschaftsstadt Tsukuba einen abgesenkten Stadtplatz mit einer klischeehaften Kopie des Pflasters auf dem Kapitol - als Metapher für die Leere des Stadtzentrums.
In der Fotomontage "Re-Ruined Hiroshima", in der er das verstümmelte Panoramabild Hiroshimas mit Motiven seiner bizarren Megastrukturen überblendete, wird die Ruine zum Ornament und gesellschaftskritischen Motiv. Als "Fragmente idealer Dinge" laden Isozakis Ruinen den Betrachter ein, die Naht- und Leerstellen miteinander in Beziehung zu setzen. Die Bedeutung des Zwischenraums (japanisch "Ma") scheint dabei ein Schlüssel zum Verständnis dieses Architekturdenkens.
Einen Ausweg aus der krisenhaften Moderne und architektonischen Kommerzialisierung sieht Isozaki im Bauen mit Eigensinn und Ambiguität. Die "Schaffung starker Formen und Stile aus dem Inneren der Architektur" und einem eklektischen "Archiv der Erinnerung" der Weltkulturen heraus bietet die Chance der "Rehabilitation des ikonischen Charakters der Architektur".
Leitmotivisch ist die Forderung nach ortsspezifischen Bauten. Ein Beispiel sind die wie Inseln im Raum schwebenden Bühnen im Konzertsaal von Akiyoshidai. Im Essay "Vom Panoptikum zum Archipel" plädiert Isozaki für einen Wechsel von der westlichen Zentralperspektive "hin zum illusionistischen Modell verstreuter Brennpunkte". Es läuft zuletzt auf eine Theorie der Inseln und Ikonen hinaus. "Die Welt wird sich", so schreibt Isozaki, "in ein Archipel verwandeln, in eine Ansammlung zahlloser, unterschiedlich großer Inseln, Möbel, Zeichen, Landschaften, Gebäude, Regionen, Städte - sie alle werden zu Ikonen, wenn sie an ihrer Unterscheidbarkeit festhalten. Dass sie dagegen in einer Masse aufgelöster und homogener Materie schwimmen, das zeichnet sie als Inseln aus."
STEFFEN GNAM.
Arata Isozaki: "Welten und Gegenwelten". Essays zur Architektur.
Hrsg. und aus dem Japanischen von Yoco Fukuda u.a. transcript Verlag, Bielefeld 2011. 194 S., br., 21,80 [Euro].