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: Schau mir in die Bücher!

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In allen erdenklichen Formaten und teils noch in rutschige Folie verpackt, schwimmen vierunddreißig Notizbücher auf dem Tisch hin und her. Hat man sie aufrecht gestapelt, kippt der Haufen sogleich wieder um. Will man sie vernünftig im Regal verstauen, verschwinden die kleinen unter ihnen im Gemenge, und die großen wollen auch nicht stehen.

          In allen erdenklichen Formaten und teils noch in rutschige Folie verpackt, schwimmen vierunddreißig Notizbücher auf dem Tisch hin und her. Hat man sie aufrecht gestapelt, kippt der Haufen sogleich wieder um. Will man sie vernünftig im Regal verstauen, verschwinden die kleinen unter ihnen im Gemenge, und die großen wollen auch nicht stehen. Formales Chaos. Aber materielle Schönheit; es sind magische Objekte, die ins Wanken bringen. Doch wovon wird hier überhaupt geschrieben?

          Carolyn Christov-Bakargiev, die künstlerische Leiterin der Documenta 13, die im Juni 2012 beginnt, verschickt schon mal vorab Persönliches in die Welt: in Form von Notizbüchern (documenta 13: "100 Notizen - 100 Gedanken". Hatje Cantz Verlag, München 2011. Preise von 6,90 [Euro] bis 12,90 [Euro]). Schmale broschürte Bändchen, numeriert und in viele Farben wie Pink, Gelb, Hellblau, Grün geschlagen und auf mattes Papier gedruckt. Wie überraschend entdeckte Kleinode auf dem Dachboden der Großmutter, gesammelt und beschrieben in vielen Jahrzehnten.

          Um einen Überblick zu bekommen, hilft es nur, sich von allem Ordnungssinn zu verabschieden und die bislang vierunddreißig erschienenen Hefte aus der Folie zu befreien und in einen geräumigen Karton zu werfen. Denn bis zur Eröffnung der Documenta 13 werden es hundert sein: Hundert Tage Documenta, "hundert Notizen, hundert Gedanken", einer für jeden Tag. Augen zu und hineingegriffen: Farbe Rot. "No 021 - Cornelius Castoriadis. Einführung: Nikos Papastergiadis". Der "freihändige Denker" Castoriadis hatte zwar nie ein Notizbuch, lernen wir, aber er hat umso mehr notiert. Zettelwirtschaft. In Konstantinopel 1922 geboren, ging der Kommunismuskritiker nach Paris und wurde einer der angesehensten Psychoanalytiker. Sein Documenta-Buch besteht aus Abbildungen seines Nachlasses. Es ist ein Blick in sein unredigiertes Denken, gefasst in seine unleserliche Handschrift, die nur als ästhetisches Artefakt fungiert. Es tauchen Worte auf: "Hegel", "Moment" oder "Versöhnung". Auf den letzten Seiten werden die Skripte transkribiert: Es sind darunter Notate der Radionachrichten im Mai 1968, ein Brief an Lacan in altem Griechisch und dann: "Wer die Schönheit angeschaut mit Augen / ist schon dem Tode anheimgegeben." - "Tristan" von August von Platen. Liebeslyrik.

          Konventioneller schreibt der ungarische Kunsthistoriker Peter György in "No 016" über Kassel. Ian Wallace bringt die Documenta 1955 ins Gedächtnis. Weiter, nächster Band: Klein und farblos beige und mit "Laurence Weiner" beschrieben, ist Heft "No 008". Der Wortkünstler beginnt mit einem Gedanken "In fact there is a context", dann "no reflection of each other but they do collide". Nächster Band. Der Versuch, einen Anfang zu finden mit "No 001 - Michael Taussig": Der Anthropologe befragt Walter Benjamin, Roland Barthes oder Joan Didion, die manischen Notizenschreiber, die "auch ihrer Materialität verfallen" waren.

          Die Schönheit der Heftchen liegt in ihrer Fülle, ihrer Spontaneität. Jede Sortierungsmaßnahme: zwecklos. Was bedeutet dieses Durcheinander für die Documenta 13? Nur Gutes ist bislang mit dem Chaos verbunden: Die legendäre Documenta 5 nannte einen Ringordner ihren Katalog. Er setzt seither die Maßstäbe: zumindest inhaltlich.

          SWANTJE KARICH

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