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Neunmal Tag und einmal Nacht

04.08.2011 ·  Wenn Dinge gleichzeitig geschehen, zumal an weit auseinanderliegenden Orten, umschließt dies ein seltsamer Zauber - fast so, als spannten sich unsichtbare Linien kreuz und quer über eine Stadt, ein Land oder den gesamten Globus und gäben dem Leben Halt. Das wissen auch Fotografen. Kaum überschaubar ist ...

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Wenn Dinge gleichzeitig geschehen, zumal an weit auseinanderliegenden Orten, umschließt dies ein seltsamer Zauber - fast so, als spannten sich unsichtbare Linien kreuz und quer über eine Stadt, ein Land oder den gesamten Globus und gäben dem Leben Halt. Das wissen auch Fotografen. Kaum überschaubar ist deshalb die Zahl von Reportagebildbänden mit Titeln wie "Ein Tag im Ruhrgebiet" oder aber solch international erfolgreicher Buch-Serien wie "A Day in the Life of ...", für die bisweilen Hunderte von Fotografen die Bilder liefern. Blättert man in diesen Bänden, meint man noch zu hören, wie die Luft an diesen Tagen vom Klicken der Kameraverschlüsse erfüllt gewesen sein muss. Ein Querschnitt des Lebens ist da jeweils entstanden - mit all seinen Facetten von den Freuden des Alltags bis zu dessen Widrigkeiten. Und am Ende steht dann stellvertretend für die Befindlichkeit einer Epoche etwa der 7. Mai 2010, ein Freitag, für alle Zeiten im Regal.

"One Day" kommt zurückhaltender daher. Ohne den Anspruch, Zeuge zu sein, ohne jeglichen Belegcharakter. Fast könnte man meinen, es handele sich bei den zehn Bänden um das Ergebnis eines privaten Fotografenwettbewerbs, der in bierseliger Laune und zu nächtlicher Stunde bei einem Treffen von Kollegen ausgerufen wurde: Wer bringt binnen vierundzwanzig Stunden das schönste Material für ein Buch zusammen? Um die Zeit voll auszuschöpfen, entschied man sich für den 21. Juni, Sonnenwende - und glaubt man den Ergebnissen, meinte es das Schicksal gut mit den Künstlern: nirgendwo Regen oder auch nur ein düsteres Wölklein am Himmel. Dennoch war der Anspruch hoch, zumal gerade Fotografen gern damit kokettieren, glücklich zu sein, wenn ihnen im Laufe eines Jahres wenigstens zwei, drei gute Aufnahmen gelängen. Umso überraschender ist das Ergebnis dieser Kassette.

Es sind konzentrierte Arbeiten, die solch prominente Fotokünstler wie Alec Soth und Harvey Benge, Gerry Badger und Martin Parr, Jessica Backhaus und Todd Hido vorlegen. Die meisten machten das Naheliegende: Sie gingen in ihrer Nachbarschaft spazieren, also in Auckland, in Utrecht und im Berliner Stadtteil Neukölln, oder sie machten sich auf eine kurze Reise. Mit dem Zug von Shinga nach Tokio, mit dem Auto von Fernwood über Baltimore nach Washington. Was sie unterwegs sahen, entspricht genau dem Temperament und dem ästhetischen Willen, die man aus ihren früheren Arbeiten herleiten kann. Aber nie sind in den Büchern einfach nur Fotos hintereinandergestellt, immer werden die schmalen Bändchen vielmehr als Werk begriffen, und einige der Fotografen haben den ansonsten völlig textfreien Büchern zumindest einen narrativen Titel vorangestellt. "Weltmeister Blues" heißt etwa Garry Badgers Buch, für das er in Londons Straßen Fahnen, Wimpel und Aufkleber der Nationalflagge als Belege von Patriotismus während der Fußballweltmeisterschaft suchte und ihnen geradezu prophetisch einen melancholischen Aspekt abrang - denn erst sechs Tage später wurde die englische Mannschaft im Achtelfinale durch den spektakulären Sieg Deutschlands aus dem Wettbewerb geschossen.

"One Day" bringt zehn bezaubernde Bände zusammen, die sich mit der Vielfalt der Ansätze und Bildsprachen zu einem kleinen Kosmos vereinen: einer rätselhaften Welt geheimnisvoll aufgeladener Gegenstände, durch die sich kaum je ein Mensch bewegt - nur hier einige Frauen unter Kopftüchern und dort ein paar junge Mädchen, die auf Mäuerchen sitzen und versonnen durch den Fotografen hindurchzuschauen scheinen. So entsteht die Andeutung einer Fortsetzungsgeschichte, der Martin Parr mit dem Verlauf seines Tages die Struktur vorgibt: vom morgendlichen Zähneputzen über diverse Hausarbeiten bis zu den Tabletten vor dem Schlafengehen. Wie dafür geschaffen, schließt sich nahtlos eine Albtraumgeschichte Todd Hidos daran an. Er hat seine gespenstischen Serien über einsame Häuser und verzweifelte Frauen, angelehnt an zweitklassige Horrorfilme, aber in der Komposition und dem präzis gesetzten Licht der Kunst eines Edward Hopper folgend, für "One Day" einfach um ein Kapitel ergänzt. Es wäre schön zu wissen, dass ein nächster Tag folgen wird.

FREDDY LANGER.

One Day - 10 Photographers.

Zehn Halbleinenbände im Schuber aus Pappe. 194 Abb., ohne Text, Kehrer Verlag Heidelberg 2010, 304 Seiten, 188,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.08.2011, Nr. 179 / Seite 30
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