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Max Hollein Lieber Mythen destillieren

31.10.2006 ·  Er ist seit diesem Jahr Direktor des Städelschen Kunstinstituts, des Liebighauses und der Schirn Kunsthalle Frankfurt: Max Hollein. Ein Band sammelt jetzt Texte von ihm und Gespräche mit Künstlern.

Von Rose-Maria Gropp
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Es war an sich eine gute Idee der Messeleitung in London, Jean Baudrillard zu einem Podiumsgespräch einzuladen: Die jüngste Frieze Art Fair hätte sich damit den Theoretiker par excellence ins Haus geholt, um die Warenströme zu analysieren, die den Hyde Park durchziehen, wenn Geld, Startum und das, was von der Kunst dazwischen noch zu bemerken ist, aufeinandertreffen. Aber Jean Baudrillard kam nicht: Auch eine Form der Performance, womöglich der Dissimulation.

Tatsächlich ist Baudrillard ein denkerisches Zentralgestirn jenes „Systems“, das Max Hollein gleich mit seiner ersten eigenen Ausstellung zum Anfassen plastisch machte, als er vor gut vier Jahren die Leitung der Frankfurter Schirn Kunsthalle übernommen hatte. In „Shopping“, so der Titel, floß der süße Schauer der Warenwelt ein in die (schöne) Ware Kunst: „Oft ergibt sich . . . die Frage, wer der Konsument und wer das Produkt ist - oder sind diese beiden Welten bereits lange eine?“ schrieb Hollein im Katalog.

Analytiker durch und durch

Der Charme von Holleins Texten liegt in ihrer rigorosen Unblumigkeit. Wenn er, Betriebswirt und Kunsthistoriker, in dem - auch nur knapp eine Seite langen - Vorwort zu dem Sammelband erklärt: „,Ich konnte gar nicht aufhören zu schreiben‘ - diesen Daseinszustand eines Verfassers muß ich erst erleben“, so ist das weniger eine Bescheidenheitsfloskel, denn eine erfreuliche Ankündigung, auf die man sich beim Lesen verlassen darf; denn es geht direkt zur Sache, und dem Leser wird ein theoretischer Grundstock umstandslos zugetraut.

Hollein ist durch und durch ein Analytiker. Während er zu klaren, sehr unverzagten Wertungen kommt, enthält er sich, schon beinah asketisch, jeglicher wohlfeiler Prognosen. Das Angenehme dabei ist, daß aus all dieser Kühle immer wieder Qualitätsurteile hervortreten, die klaren Einschätzungen entsprechen, ohne jede Anbiederung (die doch im „Kunstsystem“ so sinnvoll sein kann). In einem Text von 2004 zur sogenannten „jungen deutschen Kunst“ steht also: „Und daß der großartige Mythendestillierer Meese mit dem deutsche-Jünglinge-im-Sonnenschein-Maler Bisky inhaltlich an einem Strang zieht, ist wirklich nur als Gerücht zu werten.“

Wie immer man dazu stehen mag, was Meese so destilliert, wenn der Tag lang ist - Hollein läßt keine falsche Diplomatie walten. Man begreift stets, wo er steht. „Nicht selten“, lautet ein Fazit des Autors aus dem Jahr 2002, „sind die zeitgenössische Kunst und ihre Wahrnehmung eng mit dem sie unweigerlich umgebenden ökonomischen Kontext verwoben.“ Aus „nicht selten“ ist in diesem Feld inzwischen „unabdingbar“ geworden. Daß er selbst, in seiner dreifachen Funktion als Direktor, dort machtvoller Teilnehmer in zentraler Rolle ist, weiß Hollein. Und er weiß das zu nutzen, bislang ohne Hybris.

Max Hollein: „Unternehmen Kunst“. Entwicklungen und Verwicklungen. Statement-Reihe S 39. Lindinger + Schmid-Verlag, Regensburg 2006. 224 S. 19,80 Euro

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31.10.2006 Seite K4
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Jahrgang 1956, Redakteurin im Feuilleton, verantwortlich für den „Kunstmarkt“.

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