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: Hundeblick ins Malerauge: David Douglas Duncan sieht Picasso und Lump

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Lump tat gut daran, rechtzeitig auszusteigen. Zwar kam er mit David Douglas Duncan in dessen flügeltürigem 300 SL Mercedes ganz schön rum, aber als Herrchen und Hund an einem Aprilmorgen des Jahres 1957 vor der Villa La Californie in der Nähe von Cannes vorfuhren, beschloß Lump, einfach dazubleiben.

          Lump tat gut daran, rechtzeitig auszusteigen. Zwar kam er mit David Douglas Duncan in dessen flügeltürigem 300 SL Mercedes ganz schön rum, aber als Herrchen und Hund an einem Aprilmorgen des Jahres 1957 vor der Villa La Californie in der Nähe von Cannes vorfuhren, beschloß Lump, einfach dazubleiben. Ausführlich untersuchte er sein neues Heim, streifte durch Haus und Garten und ließ sich vom Hausherrn gnädig auf einen Teller malen.

          Es roch nach Farn und Holz, nach Zigarettenqualm und Frauenparfum, nach dem Aroma südlicher Vegetation und, glücklicherweise, nach französischer Küche. Yan, der sanfte Boxer, erwies sich als keine ernstzunehmende Konkurrenz im Buhlen um die Zuneigung des Rudelführers. Picasso, unempfänglich für alle Charmeattacken von Sammlern und Galeristen, Museumsleuten und Verlegern, ging Lump sofort auf den Leim. Die kernige Mischung aus Vitalität und Frohnatur, die sich um kein "Nein!" scherte, mag ihm vertraut gewesen sein. So wurde aus Lump, der sein erstes Lebensjahr mit David Douglas Duncan in einer Wohnung in Rom zugebracht hatte, ein französischer Lebedackelmann. Picasso bastelte ihm, der nie einem Hasen in freier Wildbahn begegnet war, sogar einen Papierhasen, in den Lump seine Zähne schlug, bevor er die Beute Jacqueline zeigte und sie anschließend verspeiste. Der Dackel begleitete Picasso auf Schritt und Tritt, harrte oft stundenlang im Atelier aus und verschlief die Zeit, in der sein Meister arbeitete.

          David Douglas Duncan, der mit Picasso befreundet war und mit seinen Aufnahmen aus dem Alltag des Malers bekannt wurde, hielt Lumps Eroberung des Kontinents Picasso bei seinen Besuchen immer wieder in Schnappschüssen fest, von denen die schönsten jetzt unter dem Titel "Picasso & Lump - A Dachshund's Odyssey" erschienen sind. Der Fotograf, der den Aufnahmen spärliche, doch dem Thema angemessen innige bis herzhafte Anekdoten beigegeben hat, erinnert sich: "Wenn Picasso Lump ansah, leuchtete eine warme Sanftmut in seinen Augen auf, ganz kurz, kaum mit der Kamera festzuhalten." Es dauerte, bis er eine Erklärung dafür fand. Sie lautet: Inspiration. Der Dackel ging in die Kunstgeschichte ein. In seinen Variationen von Velázquez' "Las Meninas" ersetzte Picasso den dort ruhenden Wolfshund durch Lump.

          Die Fotografien geben ein so rührendes wie unsentimentales Porträt des Paares Herr und Hund; Jacqueline und die Zweitziege Esmeralda werden von den beiden Alpha-Tieren großzügig geduldet, ebenso wie Yan und die Kinderschar, die sich während des Sommers in La Californie einfand. Gewiß, ab und an fand sich der streunende "Lumpito" an Jacquelines Busen gedrückt, doch waren beide sich einig, daß Picasso der wahre Held sei. Der wiederum hatte Verständnis für alle Vorlieben und Interessen seines Gefährten, der denn auch mit der rassigen Lolita, der Dackeldame von Victor Hugos Enkel François, vermählt wurde. Die Ehe indes blieb trotz wackerer Annäherungsversuche seitens Lumps kinderlos, der fortan nur noch um die Liebe seines Leitwolfs buhlte. Lump leistete Picasso bis zu seinem Tod Gesellschaft. Herr und Hund starben im Jahr 1973.

          FELICITAS VON LOVENBERG

          David Douglas Duncan: "Picasso & Lump. A Dachshund's Odyssey". Benteli Publishers, Zürich 2006. 100 S., 108 Abb., geb., 19,80 [Euro].

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