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Honolulu Blues

 ·  So ganz und gar ohne erotische Verweise kommt an Honolulus berühmtestem Strand Waikiki nicht einmal Henry Wessel aus. Anfang der siebziger Jahre war er hervorgetreten mit bleichen Schwarzweißaufnahmen jener Orte im Westen der Vereinigten Staaten, an denen in einer leeren Landschaft die Ödnis der Natur und die Ödnis der Zivilisation aufeinandertreffen.

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So ganz und gar ohne erotische Verweise kommt an Honolulus berühmtestem Strand Waikiki nicht einmal Henry Wessel aus. Anfang der siebziger Jahre war er hervorgetreten mit bleichen Schwarzweißaufnahmen jener Orte im Westen der Vereinigten Staaten, an denen in einer leeren Landschaft die Ödnis der Natur und die Ödnis der Zivilisation aufeinandertreffen. Mit endlosen Asphaltstreifen, aufgewühlter Erde und den einfallslosen Fassaden schnell errichteter Gebrauchsarchitektur buchstabierte er seine Vorstellung der "New Topographics", wie man den präzisen, distanziert-dokumentarischen Blick auf Amerika wenig später nennen sollte. Dann machte er sich auf den Weg nach Hawaii.

Angereist war er mit dem Bild vom Paradies, und wie sich bei ihm die Palmen am Strand in geschwungener Linie verbiegen, kommt man nicht umhin, an die grazilen Bewegungen des Hula-Tanzes zu denken. Aber dann stehen am Fuß der Bäume zwei Mülltonnen, und über den Strand legt sich der Schatten eines Hochhaushotels - und man begreift, dass Wessel etwas anderes entdeckt hat als eine überzeugende Antwort auf Eden. Der Ort sei nicht aufregend gewesen, sagt Wessel. Das sieht man seinen Bildern an. Aber die fotografischen Möglichkeiten waren zweifellos aufregend. Wiederum an einem Ort, an dem Natur und Zivilisation aufeinanderprallen, führt er in Gesichtern und in Gesten vor, wie dort die Menschen an ihren Hoffnungen scheitern. Im blümchengemusterten Hemd stehen sie am Strand und schauen sehnsuchtsvoll aufs Meer hinaus - umgeben von Betonburgen, Betonhockern und -tischen sowie Betonmäuerchen: traurige Menschen, desinteressierte Tropen.

"Waikiki" von Henry Wessel. Steidl Verlag, Göttingen 2011. 60 Seiten, 25 Fotos. Gebunden, 58 Euro. Bis zum 24. August sind die Aufnahmen in der Galerie Zander (Schönhauser Straße 8, 50968 Köln) zu sehen.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.07.2011, Nr. 173 / Seite R6
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