http://www.faz.net/-gyz-6lasm

: Gegen den Strich

  • Aktualisiert am

Er war kein geborener Briefschreiber", bemerkte der Berliner Publizist Oskar Bie anlässlich einer neun Jahre nach dem Tod Adolph Menzels 1914 erschienenen ersten Auswahl aus den Autographen des erzpreußischen Malers und Grafikers. "Mit Unterstützung der Erben des Meisters" hatte der Kunsthistoriker Hans ...

          Er war kein geborener Briefschreiber", bemerkte der Berliner Publizist Oskar Bie anlässlich einer neun Jahre nach dem Tod Adolph Menzels 1914 erschienenen ersten Auswahl aus den Autographen des erzpreußischen Malers und Grafikers. "Mit Unterstützung der Erben des Meisters" hatte der Kunsthistoriker Hans Wolff seinerzeit 210 Briefen an 32 Adressaten zur Druckreife verholfen. Obwohl in der Folgezeit eine Vielzahl weiterer Handschreiben bekannt wurde, vergingen nahezu hundert Jahre, bis eine entscheidend erweiterte Neuauflage der schriftlichen Hinterlassenschaften des herausragenden Zeichners und Koloristen veröffentlicht werden konnte.

          Nach mehr als zehn Jahren akribischer Forschungsarbeit liegt nun eine von Claude Keisch und Marie Ursula Riemann-Reyher wissenschaftlich betreute vierbändige Edition mit annähernd zweitausend Positionen vor, sinnvoll ergänzt durch ein Verzeichnis ihrer aktuellen Standorte in Archiven, Bibliotheken, Museen und Privatbesitz.

          Von aufschlussreichen Anmerkungen gestützt, beleuchtet dieser exzellente Band Adolph Menzels Existenz als alleiniger Ernährer einer vielköpfigen Familie und "Herold des großen Königs Fridericus Rex". So nannte ihn dessen später Nachkomme Wilhelm II., als er die "Kleine Excellenz" bürgerlicher Herkunft im Dezember 1898 zum Ritter des Schwarzen Adlerordens ernannte und gleichzeitig in den erblichen Adelsstand erhob.

          Zu diesem Zeitpunkt lag Menzels obsessiv nostalgische Beschäftigung mit der Figur Friedrichs des Großen - die mit den Illustrationen zu Franz Kuglers Vita des Souveräns einsetzte und über die "Tafelrunde in Sanssouci" zum "Flötenkonzert" führte - bereits weit zurück. Motivisch wie stilistisch in der Gegenwart angekommen, visualisierte der reife Künstler die Fülle der Facetten des gesellschaftlichen Lebens im gründerzeitlichen "Labyrinth der Wirklichkeit".

          Menzels Briefpartner waren neben den Mitgliedern seiner Familie und engen Freunden bevorzugt Verleger, Literaten, Wissenschaftler, Kunstfreunde und Sammler. Zu Kollegen, bei denen seine glänzende Beherrschung der unterschiedlichsten Medien und ein müheloser Wechsel der Sujets Unterlegenheitsgefühle geweckt haben dürfte, hielt der unbestechliche Realist Distanz. Zeitgenossen rühmten dem Künstler ein "Sprechtalent" nach, das sich mit ebenso spontanen wie originellen Formulierungen in den Briefen fortsetzte.

          Frei von sentimentalen Herzensergießungen, sparte er nicht mit praktischen Ratschlägen für die Schwester Emilie und den Bruder Richard, seine "einziggeliebten Kinder". Das dilettierende "Carlchen", Sohn seines Seelenbruders Carl Heinrich Arnold, erfährt herbe Kritik für ein misslungenes Selbstporträt: "Wie sitzen die Augen, der Mund, der ganze Schädel!"

          Seinem Leipziger Verleger Johann Jacob Werner, der die "Geschichte Friedrichs des Großen" herausbrachte, erklärt der gerade Fünfundzwanzigjährige nach Überprüfung der Andrucke, er verbitte sich "die schlingelhafte Mißhandlung meiner Zeichnungen, im Interesse meiner Ehre und Ihres Vortheils". Der junge Dichter Paul Heyse, wie Theodor Fontane und Menzel selbst Mitglied im legendären Künstlerverein "Tunnel über der Spree", muss sich sagen lassen, dass die Charakterzeichnung des Personals seiner Novelle "Die Blinden" wenig überzeuge. Autogrammwünsche, die Menzel in seinen hohen Jahren vermehrt vorgetragen wurden, wies er in aller Regel kurz angebunden ab: ein Kunstjünger möge keine Zeit mit "Gebettle um Autographen" vertun, sondern "diese Modefaxe Backfischen" überlassen.

          Weitere Themen

          Brexit-Minister Davis tritt ab Video-Seite öffnen

          Heftiger Schlag für May : Brexit-Minister Davis tritt ab

          Die derzeitige politische Richtung treibe das Land in eine „schwache Verhandlungsposition“, schrieb Davis in einem Brief an die Premierministerin. Der Verfechter eines harten Brexits war seit zwei Jahren im Amt.

          Topmeldungen

          Viele Landesregierungen retten sich mit provisorischen Lösungen, um den Lehrermangel zu bekämpfen.

          Deutsche Bildungsmisere : Totgeschwiegener Lehrermangel

          Die Frage nach qualifizierten Lehrern ist zur Zukunftsfrage der Länder geworden. Doch diese tun zu wenig, um den Nachwuchs für sich zu gewinnen. Ein Kommentar.

          Kommandeur reagiert : EU-Mittelmeermission „Sophia“ gestoppt

          Italien setzt seinen harten Kurs gegen Bootsflüchtlinge fort. Nach der Ankündigung, Schiffen der EU-Mission „Sophia“ die Einfahrt in italienische Häfen zu verbieten, zog der zuständige Admiral jetzt offenbar die Reißleine.

          Gazastreifen : Das Feuer kommt am Nachmittag

          Seit Wochen lassen Palästinenser aus dem Gazastreifen brennende Ballons nach Israel fliegen. Die Bewohner der Kibbuzim müssen sich überwiegend selbst helfen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.