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: Ein Kulissenmeister des Geisteslebens

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Beim Vermessen der geisteswissenschaftlichen Denkströmungen Frankreichs in den letzten fünfzig Jahren stößt man im Knotenpunkt zwischen Raymond Aron, François Jacob und Michel Foucault, Émile Benveniste, Georges Dumézil und Marcel Gauchet immer auf eine Stelle, die keinen Namen trägt. Dabei hat sie natürlich einen: Pierre Nora.

          Beim Vermessen der geisteswissenschaftlichen Denkströmungen Frankreichs in den letzten fünfzig Jahren stößt man im Knotenpunkt zwischen Raymond Aron, François Jacob und Michel Foucault, Émile Benveniste, Georges Dumézil und Marcel Gauchet immer auf eine Stelle, die keinen Namen trägt. Dabei hat sie natürlich einen: Pierre Nora. Dieser Historiker, Verlagslektor, Zeitschriftengründer und unermüdliche Ideenbeweger wirkt seit seinem Eintritt bei Gallimard 1966 wie das Gegenteil einer intellektuellen Leitfigur. Bekannt sind die Bücher und Debatten, die er anregte, ist die Zeitschrift "Le Débat", die er 1980 bei Gallimard gründete, ist der Monumentalzyklus über die französischen "Erinnerungsorte", deren Konzept er erfand. Dank einer umfangreichen Biographie kennen wir nun etwas mehr von Pierre Noras Werdegang (François Dosse: "Pierre Nora". Homo historicus. Perrin-Verlag, Paris 2011. 660 S., br., 27,- [Euro]).

          Die Rede von diesem Mann, der seit zehn Jahren auch der Académie française angehört, als dem "Historiker ohne eigenes Werk" verdient eine Ergänzung. Das Leitmotiv eines Klassikers, der an klassischer Bildung und Gelehrtenlaufbahn vorbei auf neue Wege der Forschung kommt, bestätigt sich in der Biographie. Dass der Wissensdurstige aus gutem Pariser Bürgermilieu, der mit zwölf Jahren als jüdisches Kind vor den Nazis auf dem Land versteckt werden musste, später in keine geordnete Karriere zu bringen war, lag an seinem zu Ruhelosigkeit, hohen Ansprüchen und Selbstzweifel neigenden Temperament ebenso wie an der Epoche, die in den sechziger Jahren disziplinübergreifend eine neue Blüte der Geisteswissenschaften brachte. Noras Buchreihe "Bibliothèque des sciences humaines" bei Gallimard erlangte in Foucaults "Les mots et les choses" mit zwanzigtausend Exemplaren gleich im Anfangsjahr 1966 einen Erfolg, der die übrigen großen Titel wie Canettis "Masse und Macht" zunächst in den Schatten stellte. Die Reihe steht seither für ein Wissenschaftskonzept, das Fachgrenzen gern überschreitet, sich aber vor spekulativen Abenteuern zwischen Philosophie und Hermeneutik hütet, wie sie beim Konkurrenzverlag Seuil und der "Tel Quel"-Gruppe beliebt waren.

          Das aus einem dreijährigen Hochschulseminar hervorgegangene Projekt der "Lieux de mémoire" brachte dem diskreten, wenn auch zielbewussten Kulissenmeister des französischen Geisteslebens dann jene Fokalisierung, die seinen Namen und seine Wirkung endlich zusammenbrachte. Das siebenbändige Gemeinschaftsprojekt holte ein Jahrhundert positivistischer Geschichtsforschung in den Horizont eines nicht ganz verlorenen Kollektivgedächtnisses mit national geprägten Ortsmarkierungen zurück und knüpfte nach der quantifizierten Objektfreudigkeit der "Annales"-Schule mehr wieder an die Geschichtstradition Michelets, Tocquevilles und Guizots an.

          Sein eigenes Ich hat Pierre Nora aber auch im Buch über die "Ego-Histoire", die 1987 sieben namhafte Historiker zur Darstellung ihres persönlichen Werdegangs vom Standpunkt eines fremden Beobachters aus einlud, wiederum ausgeblendet. Die Biographie von Dosse wirft Licht auf die Schattenfigur, die mehr als andere ein halbes Jahrhundert französische Geistesgeschichte mitprägte.

          JOSEPH HANIMANN

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.04.2011, Nr. 79 / Seite 28

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