Seit etwa zwei Jahrzehnten ist das Geschehen am internationalen Kunstmarkt in den Horizont einer breiten Öffentlichkeit gerückt. Ein Ausgangspunkt dafür ist der massive Einbruch, den Ende der achtziger, Anfang der neunziger Jahre vor allem impressionistische, aber auch zeitgenössische Werke erlitten. In Amerika und England implodierte der überhitzte Auktionsmarkt für Gemälde des Impressionismus, vor allem für zweitrangige, deren Käufer damals nicht selten aus Japan kamen.
Als Markstein und Klimax dieser Krise kann der Mai 1990 gelten, als der japanische Papierindustrielle Ryoei Saito innerhalb von zwei Tagen Van Goghs "Doktor Gachet" und Renoirs "Au Moulin de la Galette" - beide freilich erstrangige Werke - für zusammen rund 160 Millionen Dollar in New Yorker Auktionen einkaufte. Als Saito 1996 starb, war seine Firma in Konkurs gegangen, seine Sammlung mit französischen Gemälden in der Hand von Gläubigerbanken. Seither rätselt die Welt über den Verbleib von Van Goghs Bildnis, das vorübergehend dem österreichischen Investmentbanker Wolfgang Flöttl gehörte, bis auch der in finanziellen Schwierigkeiten seine Kunstsammlung abstoßen musste. Die wenigen, die wissen, wo der "Doktor Gachet" seither ist, schweigen eisern.
Van Goghs Porträt des Arztes und dessen Schicksal sorgen seither für die öffentliche Faszination angesichts der Höhepunkte und auch der Abgründe des Geschäfts mit der Kunst: zumal der globale Kunstmarkt überhaupt nicht klein zu kriegen ist, sondern - im Gegenteil - immer weiter immer neue Rekorde produziert. So gibt es neben der Berichterstattung in den Medien inzwischen eine kaum mehr überschaubare Menge von Publikationen, die sich der Frage nach dem "Wert der Kunst" von allen erdenklichen Seiten nähern. Jacqueline Nowikovsky hat nun einen weiteren Versuch vorgelegt.
Ihr Buch ist das Resultat der nachgerade voyeuristischen Lust am Kunstmarktgeschehen als dem aufregenden und am wenigsten durchschaubaren Jahrmarkt der Gegenwart. Diesen Vanity Fair ein bisserl philosophisch zu unterbauen, wie die Autorin es vorführt, reicht freilich nicht. Denn da kommt dann so etwas heraus wie: "Kant versuchte das ernsthafte Kunsturteil vom unterhaltenden, effekthaschenden Gegenteil zu trennen. Doch Affekte, Empfindungen und Begehren von unserem Interesse für die Kunst zu entkoppeln, ja gar für deren Wertschätzung zu verbieten käme einem ,kastrierten Hedonismus' gleich, einer ,Lust ohne Lust'." Gewiss hätte Adorno selbst nicht schlecht gestaunt über diesen Short cut von seiner "Ästhetischen Theorie" via "Wertschätzung" hin zum Markt - oder gar Marketing.
Notgedrungen lauert viele Seiten weiter der Aktienmarkt: "Der direkte Vergleich zwischen dem Insiderhandel an Börse und Kunstmarkt zeigt aber: Im Börsenwarenkorb ist der Wert jeder Aktie einer Firma identisch. Das lässt sich von den verschiedenen Werken eines Künstlers nicht behaupten. Es bleibt also ausschlaggebend, inmitten des vorhandenen Angebots den glücklichen Griff nach dem Meisterwerk im Gesamtoeuvre zu tun, ganz gleich, wie sehr das der heißen Insiderinfo nahekommt." Eine solche Schlussfolgerung bewegt sich auf Augenhöhe mit dem notorischen Vergleich zwischen Äpfeln und Birnen. Glückwunsch dem, der Obstsorten auseinanderhalten kann, möchte man anmerken.
Das eigentliche Problem dieses Buchs über den "Wert der Kunst" liegt aber darin, dass es interessierte Menschen, die etwas über die Kunst und ihren Markt erfahren wollen, ohne schon Vorkenntnisse zu haben, abspeist mit eben von den Medien längst breit getretenen Beispielen. Dazu gehören Damien Hirsts sattsam durchgehechelter, mit Diamanten besetzter, sündhaft teurer Platinschädel "For the Love of God" oder die hochbezahlten voluminösen Schöpfungen eines Jeff Koons. Daneben fallen unerläutert einfach weitere Namen: "Aber auch Fotografen wie Cindy Sherman und Andreas Gursky sind ihnen (nämlich Hirst und Koons) auf den Fersen, ebenso die Künstler der Leipziger Schule und die ,Neuen Chinesen' Fang Lijun, Yan Pei Ming, Zhang Xiaogang, Wang Yidon und Liu Ye, die sich alle der Millionenpreisklasse nähern." Einmal abgesehen davon, dass Sherman und Gursky nicht einfach "Fotografen" sind, und auch davon, dass diese Künstler sich, sofern in Auktionen höchstbezahlt - wie auch die "Leipziger Schule" (gemeint ist vermutlich die sogenannte "Neue Leipziger Schule") -, im unteren einstelligen Dollar-Millionen-Bereich bewegen, kennen selbst Insider die Namen der erwähnten chinesischen Zeitgenossen nicht zwingend, deren Hype überdies schon wieder zwei Jahre zurückliegt.
Völlig verwirrt wird dann, wer bei Nowikovsky unter dem markigen Rubrum "Auktionshäuser: Antreiber und Getriebene des Kunstmarktes" liest: "Was unter einer solchen Inszenierung der Preise zu verstehen ist, kann man bereits erahnen, wenn man an jene Galaauktionen in London und New York denkt, bei denen Rekordpreise mit Standing Ovations beklatscht werden." Hat man da am Ende etwas versäumt? Oder war man immer in den falschen Sälen? An "stehende Ovationen" erinnert sich übrigens selbst nicht, wer beim ersten Hundert-Millionen-Preis der Auktionsgeschichte überhaupt im Mai 2004 bei Sotheby's in New York im Raum anwesend war, als Picassos "Garçon à la pipe" versteigert wurde. (Wobei der Hammer tatsächlich bei 93 Millionen Dollar fiel; den Rest der insgesamt gut 104 Millionen Dollar macht das Käuferaufgeld aus.) Man darf sich also, ohne beckmesserisch zu sein, schon fragen, wem so ein knackiger Satz eigentlich nützt.
Den Abschluss des Buchs bildet keine Zusammenfassung, auf die man gehofft hatte, sondern auf sechs Seiten eine Auflistung von "Rekordpreisen", geordnet nach Höhe der Summen. Naturgemäß sind solche Rankings im Moment ihrer Aufstellung bereits veraltet, aber wenigstens gesicherte Daten sollte man von ihnen erwarten dürfen. Die ersten drei Positionen bilden "Privatverkäufe", im Feld von 140 bis 135 Millionen Dollar. Das geht gar nicht: Denn solange man nicht selbst die Lampe bei der Unterzeichnung eines dieser Mega-Deals mit Pollock, De Kooning oder Klimt gehalten hat, bleiben sie Kolportagen, die den Markt nur weiter aufheizen. Es folgen Resultate von Auktionen, ungeklärt ob exklusive oder inklusive des Aufgelds; Dollar, britische Pfund, Euro und französische Franc gehen wild durcheinander. Erwarten hätte man immerhin dürfen, dass der - bis November 2010 - teuerste bekannte Alte Meister eine vernünftige Erwähnung erfährt. Jedoch in Jacqueline Nowikovskys privater Liste ist cool verzeichnet: "76.700.000 $ / Peter Paul Rubens / "Massaker der Unschuldigen" / 1611 / 10. Jul 2002 / Sotheby's London". Was die Autorin wahrscheinlich damit sagen wollte: Der "Bethlehemitische Kindermord" von Rubens ist 2002 in London für 45 Millionen Pfund (mit Aufgeld 49,5 Millionen Pfund) versteigert worden. Noch nie hat ein Hauch von kunsthistorischer Kenntnis geschadet, schon gar nicht bei der Beschäftigung mit dem "Wert der Kunst".
ROSE-MARIA GROPP
Jacqueline Nowikovsky: "Der Wert der Kunst". $ 100.000.000?
Czernin Verlag, Wien 2011. 240 S., Abb., geb., 24,90 [Euro].