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: Der Traum vom Mädchen auf dem Motorrad

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Wir sind in Iran - auf den Fotografien von Oliver Kern: Sechs Männer, einige tragen Brille, fast alle einen dunklen Schnauzbart. Sie stehen hinter einer Durchreiche, in der Küche eines Restaurants in Isfahan. Sie schauen direkt in die Kamera, aufrecht und stolz mit neugierig gereckten Hälsen, fast so, als könnten sie unsere Welt erspähen.

          Wir sind in Iran - auf den Fotografien von Oliver Kern: Sechs Männer, einige tragen Brille, fast alle einen dunklen Schnauzbart. Sie stehen hinter einer Durchreiche, in der Küche eines Restaurants in Isfahan. Sie schauen direkt in die Kamera, aufrecht und stolz mit neugierig gereckten Hälsen, fast so, als könnten sie unsere Welt erspähen. Die Durchreiche wird zum Fenster zwischen zwei Welten. Abwartend halten die Männer inne, lauernd, was passiert, wenn der Fotograf den Auslöser erst einmal gedrückt hat.

          Persien, das klang lange nach Geheimnis und Verheißung, nach einem Land, in dem die kitschigsten Träume Wirklichkeit werden. Die Bilder, die heute aus Iran zu uns dringen, zeugen vor allem von Zwang und Repression: ein Präsident, feindselig eingestellt gegenüber allem, was aus dem Westen kommt; Sittenwächterinnen in schwarzen Tschadors, Fäuste schüttelnde Fanatiker.

          Das Land schottet sich immer weiter ab. Der deutsche Fotograf Oliver Kern hat sich trotzdem dorthin aufgemacht; zusammen mit Künstlern aus sieben europäischen Ländern sowie aus Indien und den Vereinigten Staaten hat er das Land drei Wochen lang bereist. Ihre Arbeiten sind in dem Band "Iran: A Winter Journey" veröffentlicht worden. Sie trafen auf eine Gesellschaft, die längst nicht so stark im Religiösen verhaftet ist, wie die Politiker es uns glauben machen wollen. Oliver Kern begegnete Menschen, die im Widerspruch leben, hin und her gerissen zwischen Freiheitswunsch und der Verpflichtung gegenüber ihrer Heimat - einem Land, das durch politische Demütigungen, durch Revolution und Kriege so verletzlich geworden ist. Und sie trafen auf eine Jugend, die es satthat, von den Vereinigten Staaten verteufelt zu werden.

          Die Magie von Kerns Fotografien entfaltet sich immer dann, wenn sie aufklärende Distanz hält und gleichzeitig ganz nah an die Menschen herangeht, an Lebensgeschichten und Schicksale. Kern versucht, das Land und seine Gesellschaft zu begreifen. Er fängt nicht nur die eigene Perspektive, sondern auch den Blick der Iraner auf den Fremden ein: Auf einer Fotografie aus der Stadt Nain posiert ein junger Mann mit stolzgeschwellter Brust, aber auch ein wenig schüchtern, skeptisch. Herausgeputzt in Jeans und schicken Turnschuhen, lehnt er lässig an seiner blankgeputzten Honda. Hinter ihm ist in eine Mauer aus Lehm eine alte, verrostete Tür eingelassen. Wer wird dort gleich heraustreten? Wen sehnt sich der junge Mann herbei, um sich gemeinsam aufs Motorrad zu schwingen? In der Altstadt von Isfahan traf Oliver Kern auf zwei Mädchen beim abendlichen Einkaufsbummel, die eine trägt einen weichfallenden Schleier, ihre Freundin hat das Haar dagegen keck unter einer Strickmütze versteckt. Welche der beiden Mädchen nähme der junge Mann lieber auf eine Spritztour mit?

          Die Menschen in Iran geben dem Fotografen immer eine Winzigkeit von sich preis, ihre Geschichten können wir nur erahnen, weiterspinnen anhand der wenigen Anhaltspunkte. Wir wissen nichts. Und doch ist Oliver Kern mit seinen Fotografien so nah an den Menschen, dass wir uns eine Vorstellung machen können. Das ist großartig.

          KAREN KRÜGER

          "Iran: A Winter Journey" herausgegeben von Walter Niedermayr und anderen. Verlag Fotohof edition 2007. Gebunden, 260 Seiten, 39 Euro.

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.09.2008, Nr. 225 / Seite R8

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