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Der graue Star

31.07.2011 ·  Die deutsche Filmlandschaft kennt er genau, Filmstars duzt er, und überhaupt kann ihm, was das betrifft, keiner etwas vormachen. Schon gar nicht die Schauspieler. Denn die, so der allgemeine Konsens, durchschaut er hinter seiner Linse so schnell, dass er seinem Namen alle Ehre macht.Jim Rakete ...

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Die deutsche Filmlandschaft kennt er genau, Filmstars duzt er, und überhaupt kann ihm, was das betrifft, keiner etwas vormachen. Schon gar nicht die Schauspieler. Denn die, so der allgemeine Konsens, durchschaut er hinter seiner Linse so schnell, dass er seinem Namen alle Ehre macht.

Jim Rakete fotografiert seit über dreißig Jahren die Stars am Himmel über Berlin und wird dafür landesweit gefeiert. Zur Wiedereröffnung des Deutschen Filmmuseums darf er jetzt seine persönliche Einschätzung zur Lage des deutschen Films kundtun: Sein neuer Bildband "Stand der Dinge" versteht sich als eine Bestandsaufnahme des vorhandenen Talents und fragt zugleich: "Warum machen wir nicht mehr gute Filme?"

Über mehr als zweihundert Seiten, gefüllt mit knapp hundert Porträts deutscher Schauspieler, Regisseure und anderer Filmschaffender, errichtet Jim Rakete eine "Hall of Fame" des deutschen Kinos. Um den Wiedererkennungswert zu unterstützen, setzt Rakete hier, entgegen seiner Gewohnheit, Farbe ein.

Das angekündigte Spektrum beschränkt sich dann aber auf übersättigte Erdtöne, rauf und runter deklinierte Graustufen und dumpfe Pastellfarben, die derart schwer auf den Gesichtern liegen, dass sie teilweise wirklich kaum noch zu erkennen sind. Eine grobkörnige Bildstruktur und reduzierte Tiefenschärfe gebe ihnen dann den Rest. Die Bilder sind fast kitschig und wirken vor allem unnatürlich. Dabei ist der Prominentenfotograf gerade dafür bekannt: Wenn von Jim Rakete die Rede ist, heißt es, seine Fotos seien "lebendig", "natürlich" oder, wie im Klappentext, "voller Respekt, von Mensch zu Menschen". Schönungen, Glamour und Starkult kommen Rakete nicht ins Bild. Er setzt auf Naturalismus.

Denn, so wird man hier belehrt, Substanz und Charakter drücken sich vor allem durch hervorgehobene Falten und Augenringe aus, was erklärt, warum August Diehl um zehn Jahre gealtert und die sonst so strahlende Heike Makatsch halb tot wirkt.

Als wäre das aber noch nicht genug, hat sich der Fotograf, ganz im Sinne seiner Anti-Inszenierungsklausel, noch etwas besonders Schönes überlegt: Jeder Porträtierte wird mit einer Requisite abgelichtet, die auf eine wichtige Rolle oder einen prägenden Film verweist.

So subtil wie die Idee ist auch das Ergebnis: Moritz Bleibtreu spielt mit der Beretta aus "Knocking on Heaven's Door", Nora Tschirner steckt sich einen "Keinohrhasen" in den Ausschnitt, Ulrich Tukur sitzt festgefroren im Wald, während ein Hund an seinem Ohr herumschleckt, Sophie Rois versteckt die Thermoskanne aus "Drei" unter ihrem Mantel. Nur Klaus Lemke ist wirklich ganz er selbst. Er wählt ein girl, wie er selbst sagen würde, aus "Schmutziger Süden" zum Accessoire. Die Gesichter von Corinna Harfouch, Fatih Akin oder Werner Herzog sucht man hingegen vergeblich.

Das Traurige an Jim Raketes Inszenierung ist, dass er seine Frage, warum deutsche Filme nicht besser sind, selbst beantwortet. "Stand der Dinge" verkörpert all das, was man auch am deutschen Kino kritisieren kann: Es wirkt gewollt, prätentiös und fehlt an Leichtigkeit, Charme und Sexappeal. Aber immerhin fehlt auch Veronica Ferres.

ANNABELLE HIRSCH

Jim Rakete: "Stand der Dinge". Mit Texten von Dominik Graf und Freddy Langer. Verlag Schirmer/Mosel, 208 Seiten, 49,80 Euro

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.07.2011, Nr. 30 / Seite 21
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