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Das zweite Gartenhaus im engen Hof zeigt Eigensinn

27.07.2011 ·  Wo kommt das Berliner Haus her? Und geht es ... vielleicht immer noch weiter?" Gegen alle historischen, politischen und geographischen Fraktionierungen der Stadt will Dieter Hoffmann-Axthelm den Gegenbeweis eines "zähen Eigenwillens" typologischer Elemente antreten. Fragen zur Typologie der Stadtarchitektur ...

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Wo kommt das Berliner Haus her? Und geht es ... vielleicht immer noch weiter?" Gegen alle historischen, politischen und geographischen Fraktionierungen der Stadt will Dieter Hoffmann-Axthelm den Gegenbeweis eines "zähen Eigenwillens" typologischer Elemente antreten. Fragen zur Typologie der Stadtarchitektur sind gerade in Berlin von hoher politischer Brisanz - und die vorliegende Monographie muss als ein Beitrag zur aktuellen Architekturdebatte gelesen werden.

Im Streit um die bauliche Zukunft Berlins ist die vermeintliche Fortführung etablierter Typologien nicht erst seit Hans Stimmanns Planwerk Innenstadt ein gern genutztes Argument. Der Rekurs auf den Berliner Block mit geschlossener Bebauung, einheitlicher Traufhöhe und steinerner Lochfassade sollte den dynamischen Prozessen der Wiedervereinigung formale Zügel anlegen - mit insgesamt wenig inspirierenden Ergebnissen. Bereits die für 1984 geplante Internationale Bauausstellung hatte - beflügelt von Aldo Rossis Plädoyer für eine beziehungsreiche Stadtarchitektur - eine ambitionierte Wende in der verrufenen Baupolitik der "Frontstadt" eingeleitet, die von Kahlschlagsanierungen und Mietspekulation geprägt war und im Häuserkampf vollends zu eskalieren drohte. Eine typologisch geschulte "kritische" Rekonstruktion stellte damals die Auseinandersetzung mit den historischen Stadträumen in ihren heterogenen Schichtungen und Strukturen über etablierte funktionalistische Planungsparameter.

Auch Hoffmann-Axthelm fasst den architektonischen Typus nicht formalistisch auf, sondern als ein Organisationsprinzip, als eine Summe lokaler Übereinkünfte. Im chronologisch geordneten Hauptteil wird eine Fülle von Material zur Berliner Baugeschichte ausgebreitet, eine beeindruckende Synthese, obwohl sie sich nicht immer auf der Höhe der verstreut publizierten Spezialforschung präsentiert. Die bauliche Entwicklung Berlins wird dabei in eine enge Beziehung zur Baupolitik und vor allem zu sozialen Fragen gesetzt. In dieser von der mittel-alterlichen Gründung bis heute aufgespannten Perspektive gerät indessen die Kernthese immer wieder aus dem Blick, nämlich die konsequente Herausarbeitung einer Typologie des Berliner Stadthauses in seinen Varianten und historischen Wandlungen. Der zu erbringende Nachweis struktureller Konstanz, die behauptete Zugehörigkeit der unterschiedlichen und oft sehr detailliert beschriebenen Befunde zu einer Familie, gelingt so nur punktuell. Die dichten Kapitel lesen sich über weite Strecken eher wie eine informierte und strukturell aufgeschlossene europäische Geschichte des Wohnens am Beispiel Berlins.

Tatsächlich lässt das Wenige, was zum Wohnen im mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Berlin bekannt ist, kaum typologische Eigenständigkeit erkennen. Wie in vielen märkischen Kolonistenstädten standen über Jahrhunderte giebel- und traufständige Häuser friedlich nebeneinander. Nach dem Epochenbruch des Dreißigjährigen Kriegs vollzieht sich der Hausbau dann, energisch gefördert durch die preußischen Herrscher, in augenfälliger Parallelität etwa zum nahe gelegenen Potsdam. Die anspruchsvollen Wohnungsbauprogramme Friedrich Wilhelms I. und erste einheitliche Bauordnungen führen hier wie dort zu einer Vereinheitlichung des Straßenbildes. Gleich ausgerichtete und achsensymmetrische Putzfassaden werden zur Norm, wie anders als in Berlin noch heute in der Potsdamer Neustadt anschaulich ist. Die Studie macht deutlich, wie stark die im achtzehnten Jahrhundert etablierten Wohnformen, von der Kaserne bis zum Kolonistenhaus, Produkte staatlicher Lenkung sind. Gleichzeitig kommt es mit der Entstehung eines freien Wohnungsmarktes zu hoher städtischer Verdichtung und Vermischung. Eine Antwort auf die Frage, wie die konstatierte "Abmagerung" der Typenvielfalt unter der Wucht des staatlichen Zugriffs mit der These der Herausbildung eines spezifisch berlinerischen Milieus zusammenzudenken ist, bleibt der Autor indessen schuldig.

Nachdem der Staat sich weitgehend aus der Reglementierung des Hausbaus zurückgezogen hatte, blieb das bürgerliche Mietshaus prägende Konstante städtischen Wohnens - ein mit Blick auf die künftige Entwicklung Berlins zur Mietermetropole lokalgeschichtlich entscheidender Schritt. Der jetzt etablierte Haustyp, der alle sozialen Schichten unter einem Dach versammelt, vom Hausbesitzer in der Beletage bis zu den Dienstboten in der Dachkammer, ist allerdings ein gesamteuropäisches Phänomen, und man vermisst eine fundierte Analyse, inwieweit sich das frühe Berliner Mietshaus von Beispielen in Dresden oder Paris unterscheiden soll. Dies gilt auch für den um die vorletzte Jahrhundertwende kanonisierten Typus, dem Jonas Geist schon vor Jahren eine monumentale Monographie gewidmet hat. Lokale Besonderheiten wie das Berliner Zimmer oder das Frankfurter Bad sind bis heute offenkundig, werden in ihrer Entstehung und erstaunlichen Konstanz aber kaum ernsthaft analysiert. Dies ist umso erstaunlicher, als für Hoffmann-Axthelm das Berliner Mietshaus, das mit geschlossener Blockstruktur und engen Höfen bis heute weite Gebiete der Stadt prägt, so etwas wie die Inkarnation des Berlinerischen und den Leittyp des Berliner Wohnhauses darstellt, demgegenüber der Autor die weitere Geschichte der Moderne nur als eine Geschichte des Verfalls begreifen kann. Von einer Überwältigung des Typus durch Architektur ist die Rede und, nicht unzutreffend, von einer Ablösung der Typologie durch Morphologie und Gestaltbildung.

Aus dieser Perspektive wird die gesamte Kernzeit der Moderne unterschiedslos zur Epoche der Typenvernichtung: die von Julius Posner so leidenschaftlich rehabilitierte Reformarchitektur und die heute als Weltkulturerbe gefeierten Siedlungen der klassischen Moderne ebenso wie der NS-Wohnungsbau und die Großwohnanlagen der Nachkriegszeit - "eigenschaftslose Behälter, in dem die Bewohner orts- und spurenlos verschwinden". Das zwanzigste Jahrhundert steht unter Generalanklage der Rationalisierung, der Durchsetzung industrieller Standards, die mit dem Ende lokaler Bindungen einhergeht. Die Wiederentdeckung der Typologie, des Ortes und des Lokalen in der Postmoderne kommt hier nur als Strohfeuer vor, die bereits genannte Internationale Bauausstellung in Berlin als untauglicher Versuch willkürlicher Importe.

Für die zeitgenössische Architektur, das ist die Stoßrichtung der Argumentation, ist jener typologische Rest zu mobilisieren, der als eine "nicht auszurottende Schicht sozialen Eigensinns" geblieben ist. Tatsächlich weiß man noch heute in einer Berliner Straße in der Regel ohne weiteres, dass man in Berlin ist. Und tatsächlich stellen sich in erfolgreichen aktuellen Bauprojekten vermehrt unterschiedliche Grobformen lokaler Typologien wieder ein: in Berlin Hof und Parzelle oder bei der Hamburger Hafencity der bereits seit hundert Jahren etablierte Großblock. Noch fesselnder hätte das Buch werden können, wäre der Autor diesen Beobachtungen konzentrierter nachgegangen, etwa im Anschluss an aktuelle Ansätze in der Stadtforschung, die solche erstaunlich stabilen Wahlverwandtschaften zwischen baulicher Umgebung und urbaner Praxis unter dem Arbeitsbegriff städtischer Eigenlogik in den Blick nimmt.

Hoffmann-Axthelm belässt es bei einem Plädoyer für ein neues urbanes Bauen, das städtische Architektur als ein "Ineinander von historischer Grundlage und heutiger Nutzung und Belastungsfähigkeit" begreift. Dem "Stadtbewohner" trägt er auf, sich die Bauherrnfunktion wieder anzueignen - und dem Architekten, jeweils zu prüfen, wie viele funktionale und soziale Stränge ein Gebäude aus seiner modernen Isolierung heraus wieder zu verknüpfen vermag. Der Aufruf, energisch am Typus weiterzuarbeiten, wird aber nicht leicht zu befolgen sein, angesichts der Vielfalt und der Brüche, die der Autor in seinem anregenden Buch aufgezeigt hat.

GERHARD VINKEN

Dieter Hoffmann-Axthelm: "Das Berliner Stadthaus". Geschichte und Typologie 1200-2010.

Dom publishers, Berlin 2011. 311 S., Abb., br., 28,- [Euro].

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 27.07.2011, Nr. 172 / Seite 28
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