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: Auf Geisterbahntour an den Tegernsee

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Immer häufiger erscheinen Comics, die keine fiktiven Geschichten (Superhelden, sprechende Tiere, historische Phantasien, um nur die berühmtesten Genres zu nennen) erzählen, sondern sich Sachthemen widmen. Allerdings leiden nicht wenige dieser Sachcomics darunter, dass zugunsten der Genauigkeit bei ...

          Immer häufiger erscheinen Comics, die keine fiktiven Geschichten (Superhelden, sprechende Tiere, historische Phantasien, um nur die berühmtesten Genres zu nennen) erzählen, sondern sich Sachthemen widmen. Allerdings leiden nicht wenige dieser Sachcomics darunter, dass zugunsten der Genauigkeit bei der Darstellung des jeweiligen Themas die Qualität der Zeichnungen zurückgestellt wird - Fakten sind nicht immer attraktiv zu gestalten, und große Textmengen stellen jeden Comic-Zeichner vor Probleme. Es gibt jedoch auch einfallsreiche Künstler, die dabei auch noch ambitioniert sind, wie den Aachener Willi Blöß, der sich vor einigen Jahren das Konzept einer kleinformatigen Serie mit schmalen gezeichneten Künstler-Monographien ausgedacht hat, die für jeweils drei Euro erhältlich sind und sich in Museumsbuchläden auch recht gut verkaufen. Das erste Dutzend ist mittlerweile voll, unter anderem finden sich dabei Titel zu Warhol, van Gogh, Frida Kahlo, Beuys oder Picasso.

          Der Gedanke, mit den eigenen zeichnerischen Mitteln das Werk großer bildender Künstler zu ehren, mag etwas Vermessenes haben, er ist aber auch naheliegend, weil man die Arbeiten der Porträtierten in den Erzählfluss integrieren kann. Geradezu vorbildlich haben das jetzt zwei Norweger, Lars Fiske und Steffen Kverneland, getan, die gemeinsam einen Band über das Leben ihres Landsmannes Olaf Gulbransson geschrieben und gezeichnet haben. Bibliographisch ist dieses Buch das genaue Gegenteil der Künstler-Sachcomics von Blöß, nämlich umfangreich, großformatig und kostspielig, mit einem Wort: opulent. Und im Bunde aus Fiske und Kverneland ist Gulbransson der dritte, denn ein nicht unerheblicher Teil des hundertachtzigseitigen Buches stammt aus seiner Feder. Überall dort nämlich, wo es autobiographische Quellen im gigantischen zeichnerischen Werk des berühmten Karikaturisten gab, wurden sie herangezogen, und so ist der Band mit dem albernen Titel "Olaf G." partiell eine Augenweide - partiell!

          Denn den überwiegenden Teil des Buches haben denn doch Fiske und Kverneland gestaltet. Fiske pflegt einen eckig-klaren Stil, wie ihn vor einem Vierteljahrhundert Zeichner wie Joost Swarte oder Ever Meulen populär gemacht haben, und mischt diese Einflüsse mit den physiognomischen Verrenkungen des aus "Mad" bekannten Don Martin. Das ist immerhin ungewöhnlich, hat aber nichts mit der grandiosen Linienreduktion von Gulbransson zu tun, die dessen neidische Kollegen in der Münchner Satirezeitschrift "Simplicissimus" zu dem Spottsatz bewegt haben soll, man müsse vorsichtig sein, leere Blätter wegzuwerfen, es könne sich um ein Original von Gulbransson handeln.

          Steffen Kvernelands Stil wiederum ist geradezu die ästhetische Antithese zu Gulbransson: Grotesk karikaturesk könnte man ihn nennen, und um ihn zu beschreiben, müsste man sich vorstellen, dass Gerhard Haderer Figuren vor Hintergründen von Greser & Lenz zeichnet. Es wird kräftig laviert und koloriert bei Kverneland, so kräftig, bis kein Eckchen Weiß des Papiers mehr zu sehen ist. An Gulbransson jedenfalls würde niemand beim Betrachten dieser Bilder denken. Umso stärker wirken dagegen die Reproduktionen seiner Zeichnungen, denen erfreulicherweise oft ganze Seiten eingeräumt werden.

          Gegenstand des Bandes ist eine Reise der beiden Norweger im Mai 2002 nach Tegernsee und München, den beiden wichtigsten Wirkungsorten von Olaf Gulbransson, der hundert Jahre zuvor als Siebenundzwanzigjähriger aus Norwegen nach Deutschland gegangen war, um dort für den "Simplicissimus" zu zeichnen. Er blieb, mit einer Unterbrechung von ein paar Jahren, hier bis zu seinem Tod 1958 - hochgeehrt im Gastland, doch in der Heimat nach dem Zweiten Weltkrieg geradezu verfemt, weil man es ihm in Norwegen übelgenommen hatte, dass er im nationalsozialistischen Deutschland geblieben war. Als der greise Gulbransson einen Antrag auf Rückkehr in sein Heimatland stellte, wurde er abgelehnt.

          Diese bis heute heiklen Aspekte des Lebens von Olaf Gulbransson sparen Fiske und Kverneland lange aus. Ihr vor vier Jahren in Norwegen erschienener Comic sollte die Zeichnerlegende einem neuen einheimischen Publikum erst einmal wieder bekannt machen, und deshalb wird 130 Seiten lang erst einmal der ganze Anekdotenschatz über Gulbransson verbraten, ehe die Rede auf sein Verhalten im "Dritten Reich" kommt. Das ist klug, zumal die skurrile Gestalt eines Nonkonformisten, wie sie die ersten zwei Drittel des Buchs malen, dann dem Bild eines Opportunisten weicht, der außer den eigenen keine anderen Interessen kannte. Dieser Kontrast macht "Olaf G." spannend.

          Doch bis es dahin kommt, muss man leider auch die hanebüchen erzählten Erlebnisse überstehen, die Fiske und Kverneland auf ihrer einwöchigen Deutschland-Reise hatten. Sehr schnell nutzt sich die Freude am Deutschen-Klischee und an den Alkohol- und Schweinshaxen-Exzessen der beiden Norweger ab, und zurück bleibt regelrechter Ärger über einen mutmaßlich ironisch gemeinten, aber unsagbar peinlich erzählten Bericht, der zudem immer wieder in banalste Adoration von Gulbransson umschlägt. Wollen wir den Quatsch verstehen? Nicht die Bohne!

          Über die Meisterschaft von Gulbranssons Strich wird viel geredet, ohne dass darüber viel zu erfahren wäre. Die Absetzung der historischen, schwarzweiß gezeichneten Reminiszenzen an das Leben des Zeichners von der kunterbunten bayrischen Geisterbahntour, als die Fiske und Kverneland ihre Reise an den Tegernsee empfunden zu haben behaupten, ist als Effekt zwar reizvoll, doch alsbald ist jedes Interesse an den Ereignissen des Jahres 2002 erloschen. Umso mehr hätten wir gerne über die Jahre von 1873 bis 1958 erfahren. Aber vielleicht taugt das Buch ja als Anregung für eine eigene Reise auf Gulbranssons Spuren; das in Tegernsee beheimatete Museum, das dem Zeichner gewidmet ist, wird bald seinen Erweiterungsbau abschließen.

          ANDREAS PLATTHAUS.

          Lars Fiske, Steffen Kverneland: "Olaf G.". Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger. Avant Verlag, Berlin 2007. 184 S., Abb., geb., 24,95 [Euro].

          Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.01.2008, Nr. 3 / Seite 37

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