20.08.2011 · PARIS, im AugustIn den Ansichtskartenständern der entlegensten Pariser Kioske prangt zwischen Eiffelturm und Sacré-Coeur oft auch "La Joconde", wie die Franzosen die "Mona Lisa" nennen. Dieses Angebot ist wohl Spätfolge eines Booms, der vor genau hundert Jahren eingesetzt hat. Denn das heute so populäre Bildnis wurde mit einem Schlag berühmt, als es plötzlich durch Abwesenheit glänzte.
PARIS, im August
In den Ansichtskartenständern der entlegensten Pariser Kioske prangt zwischen Eiffelturm und Sacré-Coeur oft auch "La Joconde", wie die Franzosen die "Mona Lisa" nennen. Dieses Angebot ist wohl Spätfolge eines Booms, der vor genau hundert Jahren eingesetzt hat. Denn das heute so populäre Bildnis wurde mit einem Schlag berühmt, als es plötzlich durch Abwesenheit glänzte. Leonardo da Vinci hatte es zwar persönlich dem französischen König Franz I. verkauft, und so gelangte es über Ludwig XIV. noch vor 1800 in den Louvre. Zum weltweiten "Megastar" machte es aber erst der Diebstahl im August des Jahres 1911.
Eines Montagmorgens, das Museum hatte seinen Ruhetag, war es verschwunden; vier Haken und das Bilderschild waren nun damenlos. Was das bis dahin von recht wenigen Kunstliebhabern geschätzte, in den ersten Jahren des 16. Jahrhunderts gemalte Porträt selbst nicht geschafft hatte - bis in die hinterste Provinz sogar in Arbeiterkreisen von sich reden zu machen -, gelang der jetzt einsetzenden Flut an Presseberichten und (natürlich noch schwarzweißen) Reproduktionen in wenigen Tagen. Auf rasch produzierten Mona-Lisa-Karten, die reißenden Absatz fanden, grüßte man Freunde und Verwandte mit der lakonischen Frage "Hast Du sie gesehen?" - und konnte sicher sein, verstanden zu werden: Paris, Frankreich, ja die Welt hatte begonnen, nach "ihr" zu fahnden. Weder das Erdbeben von Messina 1908 noch der Untergang der Titanic 1912 haben Journalisten und ihre Leser so beschäftigt wie 1911 die Rekonstruktion des Tathergangs und das Aufnehmen der Spuren.
Dabei war nicht einmal ein Einbruch zu verzeichnen. In einem Treppenhaus des Louvre waren der Rahmen der Mona Lisa, ihr Schutzglaskasten und ein Daumenabdruck zurückgeblieben; an einer Tür fehlte innen die Klinke. Es dauerte mehr als 24 Stunden, bis am Dienstagmorgen jemandem die verwaiste Wandzone auffiel, an der das Bild zwischen anderen gehangen hatte - und bis nach und nach Alarm gegeben wurde: So sehr war man montags mit dem Bohnern des Parketts beschäftigt, so sehr glich das Haus selbst am Ruhetag einem Taubenschlag, und so unwahrscheinlich und dreist erschien das Verschwinden des Bildes, das allenfalls beim Fotografen vermutet wurde. Stellvertreterschildchen (bons de déplacement) für vorübergehend zum Fotografen geschaffte, für eine Ausstellung entliehene oder beim Restaurator befindliche Werke waren damals im bedeutendsten Museum Frankreichs noch nicht in Gebrauch. Wie überhaupt einiges im Argen lag: Es stellte sich heraus, dass der Louvre ein akutes Aufsichtspersonalproblem hatte, besonders montags und jetzt, während der Ferien, erst recht. Fragwürdige Dienstpläne, aber auch das abstruse Privileg des Kriegsministeriums, dort seine - eher altgedienten oder untauglichen - Soldaten unterzubringen, gehören dazu. Frantz Jourdain, der Architekt der Samaritaine und Mitbegründer des Salon d'Automne, mahnte, das Kulturbudget sei seit sechzig Jahren nicht gestiegen, mit Folgen auch für die Kunst und ihre Sicherheit.
An Stellungnahmen selbsternannter Kriminalisten mangelte es ebenso wenig wie an Kompetenzstreitigkeiten der Experten. Voreilige Schlüsse und verwegene Theorien sprossen so schnell aus dem Boden wie die Pilze. Dabei wurde eine Armada von Klischees bemüht: Er hat sich sonntags einschließen lassen und dann die Leinwand gerollt hinausgeschafft . . .; er hält sich noch im Louvre auf, in dessen Kellern oder auf dessen Dächern . . .; er muss Komplizen haben . . .; die Arbeitergesetze sind schuld . . ., der freie Eintritt ins Museum. Dahinter kann nur ein Jude stecken, wussten die einen, nur ein Amerikaner die anderen. Verdächtigt wurden schließlich Kaiser Wilhelms II. Spione aus dem Deutschen Reich.
Als sich herumsprach, dass das 77 mal 53 Zentimeter große Bild auf Holz gemalt war - also nicht gerollt werden konnte -; dass es nur sechs Sekunden bedurfte, es von zwei Haken zu nehmen - die beiden anderen dienten der Konsolidierung - und nur einiger Minuten, es von Rahmen und Schutzglaskasten zu befreien sowie über einen Innenhof zu verschwinden: Da wurde der Raub mehr und mehr zur veritablen Staatsaffäre.
Der französische Kunsthistoriker und Journalist Jérôme Coignard erzählt all dies in seinem brillanten Buch "Une femme disparaît" (Eine Frau verschwindet). Der Autor schöpft dafür aus einem beeindruckenden Fundus an Dokumenten und Berichten aus Archiven und Publikationen der Zeit, Früchte langjähriger Forschungen. Er stellt einzelne Verantwortliche des Louvre, vom Saaldiener bis zum Direktor, und der staatlichen Kulturverwaltung vor, aber auch eine Menge kleiner und großer Ganoven, Hehler und Kleptomanen. Er verfolgt die Spuren - selbst jene, die in Sackgassen führen - und präsentiert mit Hilfe vieler Zitate aus Zeitungen und Zeitschriften ein kultur- und mentalitätsgeschichtliches Panorama der von Nationalismen durchtränkten Vorkriegsepoche. Coignard hatte dem Raub schon 1990 ein Buch gewidmet; sein aktuelles enthält naturgemäß weitere erstaunliche Details und bisweilen langen Atem verlangende, aber auch atemraubende Exkurse. Ein gewisser Otto Rosenberg aus Köln gilt ihm als mysteriöser Drahtzieher.
Der Protagonist ist der 1881 in einem Dorf bei Como geborene, über Mailand und Lyon nach Paris gelangte Anstreicher Vincenzo Peruggia, der sich dort als Handwerker verdingte. Mancher über den Umgang mit Pinsel und Farbe hinausgehende Auftrag führte den Italiener vor allem montags in den Louvre, wenn nur Führer und kleine Reisegruppen sowie Kopisten vor ihren Alten Meister Zugang hatten, und eben Reparaturen durchführende Handwerker. Zu Peruggias Aufgaben gehörte dann die Mithilfe beim Ent- und Verglasen sowie beim Ein- und Ausrahmen von Gemälden - seine diesbezügliche Gewandtheit wurde sehr geschätzt -, und zu seiner Halbbildung gehörte die Erkenntnis, dass Kunst seines Heimatlands durch Napoléon Bonaparte nach Paris verfrachtet worden war; von späterer Restitution hatte er dagegen nichts gehört.
Überzeugt, dass auch die Mona Lisa entführt wurde, betrat er am 21. August 1911 morgens gegen sieben Uhr über ihm bekannte Dienstbotengänge und -treppen den Salon Carré des Museums. Er turnte über eine simple Absperrung, ergriff das Bild, entledigte sich in einem nahen Treppenhaus des Rahmens und der Scheibe und eilte über den Seinekai zur nächsten Bushaltestelle, bevor er sich eine Droschke gönnte. Statt zu seiner Firma im Marais ließ sich Peruggia nach Hause fahren, deponierte seine Beute - und eilte zur Arbeit, wo er sich für seine ausnahmsweise Verspätung mit einem feuchtfröhlichen Ausrutscher am Sonntag entschuldigte. Als im Museum das Verschwinden der Mona Lisa im Laufe des nächsten Morgens auffiel, hatte sie in der bescheidenen, an der Cité Héron nahe der Canal Saint-Martin gelegenen Einzimmerwohnung ihres Kompatrioten bereits einen Tag und eine Nacht logiert.
Während sich die beiden Landsleute bei Pasta und Chianti im abendlichen Kerzenschein beäugt und angelächelt haben dürften, musste Lisa sich, wenn er zur Arbeit ging, mit einem Wandschrank, später mit einer Holzkiste unter dem Gitterbett begnügen. So verging die Zeit in trauter Zweisamkeit. Nervös waren allein das Museum, die Polizei und die Justiz. Denn zwei Jahre lang gab es nur Spesen, keine wirklich heiße Spur, darunter eine Ermittlungsreise nach Brüssel, die wiederum eine Verbindung nach Aachen, Köln und Berlin eröffnete. Die Ermittlungen gingen in alle Richtungen und traten letztlich auf der Stelle, als 1913 zwei Kunsthändler in Rom und Florenz ungefähr gleichlautende Schreiben erhielten, mit denen ihnen die Mona Lisa aus dem Louvre angeboten wurde.
Während der Römer auf das absurd erscheinende Angebot nicht antwortete, zeigte der Florentiner Kollege Interesse unter der Bedingung, dass ihm das Bild in Italien vorgestellt würde. Der Absender des Briefs, Monsieur Léonard de V., Poste restante, Paris - alias Vincenzo Peruggia - war hocherfreut: Endlich könnte er sich eine stattliche Entlohnung seiner Anstrengungen erhoffen und seinem Land einen Dienst erweisen, vielleicht sogar ein neuer Garibaldi werden. Der junge Mann wähnte sich unter Landsleuten und mutmaßlich ebenfalls eisernen Patrioten dermaßen sicher, dass er zustimmte, das Bild bis in das Büro eines befreundeten Experten des Galeristen zu schaffen. Als der Direktor der Uffizien den Besuch aus Paris empfing, verschlossen sich allerdings die Türen.
Peruggia wäre aufgrund eines Formfehlers beinahe noch einer Verurteilung durch die heimische Justiz entgangen - Frankreich, ohnehin blamiert, hatte vergessen, Italien den Diebstahl offiziell zu melden. Doch noch peinlicher war, dass Peruggias Fingerabdrücke in Paris seit 1909 auf einer vollständig ausgefüllten und zwei Passfotos enthaltenden Karteikarte archiviert, aber nicht mit dem hinterlassenen Daumenabdruck abgeglichen worden waren. Von anderen Pannen ganz zu schweigen.
Getreu der Erkenntnis, dass der Täter zum Tatort zurückkehrt, starb Vincenzo Peruggia im Jahr 1925, nach Verbüßung seiner kurzen Haftstrafe in Italien, in einem Pariser Vorort. Er war damals bereits so vergessen, dass man ihn später für entsprechende biographische Einträge - irgendwie steckte der Wurm wirklich in der ganzen Angelegenheit drin - mit einem Toten gleichen Namens aus dem Jahr 1947 verwechselt hat. Und die Mona Lisa? An Silvester 1913 kehrte "La Joconde" feierlich nach Paris zurück. Vermutlich hat sie den Tapetenwechsel, insbesondere den Ausflug in heimatliche Gefilde, in guter Erinnerung behalten. Oder wie sonst ist ihr Lächeln zu interpretieren?
PETER KROPMANNS
Jérôme Coignard, "Une femme disparaît. Le vol de La Joconde au Louvre en 1911". Le Passage Paris-New York Éditions 2010. 360 S., zahlr. Abb., 18,- [Euro].