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Kunst und Millionen Denn sie wissen ja, was sie tun

31.10.2006 ·  Fünf schwerreiche Sammler, ein Komiker und zwei Kunsthändler: Sie schieben derzeit die teuersten Bilder der Welt zwischen sich hin und her. Lisa Zeitz über den aktuellen Stand der Transaktionen.

Von Lisa Zeitz, New York
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Die Geschichte der Multi-Millionen-Dollar-Kunstgeschäfte ist um ein Kapitel reicher. Gerade hat Steve Wynn, der Kasino-Papst aus Las Vegas, den höchsten Preis für ein Kunstwerk überhaupt mit dem in Connecticut residierenden Hedge-Fonds-Manager Steven A. Cohen ausgemacht: 139 Millionen Dollar - das sind vier Millionen mehr, als Ronald Lauder angeblich für Klimts „Goldene Adele“ hinlegte - wollte Cohen für Wynns berühmtes Picasso-Bild „Le Rêve“ bezahlen.

Das Gemälde aus dem Jahr 1932 zeigt in bunter Farbigkeit und erotisierten Formen Picassos schlummernde rosige Geliebte Marie-Thérèse Walter. Als Vermittler bei dem Geschäft diente der New Yorker Galerist William Acquavella. Doch es kam etwas dazwischen - genauer gesagt: Es kam nicht irgend etwas dazwischen, sondern Steve Wynns Ellbogen, der bei einer kleinen Privatführung in Las Vegas ruckartig durch die Leinwand stach und einen zentimeterlangen Riß darin hinterließ. Womit der Super-Deal hinfällig war und Wynns Ehefrau Elaine sich zu der Bemerkung hinreißen ließ, dieses sei ein Zeichen, daß sie das Bild wahrscheinlich doch nicht verkaufen sollten. (Zu Cohen, der in diesem Fall also leer ausging, kehren wir weiter unten zurück.)

Hohe Frequenz an Kunstverkäufen

Trotz des einen, nicht vollzogenen Handels ist die Frequenz der Kunstverkäufe im mehrstelligen Dollarmillionenbereich so hoch wie noch nie - auch außerhalb der New Yorker Auktionssäle, wo in der zweiten Novemberwoche Werke von Monet, Cézanne, van Gogh, Klimt, Kirchner und immer wieder Picasso jeweils Preise im achtstelligen Bereich bringen sollen. Apropos Klimt: Es wird gemunkelt, daß die 190 Millionen Dollar, die Ronald Lauder, der Kosmetikunternehmer und Besitzer der „Neuen Galerie für deutsche und österreichische Kunst“ in New York, eben gerade im August aus dem Verkauf von Anteilen an einem osteuropäischen Medienunternehmen erhalten hat, ihm für weitere Einkäufe dienen könnten, allen voran die bei Christie's am 7. November auf vierzig bis sechzig Millionen Dollar geschätzte „Adele Bloch-Bauer II“.

Während noch immer die Identität des großen Unbekannten nicht gelüftet ist, der sich im Mai bei Sotheby's in New York überraschend Picassos Dora-Maar-Bild für rund 95 Millionen Dollar erwedelt hat, geht man aber allgemein davon aus, daß dieses Gemälde in Richtung Rußland ausgewandert ist. Im Gegensatz zu diesem Coup haben die jüngsten Sensationsverkäufe nun wieder innerhalb Amerikas und auf privater Ebene stattgefunden.

Große Summen - keine Details

Der in Los Angeles ansässige Philanthrop David Geffen, der sein Vermögen in der Film- und Musikindustrie gemacht hat, konnte im Lauf seiner Karriere eine hochkarätige Sammlung mit Werken von Jasper Johns, Willem de Kooning und Jackson Pollock zusammentragen. Ein Meisterwerk von Pollock soll er kürzlich für rekordverdächtige 138 Millionen Dollar an einen Sammler in Kalifornien verkauft haben - Details zu diesem Deal sind aber nicht bekanntgeworden. Außerdem heißt es, daß Geffen sich von zwei weiteren bedeutenden Werken der amerikanischen Kunst des 20. Jahrhunderts getrennt und sie für atemberaubende Summen an zwei Wall-Street-Milliardäre verkauft haben soll, die ihrerseits seit wenigen Jahren im Begriff sind, ebenfalls schwergewichtige Kunstsammlungen anzulegen. Aus Gründen, die auf der Hand liegen, stehen präzise Angaben über solche privaten Transaktionen nicht in Presseverlautbarungen.

David Geffen gehörte auch Jasper Johns' buntes Bild „False Start“ von 1959, ein von gestischen Farbfeldern bedecktes Bild in Blau, Rot und Gelb, das die Namen der Farben in den typischen Schablonenbuchstaben des Künstlers zeigt und als wichtiger Vorläufer der Pop-art gehandelt wird. Achtzig Millionen Dollar haben der achtunddreißig Jahre alte Hedge-Fonds-Manager Kenneth Griffin und seine Frau Anne aus Chicago dafür ausgegeben - den weitaus höchsten Betrag, der je für ein Werk eines lebenden Künstlers aufgebracht wurde. Forbes schätzt das Vermögen von Kenneth Griffin auf 1,5 Milliarden Dollar.

Lukrativer Weiterverkauf

Dieser private Deal zwischen Geffen und Griffin wurde von der in Chicago und New York ansässigen Richard Gray Gallery vermittelt. Die ersten Besitzer von Johns' Komposition waren die New Yorker Robert und Ethel Scull (ihr Porträt hat unter anderen Andy Warhol eindrucksvoll verewigt). Sie verkauften es aber schon nach weniger als einem Jahr an den Architekten François de Menil. Der lieferte es 1988 zur Auktion bei Sotheby's in New York ein, wo es für den damaligen Rekordpreis für einen lebenden Künstler - siebzehn Millionen Dollar - an den Verlagsmogul S. I. Newhouse versteigert wurde.

Newhouse verkaufte es vor rund fünfzehn Jahren an David Geffen. Die neuen Besitzer, Kenneth und Anne Griffin, werden „False Start“ im November 2007 als Leihgabe an das Art Institute of Chicago geben, das dort die Ausstellung „Jasper Johns: Gray“ organisiert. Außerdem unterstützen sie diese Ausstellung mit 500.000 Dollar, und sie haben dem Museum eine Stiftung von neunzehn Millionen Dollar als Beitrag zum Anbau für die Kunst der Moderne zugesagt, der von Renzo Piano errichtet wird und in drei Jahren fertiggestellt werden soll.

Der Weg eines Gemäldes

Das zweite Kunstwerk, das David Geffen jüngst zu Geld gemacht hat, ist Willem de Koonings abstrakte Landschaft „Police Gazette“ von 1955, deren wild bearbeitete Oberfläche von Gelb und Rot mit schwarzen Konturen dominiert wird. Der Galerist Sidney Janis kaufte das Bild einst dem Künstler ab; später gehörten der New Yorker Graphik-Spezialist Eugene Thaw, das Ehepaar Scull und wahrscheinlich Ernst Beyeler zu den Besitzern. Geffen übernahm „Police Gazette“ vor zehn Jahren von Steve Wynn. Jetzt gab er das Bild für 63,5 Millionen Dollar an den kamerascheuen Hedge-Fonds-Manager Steven A. Cohen, Jahrgang 1956, weiter, dessen Vermögen Forbes auf 2,5 Milliarden Dollar beziffert.

Seit dem Jahr 2000 sammelt Cohen Kunst, anfänglich Impressionisten, dann Moderne und Zeitgenossen, aber auch große Namen Alter Meister. Schon vor zwei Jahren hat David Geffen ihm für 52 Millionen ein „Drip Painting“ von Jackson Pollock verkauft. Außerdem wird sich de Koonings Landschaft bald in der Gesellschaft von Damien Hirsts „Hai im Aquarium“ wiederfinden (der Nachfolger des ersten, mürbe gewordenen Hais, den Cohen vor einiger Zeit für acht Millionen Dollar von Charles Saatchi erstand, wird allerdings derzeit noch in England einbalsamiert). Als Picassos „Garçon à la pipe“ sich vor zwei Jahren bei Sotheby's bis zu 104 Millionen Dollar hinaufschraubte, soll Cohen, so heißt es, bei achtzig Millionen Dollar ausgestiegen sein. Und Cohen ist der Mann, der vor gut zwei Jahren für etwa 25 Millionen Dollar Gunter Sachs die Warhol-Ikone „Superman“ abkaufte.

Angestachelte Erwartungen

Es gibt Gerüchte zu den Plänen, die David Geffen mit seinem freigesetzten Kapital hat: Will er die „Los Angeles Times“ kaufen, eine angesehene Zeitung, die in den vergangenen Jahren mit besonders vielen Pulitzer-Preisen geehrt wurde, aber in finanziellen Schwierigkeiten steckt? Oder will er, wie der Kunstwelt-Insider Josh Baer spekuliert, eine Summe „zwischen 100 und 150 Millionen Dollar“ in ein weiteres Werk von Pollock investieren?

Zu den Verkäufern der Saison gehört auch der weißhaarige Schauspieler Steve Martin, schon lange einer der bedeutendsten Sammler amerikanischer Kunst des 20. Jahrhunderts. Er ergreift die Gunst der Stunde und bringt in diesem Herbst ein spätes Gemälde von Edward Hopper auf den Markt: Das melancholische „Hotel Window“ aus dem Jahr 1955, dessen illustre Provenienz von der Sammlung Thyssen-Bornemisza bis zu Malcolm Forbes reicht, wird am 29. November bei Sotheby's - ohne Nennung von Steve Martins Namen - mit einer Taxe von zehn bis fünfzehn Millionen Dollar versteigert.

Die Kunstgeschäfte der Wall-Street-Milliardäre und Filmindustriellen kurz vor den großen November-Auktionen stacheln die Erwartungen an. Schon jetzt kann man nur staunen, mit welcher unerschöpflichen Finanzkraft einige Privatpersonen sich Kunst höchsten Ranges leisten können und dabei Hunderte von Millionen Dollar ausgeben.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 31.10.2006 Seite K3
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