Der Kunstmarkt birgt mannigfaltige Anekdoten. Jetzt kommt eine neue hinzu: In einer Schweizer Privatsammlung schlummerte ein altmeisterliches Figurenbild, über dessen Rang sich seine Besitzer nicht im Klaren waren. Ursprünglich zählte das 91 mal 125 Zentimeter große Werk mit einer alttestamentarischen Szene zur Kollektion des Sammlers Linker in Bilbao, bevor es um 1930 in Schweizer Besitz überging und nie mehr öffentlich zu sehen war. Gemalt hat es, wie sich jetzt herausstellte, kein Geringerer als Francisco de Goya.
Der Maler stellt in diesem Bild Lot und seine beiden Töchter dar, die aus der untergehenden Stadt Sodom geflüchtet sind. Im Hintergrund sieht man Lots Weib, das zur Salzsäule erstarrt ist, weil es zur brennenden Stadt zurückgeschaut hat. Der Fluch über Sodom und Gomorra tötete auch alle Männer, woraufhin Lots Töchter ihren Vater betrunken machen und später von ihm schwanger werden; die sonderbare Trinkszene hielt Goya fest. Frühe Gemälde des Spaniers - das vorliegende entstand um 1780 - sind äußerst selten auf dem Markt. Die Wiederentdeckung von „Lot und seine Töchter“ ist eine Sensation, denn die Forschung kannte das Werk nur noch in schwarzweißen Abbildungen. 600.000 bis 800.000 Franken lautet jetzt die Schätzung von Koller.
Nach einem Jahrhundert Abstinenz kehrt ein weiteres Gemälde auf den Markt zurück: „Christus und Johannes als Kinder, einander umarmend“ eine Arbeit des Antwerpener Meister Joos van Cleeve und seiner Werkstatt. Das wohl am Beginn des 16.Jahrhunderts gemalte Bild nimmt ein von Leonardo gefundenes Motiv auf, das sich besonders in den Niederlanden großer Beliebtheit erfreute. Die beiden in freier Natur sitzenden Knaben werden gerahmt von einer reich verzierten Palastarchitektur, die Cleeve detailreich wiedergibt. Für das vielfach ausgestellte Werk werden 220.000 bis 280.000 Franken erwartet.
Neben Spanien und den Niederlanden ist auch Italien prominent vertreten: Gian Lorenzo Bernini gilt als einflussreicher Bildhauer und Architekt des 17. Jahrhunderts, Papst Urban VIII. förderte ihn großzügig. Zu den wenigen bekannten Gemälden im Großformat zählt „Die Verspottung Christi“, die nun mit einer Taxe von 250.000 bis 350.000 Franken angeboten wird. Das lebensgroße Bildnis, vollendet vermutlich nach 1635, zeigt den nackten Christus in theatralischer Draperie, in sich gesunken, leidend. Unter mehreren Stillleben der Offerte fällt Balthasar van der Asts „Früchteteller mit Papagei“ auf. Auch dieses Gemälde blieb der Öffentlichkeit lange vorenthalten und geht nun mit einer Schätzung von 150.000 bis 200.000 Franken ins Rennen.
Nicht zufällig führt Iwan Konstantinowitsch Aiwasowski die Offerte des 19. Jahrhunderts an. Der berühmte Russe hat eine treue Anhängerschaft, seine elegischen Gemälde erfreuen sich gerade in Zürich reger Nachfrage. „Weite Landschaft mit Siedlern“ von 1856 (Taxe 450.000/700.000 Franken) zeigt die Rast einer langen Wagenkolonne der Krimtataren im Sonnenuntergang. Aiwasowski waren Land und Leute vertraut - es war die Heimat des weltläufigen Künstlers, in die er immer wieder zurückkehrte.
Einmal mehr ist auch Carl Spitzweg zu entdecken, sein „Ständchen im Mondschein“ aus dem Jahr 1840 führt uns in eine nächtliche Fensterszene. Der Geige spielende Protagonist erhofft vermutlich, durch sein Spiel die Aufmerksamkeit einer Dame zu wecken. Das aus einer Privatsammlung eingelieferte kleinformatige Bild ist auf 30000 bis 40000 Franken taxiert. „Der Landpfarrer mit dem Brevier“, ein zweiter Spitzweg, um 1848/50 in Öl auf kleine Leinwand gebracht ist mit einer Schätzung von 20.000 bis 30.000 Franken versehen.