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Kunst im Iran Teheran ist ihre Stadt: Ein Besuch bei der Künstlerin Jinoos Taghizadeh

 ·  „Die Preise meiner Arbeiten? Was ist das für eine Frage, diese Kunst hat keinen Preis, weil sich hier niemand findet, der sie kauft.“ Aber wie viele Künstler in Teheran hat sich Jinoos Taghizadeh eine Möglichkeit geschaffen, fern von Restriktion und Gesetzen ihre Kunst zumindest zeigen zu können.

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Ein Innenhof unweit der Teheraner Universität, eine Treppe führt hinunter zum Eingang einer Kellerwohnung. Davor steht eine goldfarbene Miniatur-Moschee aus Blech mit zwei Minaretten. Drei Öffnungen fordern dazu auf, sich zu bücken und hineinzusehen: Nicht Märtyrer oder Großajatollahs erscheinen, sondern bekannte Monumente Europas, der Eiffelturm und der Schiefe Turm von Pisa.

„Die Moschee“ ist ein Werk der Teheraner Künstlerin Jinoos Taghizadeh. Sie wohnt und arbeitet hier unten. „Die Preise meiner Arbeiten? Was ist das für eine Frage, diese Kunst hat keinen Preis, weil sich hier niemand findet, der sie kauft“, sagt Jinoos Taghizadeh und lacht resigniert. Sie hat auch keine Galerie, die sie vertritt, weder in Iran noch woanders.

Wie sie haben sich viele Künstler in Teheran eine andere Möglichkeit geschaffen, fern von Restriktion und Gesetzen ihre Kunst zumindest zeigen zu können. Ihr Kunstraum ist ihr Privatraum: „Meine Wohnung ist schon häufiger als Ausstellungsraum genutzt worden“, sagt sie vorsichtig und schaut etwas scheu um sich, als fände sie den Gedanken an ihre Treffen hier unten doch befremdlich.

Die Zensur ist strenger geworden

Der niedrige Raum ist zur Zeit Ort der Präsentation ihrer eigenen Arbeiten. Hier treffen sich Künstler, die Vertrauen zueinander haben und in ihren Werken zeigen, was sie bewegt. Hier können die Frauen ihre Kopftücher abnehmen, gemeinsam mit ihren männlichen Künstlerfreunden frei und ungehemmt feiern und diskutieren. „Seit Ahmadineschad die Regierung übernommen hat, sind wir etwas vorsichtiger geworden. Nicht, daß mehr passiert wäre, aber die Angst und die Erinnerung an die Zeit vor Chatami sind immer noch lebendig“, erklärt Jinoos Taghizadeh. Bisher bemerken die Künstler nur, daß die finanzielle Unterstützung für ihre Projekte radikal gekürzt und daß die Zensur strenger geworden ist: „Mit einem Mal will die Regierung wieder sehen, was wir ausstellen wollen“, sagt sie.

Siebzig Galerien gibt es in Teheran. Doch die meisten sind nicht an junger, provokativer Nachwuchskunst aus Teheran interessiert, sondern zeigen regierungsnahe, affirmative Werke oder etablierte Positionen iranischer Künstler, die sich in Europa und Amerika einen Namen gemacht haben. Auch im Stadttheater finden Galerieausstellungen statt. Zu ihren Eröffnungen kommen die liberalen Teheraner in Scharen.

Religiös und dekorativ

Diese Räume bilden den kulturellen Mittelpunkt der Stadt. Die meisten Einrichtungen - so auch das Museum für zeitgenössische Kunst in Teheran - sind jedoch eng verbunden mit dem Regime. „Dort findet man keine politische Kunst, da hätte ich keine Chance auf Unterstützung. Die Werke im Museum sind in erster Linie religiös und dekorativ“, sagt Jinoos Taghizadeh. Doch mit dekorativer, genauer „affirmativer“ Kunst hat auch sie ihre Erfahrungen: Um nach ihrem Kunststudium ihr Leben als Künstlerin finanzieren zu können, unterrichtet sie Studenten in Bildhauerei. Was dort tagtäglich entstehe, sei bestimmt keine politische oder hochkarätige Kunst, sagt sie.

In den Straßen Teherans sieht man keine zeitgenössische Kunst. Die smoggeschwärzten Hauswände schmücken monumentale Porträts religiöser Führer: Die Ajatollahs Chomeini und Chamenei in Endlosschleifen - die alten, ruhmvollen Männer Irans mit traditionellen Bärten. Die Instrumentalisierung des öffentlichen Raums für die Propaganda der Islamischen Republik ist für viele Künstlerinnen zum Symbol für die Einschränkung ihrer Freiheit und Individualität als Frau geworden.

Symbol weiblicher Identität

Jinoos Taghizadeh indessen hat es gewagt, in diesen ihr verbotenen Raum mit künstlerischen Mitteln einzubrechen. Fotos ihrer eigenen Handfläche - als Sinnbild für ihre Identität als Frau zwischen westlichen und östlichen Lebensvorstellungen - collagierte sie mit iranischen Schriftzeichen und Selbstporträts. Die Fotos klebte sie an die Häuserfassaden einer belebten Straße in Teheran. Immer wieder wurde sie von der Sicherheitspolizei aufgegriffen; als sie die Aktion zum zweiten Mal beginnen wollte, wurde sie ihr verboten.

Das erzählen jedoch nur ihre Freunde. Die Künstlerin selbst spricht ungern von den Repressionen. Kürzlich hat sie sich eine Kamera um den Hals gebunden und sich selbst in ihrem Alltag als Frau begleitet. In einer Ausstellung zeigte sie Utensilien aus ihrem Leben - Pinsel und Farbtube im Zerfall werden zum Mahnmal für die Kunst, die sie als Mittel ihrer ganz persönlichen Freiheit einsetzt.

Die Selbstbeschau wirkt im ersten Moment ein wenig banal und überholt, offenbart sich jedoch auf den zweiten Blick als einzige Möglichkeit für eine Künstlerin in Iran zu arbeiten, die in ihrem Alltag so eingeschränkt ist wie Jinoos Taghizadeh: Geboren 1971, acht Jahre vor der Revolution, ist sie vertraut mit dem freien Leben vor den politischen Umwälzungen; sie wächst auf in einem repressiven Staat und sucht einen Ausweg über die Kunst. „Es gibt nur ein Thema in meinem Leben: Wie komme ich in dieser Gesellschaft zurecht? Wie kann ich als Frau in Iran leben und überleben?“ So verteidigt sie ihre künstlerische Position.

Die Klischees des Westens

Gedanken daran, ihre Heimatstadt zu verlassen wie so viele iranische Künstlerinnen, um sich von den Zwängen zu befreien, hegt sie nicht: „Es ist mein Leben, und es ist nicht schlimmer als das Leben der andern, die in vermeintlicher Freiheit sind; denn man bleibt wohl für immer geprägt vom Alltag hier.“ Und fern von Teheran würde sie ihre Kunst verlieren. Wirklich traurig sei es, daß gute iranische Kunst nur noch für den europäischen Markt entstehe, daß die iranischen Künstler ihre Arbeiten so ausrichteten, daß sie den Klischeevorstellungen des Westens entsprechen, weil sich nur solche Dinge dort gut verkaufen ließen.

Es sei so einfach, in Europa „Tschador-Kunst“ zu verkaufen wie zum Beispiel die von Shirin Neshat. Immerhin - Jinoos Taghizadeh wird im Herbst ihre Werke in Frankfurt ausstellen.

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Jahrgang 1978, Redakteurin im Feuilleton.

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