Selten hat eine Versteigerung von Altmeisterzeichnungen so viel Aufsehen erregt wie jene im Juli 1984, in der bei Christie’s einundsiebzig Blätter aus der bemerkenswerten Sammlung zum Aufruf kamen, welche die Herzöge von Devonshire in ihrem Landschloss Chatsworth bewahren. Neben hochkarätigen Werken von Barrocci, Carracci, Guercino, Mantegna, Parmigianino, Claude Lorrain, Rubens und Rembrandt wurde auch eine Kreidestudie für Raffaels letztes Werk - die heute im Vatikan befindliche „Verklärung Christi“ - veräußert, die mit 3,3 Millionen Pfund den damaligen Höchstpreis für eine Altmeisterzeichnung erzielte.
Als der sorgfältig modellierte, durch das subtile Licht- und Schattenspiel gekennzeichnete „Apostelkopf mit Hand“ zwölf Jahre später aus dem Besitz der Pharmazie-Erbin Barbara Piasecka Johnson wieder zur Auktion gelangte, brachte er abermals einen Rekord ein: Diesmal stieg der Wert auf 4,8 Millionen Pfund an.
Ein Pastell macht Schlagzeilen
Inzwischen ist dieser Spitzenpreis mehrfach übertroffen worden - von Michelango, Andrea del Sarto, Leonardo da Vinci und schließlich auch von Raffael selbst. Seine Studie eines Musenkopfs für das Fresko des Parnass in den vatikanischen Stanzen hält seit Dezember 2009 den Rekord für die teuerste Altmeisterzeichnung - mit dem Zuschlag bei 26 Millionen Pfund.
Ihr Käufer war der New Yorker Finanzier Leon Black, der unlängst wieder mit dem Erwerb von Munchs Pastell „Der Schrei“ für einen spektakulären Hammerpreis von 107 Millionen Dollar, zum aktuelle Auktionsweltrekord, in die Schlagzeilen geriet. Jetzt wird mit Spannung erwartet, ob eine weitere Raffael-Zeichnung aus dem umfangreichen Chatsworth-Bestand den bisherigen Höchstwert überflügelt, wenn sie am 5. Dezember in London zum Aufruf kommt - bei Sotheby’s, wo der jetzige Herzog stellvertretender Vorstandsvorsitzender ist.
Einst waren drei Kartons in Chatsworth
Altmeisterzeichnungen vom Rang dieser auf behutsame zehn bis fünfzehn Millionen Pfund geschätzten, mit schwarzer Kreide ausgeführten Kopfstudie für den Apostel am linken Bildrand der „Verklärung“ sind kaum noch in privater Hand zu finden. Potentielle Käufer lassen sich an den Fingern einer Hand abzählen. Es handelt sich, wie bei der 1984 auktionierten Raffael-Zeichnung aus Chatsworth, ebenfalls um einen sogenannten Hilfskarton, auf den die Konturen des durchstochenen Hauptkartons mittels eines mit Kohlestaub gefüllten Säckchens übertragen worden sind, um dem Künstler zu erlauben, die Figur im Detail auszuarbeiten, bevor er sie zu malen begann.
Der sammelfreudige zweite Herzog von Devonshire muss im 18. Jahrhundert aus einer bislang nicht identifizierten Sammlung ein Konvolut von Studien für die unvollendete „Verklärung“ erworben haben, das von Kardinal Giulio de’Medici beauftragte Altargemälde - Vasari nannte es Raffaels schönstes und göttlichstes Bild -, vor dem der Künstler nach seinem Tod im April 1520 in seinem römischen Haus aufgebahrt wurde. Denn in Chatsworth befanden sich einst drei Hilfskartons: Einer, der heute im Victoria and Albert Museum ist, wurde dem Künstler und Sammler Thomas Lawrence geschenkt; darüber hinaus gehören noch zwei weitere Studien in roter Kreide zum Bestand. Sie sind zur Zeit mit dem für die Versteigerung bestimmten Apostelkopf in der Ausstellung über Raffaels Spätwerk im Prado zu sehen.
Der Erlös aus dem Verkauf des Apostelkopfs und zwei seltener illuminierter Handschriften, von denen sich der Herzog ebenfalls trennt, soll dem Unterhalt von Chatsworth dienen. Selbst nach diesen Veräußerungen besitzt der Herzog, der in seinem Schloss gerade ein neues Graphikkabinett für Ausstellungen mit Werken aus der rund 3000 Blätter umfassenden Sammlung eingerichtet hat, noch vierzehn Raffael-Zeichnungen, von anderen Schätzen wie Leonardos „Leda mit dem Schwan“ nicht zu reden. Der Apostelkopf wird während der „Frieze Masters“-Messe vom 10. bis zum 14. Oktober bei Sotheby’s in London ausgestellt.