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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Vor Gericht Ich will meine Fälschung zurück!

 ·  Der Skandal um die zweifelhaften Werke aus der New Yorker Galerie Knoedler zieht weite Kreise - und erlebt nun eine kuriose Wendung.

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© Anne Haeming „Honest Ed’s“ sieht aus wie ein Vergnügungspalast, ist aber ein Kaufhaus. Das Geschäft gehört David Mirvish, der jetzt klagt, um seine Fälschungen zurückzubekommen.

In Toronto steht ein Kaufhaus mit dem Namen „Honest Ed’s“. Es sieht aus wie ein Vergnügungspalast aus der Mitte des vergangenen Jahrhunderts. Das flache Gebäude ist über und über verziert mit altmodischen Leuchtreklamen; handgeschriebene Plakate in den Schaufenstern verheißen unerhörte Attraktionen. Der Witz der Installation: Mit den durchschaubarsten Tricks des Schaugewerbes wird die Sensation beworben, dass es im Ladeninneren mit rechten Dingen zugehen soll, dass der Käufer nicht hereingelegt wird. Das Geschäft ist das Werk von Ed Mirvish, der jeden Tag im Laden stand, bis er 2007 im Alter von 92 Jahren starb. Er war ein genialer Marketingstratege, der die Leute mit Niedrigpreisen lockte und mit lustigen Aktionen bei der Stange hielt. Die Kunden kommen wieder, weil sie sehen, was sie bekommen: Ramsch, der seine Herkunft nicht verbirgt.

Ein Kaufhaus und einige Theater als Erbe

David Mirvish, geboren 1945, hat von seinem Vater das Kaufhaus sowie mehrere Theater geerbt. Als Impresario holt er Broadway-Spektakel wie „Les Misérables“ und „The Lion King“ nach Toronto. Im Oktober 2012 enthüllte er die Pläne für einen Komplex aus drei Hochhäusern im Theaterbezirk seiner Heimatstadt, den der aus Toronto gebürtige Architekt Frank Gehry entworfen hat. Hier soll auch ein Museum entstehen, das David Mirvishs Kunstsammlung aufnehmen wird. Als Achtzehnjähriger eröffnete Mirvish in Toronto eine Galerie, die er zwölf Jahre lang betrieb, spezialisiert auf die amerikanische Farbfeldmalerei. Mirvishs Sammlung enthält Werke von Helen Frankenthaler, Morris Louis, Robert Motherwell, Kenneth Noland und Frank Stella.

Werke von Pollock als Handelsware

Die zwei Gemälde mit der Signatur Jackson Pollocks, die Mirvish 2003 und 2007 von der Knoedler Gallery in Manhattan kaufte, wollte er nie ausstellen, sondern von vornherein weiterverkaufen. Sie blieben deshalb im Besitz der Galerie, des ältesten Kunsthandelshauses in New York. Schon 2002 hatte sich Mirvish zur Hälfte an einem Gemälde beteiligt, das Knoedler ebenfalls als Werk Pollocks anbot. Dieses Bild fand einen Käufer. Der belgische Hedgefonds-Manager Pierre Lagrange zahlte siebzehn Millionen Dollar. Im November 2011 stellte Knoedler nach 165 Jahren von einem Tag auf den anderen den Geschäftsbetrieb ein. Lagrange hatte der Galerie ein Materialgutachten vorgelegt, wonach der Maler des Bildes eine Farbe verwendet hatte, die erst 1962, sechs Jahre nach Pollocks Tod, patentiert worden war.

Nach Darstellung von Knoedler stammte das Bild aus dem Nachlass eines Sammlers, der es direkt bei Pollock gekauft habe. Seine Erben, hieß es, wollten anonym bleiben. Die Provenienzangaben auf der Rechnung erwähnten nicht, dass Knoedler selbst (gemeinsam mit Mirvish) der Eigentümer des Bildes war und es einer auf Long Island wohnhaften Kunsthändlerin namens Glafira Rosales abgekauft hatte. Lagrange verklagte Knoedler sowie Ann Freedman, die langjährige, 2009 entlassene Direktorin der Galerie, wegen Betrugs vor dem Bundesgericht für den südlichen Bezirk des Staats New York (F.A.Z. vom 21. Juli 2012). Vier weitere Sammler, die bei Knoedler unbekannte Werke von Großmeistern des Abstrakten Expressionismus gekauft hatten, die alle aus derselben Quelle stammen, haben Klage eingereicht, zuletzt im Januar der liechtensteinische Baumaschinenfabrikant Michael Hilti (F.A.Z. vom 2. Februar) und am Donnerstag vergangener Woche die kalifornische Philanthropin Frances Hamilton White. Dem Eigentümer der Galerie, Michael Hammer, wird die Organisation bandenmäßigen Betrugs gemäß dem Gesetz über das organisierte Verbrechen vorgeworfen. Mit Lagrange hat Knoedler inzwischen einen Vergleich geschlossen, über dessen Inhalt wie üblich Stillschweigen vereinbart wurde.

Kuriose Wendung im Knoedlerfall

Jetzt hat die abenteuerliche Geschichte eine kuriose Wendung genommen, als in Person von David Mirvish ein fünfter Käufer gegen Knoedler und Hammer klagte. Während die anderen Kunden der Galerie den Handel mit Fälschungen zur Last legen, wirft Mirvish ihr das genaue Gegenteil vor: dass sie unzweifelhaft echte Bilder dem Handel entziehe. Mit der Schließung der Galerie sei Knoedler ihm gegenüber vertragsbrüchig geworden. Mirvish verlangt die Herausgabe der beiden Bilder, deren Eigentum er beansprucht, und die Auszahlung seiner Investition in das an Lagrange verkaufte und von diesem mutmaßlich im Zuge des Vergleichs an Knoedler zurückgegebene Bild - obwohl Mirvish seinen Anteil am Verkaufserlös bekommen hatte und behalten kann, da er keine Partei des Vergleichs ist.

Beim Kauf der beiden Bilder, die in den Akten unter den putzigen Namen des „grünlichen“ und des „quadratischen Pollock“ geführt werden, hatte Mirvish je nur die Hälfte der Kaufsumme überwiesen. Die andere Hälfte wurde ihm gestundet und als zinsloses Darlehen von Knoedler an Mirvish verbucht. Diese Darlehen will Mirvish nun nicht zurückzahlen, da sie aus dem Gewinn hätten getilgt werden sollen und Knoedler den Verkauf vereitelt habe. Für seine Rechte an den drei Bildern zahlte Mirvish insgesamt 4,85 Millionen Dollar. Den Hauptgrund für seine Klage darf man freilich darin vermuten, dass er seinen guten Namen verteidigen möchte. Er ist zwar nicht verklagt worden, aber aus den Darlegungen der Käufer ergibt sich ein Verdacht der Mitverschwörerschaft. Vor dem Kauf des „grünlichen Pollock“ erhielt Mirvish anders als spätere Kaufinteressenten Einsicht in ein Gutachten der International Foundation for Art Research (IFAR), das erhebliche Zweifel an der Echtheit äußerte.

Ritterlichkeit oder Geschäftssinn?

Pikanterweise wird Mirvish von derselben Anwaltskanzlei vertreten wie Ann Freedman, die entlassene Chefin von Knoedler. So spielt ein Moment der Ritterlichkeit in Mirvishs Aktion hinein: Er springt Freedman bei, die heute ihre eigene Galerie auf der Upper East Side betreibt und Frank Stella vertritt. „Honest Ed’s“: Das väterliche Markenzeichen verpflichtet. Die in der Klage ausgebreiteten Einzelheiten der Pollock-Transaktionen illustrieren allerdings auch, was David Mirvish sonst noch von seinem Vater gelernt hat: wie man im Discountgeschäft die Gewinnmarge durch Marketing optimiert. Die Klage legt dar, dass sich Mirvishs Gewinnerwartungen an die Vermarktungschancen knüpften, die mit der Reputation des weltbekannten Hauses Knoedler gegeben waren. Da Glafira Rosales andererseits in der Kunstwelt unbekannt war und ihre Geschichte vom unbekannten Sammler nicht mit Dokumenten belegen konnte, zahlten Knoedler und Mirvish einen für drei Pollock-Gemälde sehr niedrigen Preis. Felix Salmon von der Agentur „Reuters“ hat für Mirvishs Anlagemodell den Begriff der Provenienz-Arbitrage vorgeschlagen: Dass nicht Rosales, sondern das Haus Knoedler die Bilder auf den Markt brachte, vervielfachte den Preis.

Für Spekulanten muss das BIld nicht echt sein

Eine Feststellung über das an Lagrange weiterverkaufte Bild nennt Salmon den erstaunlichsten Satz in Mirvishs Klageschrift: „Ohne Knoedlers Zusage, das Bild zu vermarkten und zu verkaufen, war Mirvishs Investition in den silbernen Pollock wertlos.“ Salmon legt nahe, der Kläger spreche hier aus, dass es für seine spekulativen Zwecke auf die Echtheit des Bildes nicht angekommen sei. Luke Nikas von der Anwaltskanzlei Boies, Schiller & Flexner weist im Gespräch mit dieser Zeitung diese Deutung zurück. Naturgemäß schreibe sein Mandant dem von ihm für echt gehaltenen Werk Pollocks einen intrinsischen Wert zu. „Aber die Investition ist so lange wertlos, wie das Bild im Lagerhaus von Knoedler weggesperrt bleibt.“ Woher nimmt Mirvish seine Gewissheit der Echtheit? Warum haben ihn die Bedenken des IFAR-Gutachtens gegen den „grünlichen Pollock“ nicht überzeugt? Sein Anwalt verweist zunächst darauf, dass Mirvish eine der eindrucksvollsten Kunstsammlungen der Welt besitze. „Er hat selbst das Auge, um zu einem Urteil zu kommen.“ Außerdem hätten namhafte Experten die Echtheit der von Glafira Rosales an Knoedler verkauften Bilder bestätigt. Nikas nennt die Namen von Oliver Wick, einem Kurator der Fondation Beyeler, und Stephen Polcari, dem früheren Direktor des Archivs für amerikanische Kunst der Smithsonian Institution.

Austausch des Provenienz-Personals

Als Frances Hamilton White im April 2000 bei Knoedler für 3,1 Millionen Dollar ein mit „Jackson Pollock 49“ signiertes Gemälde kaufte, erhielt sie eine Rechnung mit der Versicherung, Stephen Polcari werde das Bild in einem Buch mit dem Arbeitstitel „A Design for Change“ abbilden, das bei Cambridge University Press erscheinen werde. Außerdem erhielt sie ein Exemplar eines älteren Buches von Polcari. Die Ankündigung der akademischen Erörterung hatte dieselbe Funktion wie in mehreren Vergleichsfällen das aus der Luft gegriffene Versprechen Ann Freedmans, das jeweilige Bild werde in die Neubearbeitung des Werkverzeichnisses des jeweiligen Künstlers aufgenommen. „A Design for Change“ ist nie erschienen.

Keine Spuren zu finden

Das IFAR-Gutachten nannte es unvorstellbar, dass, wie von Knoedler behauptet, Pollocks Nachbar Alfonso Ossorio der Vermittler zwischen dem Maler und dem Unbekannten gewesen sei. Späteren Kaufinteressenten wurde daher ein anderer Mittelsmann genannt: David Herbert, ein Angestellter in zwei auf Abstrakte Expressionisten spezialisierten Galerien. In diesem Austausch des Personals der Herkunftsgeschichte sehen die anderen Kläger ein wichtiges Indiz für den Betrugsvorwurf. Mirvish glaubt dagegen nach Auskunft seines Anwalts, dass zunächst Ossorio für den Unbekannten tätig war und ihn dann mit Herbert zusammenbrachte. Das IFAR-Gutachten habe sich auf die Aussage des Lebensgefährten von Ossorio verlassen, der nicht über jedes Geschäft seines Partners im Bild gewesen sein müsse. Die Annahme der Echtheit der Rosales-Sammlung setzt allerdings voraus, dass keines der Bilder von Pollock, Rothko, de Kooning, Motherwell und anderen irgendeine Spur in zeitgenössischen Dokumenten hinterlassen hat.

Discountpreise für Fälschungen

Mirvishs Anwalt stellt fest, die unzufriedenen Kunden von Knoedler hätten mit ihren Klagen den Schaden erzeugt, den sie vor Gericht geltend machten. Dabei hätten sie die Bilder, die sie jetzt zu Fälschungen erklärten, wegen der fehlenden Werkverzeichniseinträge zu Discountpreisen bekommen.

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Jahrgang 1967, Feuilletonkorrespondent in New York.

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