26.03.2010 · Seit zwanzig Jahren sind Gemälde für 300 Millionen Dollar aus dem Gardner-Museum in Boston verschwunden: eine Spurensuche.
Von Lisa ZeitzIn der verregneten Nacht vom 17. auf den 18. März 1990 klingelten zwei Männer mit falschen Bärten und Polizeiuniformen in Boston am Seiteneingang des Isabella Stewart Gardner Museums: „Police. Let us in.“ Gegen die Anweisung, niemanden einzulassen, öffnete einer der beiden Museumswärter die Tür. Die verkleideten Kriminellen überwältigten ihn und seinen Kollegen, fesselten sie, wickelten Klebeband um ihre Augen und Münder und ketteten sie im Keller mit Handschellen an. Dann begingen sie den größten Kunstraub aller Zeiten: Dreizehn Werke von teilweise unschätzbarem Wert sind bis heute verschwunden.
Auf der Website des FBI ist die Liste verzeichnet, deren Wert konservativ mit 300 Millionen Dollar beziffert wird: Die wertvollsten Stücke sind Jan Vermeers „Konzert“ aus der Zeit um 1665/1666 und Rembrandts einziges Seestück, die höchstdramatische Darstellung von „Christus im Sturm auf dem See Genezareth“. Rembrandts Leinwand haben die Gangster aus dem Rahmen geschnitten - allein das ein Hinweis, dass es sich nicht um Kunstkenner handelte; denn das fragile Gemälde hat jedenfalls großen Schaden genommen.
Bronze-Objekte als Pfand
Des Weiteren fehlen eine „Landschaft mit Obelisk“ von Govaert Flinck, ein niederländisches Doppelbildnis von unbekannter Hand, eine Rembrandt-Radierung mit seinem briefmarkengroßen Selbstporträt, fünf Zeichnungen von Degas, Manets Männerbildnis „Chez Tortoni“, endlich ein als „Ku“ bezeichnetes, antikes chinesisches Bronzegefäß und ein Bronzeadler, der von einer napoleonischen Standarte abmontiert wurde. Letzterer ist Dutzendware und wird von Militaria-Händlern schon für zweistellige Beträge angeboten. Verschont blieb Tizians spätes Meisterwerk „Raub der Europa“, das nur wenige Meter vom Streifzug der Einbrecher entfernt hing, ihnen aber mit mehr als zwei Meter Breite wahrscheinlich zu groß war.
Die zwei handlichen Bronze-Objekte, so vermuten die Ermittler, wurden wohl als Pfand mitgenommen. Hatten die Diebe vor, die Versicherung des Museums zu erpressen? Den Ku und den Adler hätten sie als Beweis dafür schicken können, dass sie auch den Vermeer und den Rembrandt haben, um Lösegeldforderungen zu untermauern. Doch gleich nach dem Raub wurde publik, dass das Museum gar nicht gegen Diebstahl versichert war, und es kam auch nie zu einer ernstzunehmenden Lösegeldforderung.
Verliebt in ein Gemälde von Vermeer
Den „schönsten Tatort aller Zeiten“ hat die BBC das Museum genannt, das Isabella Stewart Gardner vor rund hundert Jahren als Abbild eines venezianischen Palazzo in der Innenstadt von Boston errichten ließ. Es war nicht versichert, weil die Gründerin verfügt hat, dass ihre Sammlung nicht verändert werden darf: Das heißt, selbst wenn es eine Versicherungsprämie gegeben hätte, hätten die Kuratoren keinen Ersatz kaufen können. Die leeren Rahmen hängen immer noch an gleicher Stelle.
Nachdem ihr einziges Kind früh gestorben war, stürzte sich Isabella Stewart Gardner in Abenteuer wie Pferderennen, Boxkämpfe und Reisen bis in den Dschungel von Kambodscha. Auf einer Paris-Reise im Jahr 1892 besuchte sie das Auktionshaus Drouot und verliebte sich in Vermeers Gemälde „Das Konzert“. Da sie tiefer in die Tasche greifen konnte als die Vertreter der National Gallery in London und des Louvre, war sie es, die das Bild für 29.000 Francs ersteigerte.
Neue Suche nach DNA-Spuren
Kunst wurde ihre größte Leidenschaft. Bald korrespondierte sie mit dem jungen Kunsthistoriker Bernard Berenson, der für sie die Akquisitionen des Tizian, der Werke von Rembrandt und der Zeichnungen von Degas abwickelte. Botticelli, Raffael, Cellini, Velazquez, Manet, Matisse und viele andere kamen hinzu. Nach dem Tod ihres Mannes 1898 nutzte sie ihre finanziellen Kapazitäten für den Bau und die Ausstattung ihres privaten Museums. Da nichts verändert wird, ist der ganz spezielle Charme des Orts immer noch lebendig, in einer Mischung aus venezianischer Renaissance-Architektur, viktorianischen Draperien, Kunst aus drei Jahrtausenden und den frischen Blumen im Innenhof des Palazzos.
Nun soll das Klebeband, mit dem die Wärter gefesselt wurden, noch einmal nach DNA-Spuren untersucht werden. Seit zwanzig Jahren verfolgen Spezialeinheiten der Polizei, des FBI und selbständige Detektive alte Beiweisstücke, neue Hinweise und abstruse Theorien, doch von dem Diebesgut gibt es nach wie vor keine Spur. Der Journalist Ulrich Boser, dessen Bestseller „The Gardner Heist“ in diesem Monat in Amerika als Taschenbuch erscheint, begann sich für den Fall zu interessieren, als er die Bekanntschaft des Detektivs Harold Smith machte, der für seine Aufklärungsquote berühmt ist.
Gelagert in einem Schuppen?
Dem Treffen der beiden entsprang Bosers jahrelange unbefriedigte Obsession mit den verlorenen Bildern. Als Harold Smith starb, übernahm Boser dessen Akten und traf Verdächtige, Zeugen und Experten. Die Tatsache, dass der Raub in den Stunden nach St. Patrick's Day verübt wurde, nährte den Verdacht, es gäbe einen politischen Hintergrund, der bis zur irisch-republikanischen Partei Sinn Féin reiche. Doch Smith hatte Boser anvertraut, er halte die Täter für „bodenständige Einbrecher“. Boser kam bei seinen Nachforschungen zu dem Ergebnis, dass der Bostoner Räuber und Mörder David Turner, genannt „Golden Boy“, die Tat mit einem Komplizen namens Reissfelder begangen hätte: Einbrüche an Feiertagen waren typisch für Turner, der dem Phantombild ähnlich sieht, enge Verbindungen zur Bostoner Mafia pflegte und auch bei der Polizei auf der Liste möglicher Täter stand.
Reissfelder ist mittlerweile an einer Überdosis Kokain gestorben, und Turner sitzt wegen anderer Delikte noch bis 2032 im Gefängnis. Er hat den „Gardner- Heist“ nie zugegeben, aber Boser schreibt, Turners Mafia-Boss Carmello Merlino habe zweimal erfolglos versucht, mit dem FBI die Rückgabe der Werke auszuhandeln. Merlino und andere Verdächtige leben nicht mehr. Viele der Ermittler, so auch Boser, hoffen, dass die Werke in irgendeinem Schuppen in der Nähe von Boston lagern, und dass sie irgendwann wieder auftauchen. Deshalb hat das FBI dieser Tage eine neue Kampagne angeschoben: Plakatwände an den Autobahnen erinnern an die Fünf-Millionen-Dollar-Belohnung für Hinweise auf den Verbleib der Werke. Und daneben prangt Rembrandts „Sturm auf dem See Genezareth“.